Kunst im Hotel: Schlafen zwischen Picasso und Dalí
Von Christian Haas
Im «One Aldwych», dem mitten im Londoner Theaterviertel gelegenen Luxushotel in einem edwardianischen Gebäude von 1907, begrüsst ein bunter Pappmaché-Hund von Justine Smith die Gäste am Empfang. Er heisst Spencer. Unweit davon sitzt «The Oarsman», eine eindrucksvolle Holzskulptur eines Ruderers des Bildhauers André Wallace, über dessen hoch in die Luft ragenden, überdimensionierten Rudern florale Skulpturen von Stephen Woodham schweben, der Blumen kopfüber gedeihen lässt.

Bunter Kunsthund im edwardianischen Luxushotel – zeitgenössische Werke von Lobby bis Lift. (Bild: zVg)
Wohin man blickt, ist Kunst das grosse Thema. Im gesamten Fünf-Sterne-Haus verteilt sich eine permanente Ausstellung zeitgenössischer Werke – von den Fluren bis zu den Zimmern. Selbst der Aufzug fungiert als Bühne für Lichtkunst im schrillen Stil der Pop-Art aus den 60er-Jahren. Die über 400 Werke versteht das Boutiquehotel nicht als Investment, sondern als Augenschmaus für die Gäste und als besonderes Kennzeichen des Hauses. Gründer Gordon Campbell Gray bringt es auf den Punkt: «Nichts wirkt so langweilig wie Standardisiertes, und nichts veraltet so schnell wie Design-Trends.» Kunst hingegen sei zeitlos.
Mit dieser Haltung steht das One Aldwych nicht allein. Immer mehr Hoteliers setzen auf Originale arrivierter oder aufstrebender Künstler, richten eigene Galerien ein oder bespielen Foyers, Restaurants und Zimmer mit Gemälden, Skulpturen und Installationen.
Von Dalí bis Brueghel
Ein schillerndes Beispiel ist das Palasthotel «Le Negresco» in Nizza. Rund 6000 Werke von der Renaissance bis zur Gegenwart machen das Belle-Époque-Haus zu einem lebenden Kunstmuseum. Im Innenbereich werden Arbeiten von Raymond Moretti, Salvador Dalí und Niki de Saint Phalle auf beeindruckende Weise mit auserlesenen Antiquitäten und historischen Gemälden kombiniert. Wer auf den Geschmack kommt, besucht das nahe Musée Matisse oder das Musée National Marc Chagall.

Belle-Époque-Pracht trifft auf 6000 Kunstwerke von Dalí bis Saint Phalle. (Bild: zVg)
Museal wirkt auch das zur Rosewood-Gruppe gehörende Schloss Fuschl im Salzburger Land. Mehrere hundert Gemälde Alter Meister des 16. bis 19. Jahrhunderts schmücken Zimmer und Suiten. Zu den Höhepunkten zählen das Gemeinschaftswerk von Joos de Momper d. J. und Jan Brueghel d. Ä. sowie eine «Allegorie des Geschmackssinnes» von Jean François de Troy. In der Lobby setzt zudem ein Werk von Georg Baselitz einen zeitgenössischen Akzent.
Pilgerstätte in den Highlands
Als wahre Pilgerstätte gilt das «Fife Arms» in den schottischen Highlands. Rund 16’000 Kunstwerke verwandeln das Luxushotel in ein «lebendes Museum», für dessen Studium man sich mehrere Tage einbuchen könnte. In der Lobby spielt ein selbstspielendes Steinway-Klavier Melodien, gegenüber hängt Picassos Porträt von Marie-Thérèse Walter. Im Speisesaal findet sich ein Original-Brueghel, andernorts eine Hirschzeichnung von Queen Victoria oder ein Geweih-Kronleuchter von Richard Jackson. Unter dem Motto «Artists in residence» werden regelmässig Künstler eingeladen, vor Ort zu malen, zu fotografieren oder zu schreiben.

Dicht gehängte Meisterwerke und Kuriositäten – ein «lebendes Museum» in historischem Ambiente. (Bild: zVg)
Auch das «Solaz Resort» im mexikanischen Los Cabos verbindet Hotellerie und Kunst. Zahlreiche Installationen und Originalwerke, viele von César López-Negrete, sind von Kultur, Landschaft und Geschichte der Baja-Halbinsel inspiriert – darunter grosse geometrische Skulpturen, handgefertigte Möbel und mehr als 400 Kunstwerke. Hinzu kommt die indigene Galerie «El Gabinete Del Barco» mit regionalen Artefakten von Harpunen bis zu historischen Karten sowie einem 13 Meter langen Grauwalskelett.
Natur in der Kunst steht im südafrikanischen «Grootbos Resort» im Fokus. Das Florilegium – nach den Royal Botanic Gardens in London das bedeutendste seiner Art – zeigt über 120 detailreiche Illustrationen seltener Pflanzen der Cape Floral Kingdom-Region. Präsentiert wird die Sammlung in der Hannarie Wenhold Botanical Art Gallery.

Zeitgenössische Skulpturen und mexikanische Kunst vor karger Küstenkulisse. (Bild: zVg)
Eher klassisch positioniert sich das «Waldorf Astoria Rome Cavalieri» in der italienischen Hauptstadt, es beherbergt eine der grossartigsten privaten Kunstsammlungen überhaupt. Schon die Lobby ist ein Schaulaufen der Kunstgeschichte: Die hier hängenden Tiepolo-Gemälde wären in so manchem Museum das Highlight, im Cavalieri sind sie nur eines von etlichen Hochkarätern. Insgesamt umfasst die Sammlung mehr als 1000 Kunstwerke, von Beauvais-Wandteppichen über Warhol-Bilder bis hin zu Statuen und antiken Möbelstücken. Kurz: Das Luxushotel ist ein Gesamtkunstwerk.
Eine Sonderstellung nimmt das «QT Sydney» ein. Historische Gebäudeelemente treffen hier auf Installationen, Designmöbel und LED-Wände. Gäste erhalten zudem Zugang zu Events und Privatführungen im Museum of Contemporary Art.
Schlüsselkarte als Eintrittsbillet
Le Méridien verknüpft seine Häuser mit lokalen Kunsttempeln: Unter dem Motto «Unlock Art» dient die – teils von Künstlern gestaltete – Schlüsselkarte als Eintrittskarte zu Museen wie dem Brüsseler Palast der Schönen Künste oder dem MUCA in München. Dort prägen Installationen, Licht- und Klanginszenierungen das Ambiente.

Tiepolo, Wandteppiche und Warhol – Kunstgeschichte in der Hotellobby. (Bild: zVg)
Radikal umgesetzt ist das Konzept im Berliner «Arte Luise Kunsthotel». 50 Kreative haben in den 50 Zimmern des Hotels in Berlin-Mitte ihre raumbezogenen Konzepte umgesetzt und Refugien geschaffen, die dem Gast als Einstimmung auf die nahegelegenen Museen und Galerien dienen können oder aber auch der Inspiration oder Besinnung. Konsequent ist jeweils das gesamte Zimmer Gegenstand des künstlerischen Konzeptes, inklusive Möblierung und sonstiger Ausstattung. Vorab werden Gäste in der Lobby mit Skulpturen und Installationen empfangen und finden im Treppenhaus einen philosophischen Parcours. Sogar die Raucherlounge ist künstlerisch akzentuiert.

50 Zimmer, 50 Künstler – jedes ein begehbares Gesamtkunstwerk. (Bild: zVg)
Um Kunst in Hotels zu erleben, müssen Sie die Schweiz übrigens nicht verlassen. Hier lesen Sie mehr zu Schweizer Hotels mit starkem Kunstbezug.













