«Europa bleibt anfälliger für Schocks »
Von Jérôme Sicard
Herr Plassard, wo liegen aktuell Ihre stärksten Überzeugungen in der Asset Allocation?
Um meine aktuellen Überzeugungen zu verstehen, muss man die Zäsur zwischen 2024 und heute betrachten. Vor zwei Jahren war der Markt extrem konzentriert. Eine einfache Exponierung im S&P 500 in US-Dollar reichte aus, um Performance zu erzielen. Diese Phase ist vorbei.
Wir befinden uns heute in einem deutlich komplexeren Umfeld, in dem die Streuung der Performance und die makroökonomische Analyse wieder entscheidend werden. Ich strukturiere meine Allokation aktuell entlang von drei zentralen Treibern – den drei «R»: Resilienz, Repricing und Reallokation.
Fangen wir mit der Resilienz an.
Die Weltwirtschaft hält sich besser als erwartet, insbesondere in den USA, wo das Wachstum trotz wiederkehrender Rezessionsprognosen über 2 Prozent bleibt.
Dann das Repricing.
Der Markt hat lange einen raschen Zinssenkungszyklus antizipiert, der so nicht mit der wirtschaftlichen Realität übereinstimmt.
«Die Weltwirtschaft hält sich besser als erwartet, insbesondere in den USA.»
Und schliesslich die Reallokation.
Diversifikation gewinnt wieder deutlich an Bedeutung und wird erneut zu einem zentralen Element der Portfoliosteuerung.
Zusammenfassend bedeutet dies?
Vor diesem Hintergrund bleibe ich grundsätzlich konstruktiv für Aktien, jedoch mit deutlich höherer Selektivität. Ich fokussiere mich auf Unternehmen mit Pricing Power, soliden Bilanzen und gut sichtbaren Cashflows. Gleichzeitig halte ich eine signifikante Exponierung in Themen wie künstliche Intelligenz und Halbleiter aufrecht, die strukturelle Wachstumstreiber bleiben, achte jedoch verstärkt auf Bewertungsrisiken. Ergänzend setze ich auf Rohstoffe als Absicherung gegen geopolitische Risiken und erhöhe schrittweise wieder die Gewichtung qualitativ hochwertiger Anleihen, sofern das Zinsniveau wieder attraktiven Carry bietet.
Wie sieht Ihr zentrales Marktszenario derzeit aus?
Mein Basisszenario bleibt ein Soft Landing mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 55 Prozent. Die Annahme ist, dass sich die Wirtschaft verlangsamt, ohne in eine Rezession zu fallen – insbesondere in den USA, wo die Dynamik trotz restriktiver Geldpolitik solide bleibt.
«Der wichtigste Risikofaktor liegt aktuell im Energiesektor.»
Dieses Szenario ist jedoch stark von geopolitischen Entwicklungen abhängig. Der wichtigste Risikofaktor liegt aktuell im Energiesektor. Eine anhaltende Störung der Versorgung – etwa durch eine Blockade der Strasse von Hormus – könnte erhebliche Auswirkungen auf Inflation und Wachstum haben.
In einem solchen Fall wäre ein zweiter Inflationsschock denkbar, kombiniert mit einer wirtschaftlichen Abschwächung, wodurch das Szenario eines sanften Abschwungs infrage gestellt würde. Europa wäre besonders anfällig, insbesondere aufgrund seiner Energieabhängigkeit und der strukturellen Schwächen einzelner Volkswirtschaften wie Deutschland.
Sind die Märkte Ihrer Meinung nach derzeit korrekt bewertet?
Die Diskussion über Bewertungen ist oft zu vereinfachend. Eine hohe Bewertung ist kein Problem, sofern sie durch glaubwürdige Wachstumsperspektiven gerechtfertigt ist. Das gilt insbesondere für Sektoren wie künstliche Intelligenz, in denen Unternehmen ambitionierte Entwicklungsdynamiken aufweisen.
Was sich jedoch verändert hat, ist die Anspruchshaltung des Marktes. Wo früher Ankündigungen ausreichten, verlangen Investoren heute konkrete Ergebnisse. Der Markt ist deutlich selektiver geworden, und Enttäuschungen werden unmittelbar sanktioniert.
Zudem bestehen strukturelle Unterschiede zwischen den Regionen. Die USA erscheinen teurer, was jedoch durch die Qualität und das Wachstumspotenzial der grossen Unternehmen gerechtfertigt ist. Europa ist günstiger bewertet, bleibt jedoch anfälliger für externe Schocks, insbesondere im Energiebereich, und verfügt über weniger Wachstumstreiber.
«Das Risiko ist doppelt: Entweder handeln die Zentralbanken zu spät oder gar nicht.»
Einige Risiken sind zudem noch nicht vollständig eingepreist, insbesondere im Energiebereich. Ein anhaltender Anstieg der Energiepreise könnte die Margen belasten und die Markterwartungen verändern.
Welche Risiken bereiten Ihnen derzeit die grössten Sorgen?
Das grösste Risiko bleibt ein geldpolitischer Fehler. Zentralbanken agieren in einem äusserst komplexen Umfeld, und die Gefahr einer Fehlsteuerung ist erheblich.
Wie die Vergangenheit gezeigt hat, können Entscheidungen zu spät oder unzureichend getroffen werden. Die aktuelle starke Datenabhängigkeit erhöht das Risiko, dass entscheidende Zeitfenster verpasst werden. Das Risiko ist doppelt: Entweder handeln die Zentralbanken zu spät oder gar nicht.
Der Energiesektor stellt ebenfalls ein bedeutendes Risiko dar, doch ein geldpolitischer Fehler hätte weitreichendere Konsequenzen, da er das gesamte Finanzsystem und die Finanzierungskonditionen beeinflussen würde.
Wie haben sich Ihre Portfolios in den letzten fünf Jahren verändert?
Die Portfoliosteuerung ist deutlich dynamischer und reaktiver geworden. Das Umfeld ist strukturell instabiler, insbesondere durch zunehmende geopolitische Spannungen – sei es durch den Ukraine-Krieg, Handelskonflikte oder politische Entwicklungen.
In diesem Kontext hat Liquidität wieder eine zentrale Rolle eingenommen. Sie ermöglicht schnelle Anpassungen und ist selbst zu einem wichtigen Instrument des Risikomanagements geworden. Gleichzeitig haben wir unsere Anforderungen an die Bilanzqualität deutlich erhöht, um Unternehmen zu bevorzugen, die auch in volatilen Phasen widerstandsfähig bleiben.
«Künstliche Intelligenz ist nicht mehr nur ein Innovationsthema, sondern ein strategischer Vermögenswert.»
Die relative Stärke der US-Wirtschaft hat zudem zu einer Übergewichtung amerikanischer Assets geführt. Europa hingegen bleibt anfälliger, sowohl aufgrund seiner Energieabhängigkeit als auch struktureller Wachstumsschwächen.
Die Übernahme von Manus durch Meta wurde von China blockiert. Wie beurteilen Sie diesen Vorgang?
Dieser Fall ist symptomatisch für einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel. Künstliche Intelligenz ist nicht mehr nur ein Innovationsthema, sondern ein strategischer Vermögenswert – vergleichbar mit Halbleitern, Batterien oder seltenen Erden.
Bemerkenswert ist, dass selbst ein ausserhalb Chinas ansässiges Unternehmen mit chinesischem Talenthintergrund implizit politischer Kontrolle unterliegt. Dies zeigt, dass technologische Souveränität zunehmend Vorrang vor wirtschaftlicher Logik hat. Der Begriff der «nationalen Sicherheit» fungiert dabei als weit gefasstes regulatorisches Instrument.
Für Investoren stellt sich damit die grundlegende Frage des politischen Risikos. Der chinesische Markt bleibt in Teilen attraktiv, ist jedoch von struktureller Unvorhersehbarkeit geprägt. Entscheidungen können jederzeit und unabhängig von fundamentalen Faktoren revidiert werden.
Darüber hinaus fügt sich dieser Vorgang in eine zunehmend ausgeprägte Rivalität zwischen den USA und China ein. Künstliche Intelligenz ist zu einem zentralen Wettbewerbsfeld geworden, auf dem beide Seiten versuchen, die gesamte Wertschöpfungskette zu kontrollieren – von Chips bis zu Anwendungen.
Es handelt sich längst nicht mehr nur um eine technologische Rivalität, sondern um eine Machtfrage. Für die Märkte bedeutet dies eine zunehmende Fragmentierung und die Entstehung weniger integrierter Anlageuniversen.
John Plassard ist seit Juli 2025 Partner und Leiter der Anlagestrategie bei Cité Gestion. Zuvor war er bei Mirabaud & Cie als Senior Investment Specialist tätig. Frühere Stationen umfassen Führungspositionen bei Louis Capital Markets sowie bei Exane BNP Paribas. Zudem ist er Herausgeber der weltweit verbreiteten strategischen Publikation «Morning & Synthesis» und Autor mehrerer Bücher zu Wirtschaft und Anlagestrategien.
Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit SPHERE.












