Victor Rosser: «Ich war schon als kleines Kind jedes Jahr als Zuschauer am Sechseläuten»
In der Rubrik Backstage geben interessante Persönlichkeiten aus der Finanzwirtschaft und darüber hinaus jeden Mittwoch Einblicke in ihre ganz persönlichen Vorlieben.
Welche Bedeutung hat das Sechseläuten für Sie persönlich?
Es hat für mich eine sehr grosse Bedeutung. Ich liebe die Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen bin und immer noch wohne und lebe. Dass mit dem Sechseläuten jedes Jahr das Frühlingsfest und die damit verbundenen Werte wie Traditionserhalt durch geschichtliche Erinnerungspflege, bürgerliche Gesinnung und Pflege der Freundschaft etc. gefeiert werden kann, finde ich wunderbar.
Wie sind Sie ursprünglich zur Zunft respektive zum Sechseläuten gekommen?
Ich bin in der City aufgewachsen und war schon als kleines Kind jedes Jahr als Zuschauer am Sechseläuten – auf einer Leiter am Limmatquai. Später kamen die Liebe zur Stadt und den Traditionen dazu. Dank einer Geschäftsbeziehung fand ich dann einen Götti, der mich bei der Zunft Witikon einführte.
Was macht das Sechseläuten Ihrer Meinung nach so einzigartig?
Einzigartig ist vor allem, dass am Umzug den Vorbeimarschierenden Blumen überbracht werden können. Das gibt es sonst nirgends, bringt aber manchmal auch die Umzugsordnung etwas durcheinander. Und dass sehr viele Persönlichkeiten aus Politik, Sport oder Showbusiness jedes Jahr sehr gerne als Ehrengäste dabei sein wollen und es immer sehr geniessen.
Wie würden Sie jemandem, der das Sechseläuten nicht kennt, dieses Fest erklären?
Das Sechseläuten ist ein wiederkehrendes Frühlingsfest und eine fest verankerte Zürcher Tradition. Seine Bedeutung liegt in der Pflege des Brauchtums und dem Volksfestcharakter, der einen gemeinsamen generationenübergreifenden Moment für die Bevölkerung schafft.
Wenn Sie das Sechseläuten in drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?
Zürcher-Frühlingsfest. Bööggverbrennung. Traditionsanlass.
Wie hat sich das Sechseläuten in den letzten Jahren verändert?
Das Volksfest hat sich nicht entscheidend verändert. Seit 1991 ist jedes Jahr ein anderer Gastkanton eingeladen, der sich auf dem Lindenhof während vier Tagen präsentieren kann, das gab es vorher nicht. Früher gab es ab und zu bestimmte Themenumzüge, beispielsweise zur Eröffnung der ETH.
Welche Traditionen am Sechseläuten sind unverzichtbar – und wo braucht es Erneuerung?
Unverzichtbar sind die Kernelemente Kinderumzug, Zug der Zünfte zum Feuer sowie die Bööggverbrennung. Erneuerungen kommen durch den Zeitgeist und durch neue Vorschriften, oder sie entstehen in den einzelnen Zünften, die aber eigenständige Vereine sind und selber entscheiden, wie sie sich weiterentwickeln wollen.
Wie gelingt der Spagat zwischen Tradition und einer modernen Veranstaltung?
Einerseits soll eine Tradition gepflegt und nicht verändert werden. Was sich mit der Zeit verändern kann, ist zum Beispiel die Kommunikation. Hier sind wir innovativ und werben neu auch mit bewegten Bildern, mit E-Boards, passen die Website an und lancieren dieses Jahre eine mobile App.
Welche Herausforderungen gibt es bei der Organisation rund um einen solchen Traditionsanlass?
Der Anlass wird jedes Jahr vom ZZZ (Zentralkomitee der Zünfte Zürichs) ehrenamtlich organisiert und durchgeführt. Das ist ein grosser Aufwand und involviert hunderte von Freiwilligen, die sich zum Glück stets finden lassen. Die grösste Herausforderung kommt von den sich laufend verändernden Anforderungen, die für die nötige Bewilligung erfüllt werden müssen.
Welche Rolle spielt das Sechseläuten für die Identität der Stadt Zürich?
Das Sechseläuten hat eine Ausstrahlung weit über Zürich in die ganze Schweiz und Welt hinaus. Es ist das offizielle Frühlingsfest der Stadt, gehört zum jährlichen Kalender und die Schulkinder der Stadt haben schulfrei. Es ist wichtig, dass künftige Generationen erfahren, auf welcher Vergangenheit der heutige Erfolg unserer schönen Stadt basiert.
Wie gehen Sie mit Kritik oder Diskussion rund um das Sechseläuten um?
Mit Kritik müssen wir als Grossanlass leben. Solange sie konstruktiv ist, sind wir gerne bereit zu diskutieren. Falls nicht, lassen wir uns dadurch nicht beirren.
Welche Momente des Sechseläutens faszinieren Sie persönlich am meisten?
Faszinierend ist die grosse Freude aller Beteiligten und Besuchenden. Hunderte engagieren sich jedes Jahr für die Organisation und bei den Zünften für dieses Fest. Zur Faszination gehören für mich auch die Umzüge mit den unterschiedlichen historischen Kostümen, den vielen Pferden, der Marschmusik und der Ehrengäste. Und natürlich die Bööggverbrennung mit der Wettervorhersage für den Sommer.
Man sagt, was in den Zünften passiert, bleibt in den Zünften. Unter uns: Was war das Lustigste, dass Sie mit einer Zunft erlebt haben?
Bei den Reden der Ehrengäste auf den Stuben gibt es schon manchmal sehr lustige Situationen. Zum Beispiel wenn eine angesehene Persönlichkeit plötzlich auf den Stuhl steigt während seiner Rede. Oder wenn unerwartete Geschenke überreicht werden.
Welche Rückmeldungen zum Sechseläuten aus der Bevölkerung erhalten Sie?
Durchweg sehr positive! Die Rückmeldungen bilden sich einerseits in den grossen Besucherzahlen vor Ort und am Fernsehen und den meistens ausverkauften Sitzplätzen, der Freude der Leute an der Marschmusik, den lachenden Gesichtern und den vielen Blumen und Grüssen ab.
Wie sehen Sie die Zukunft des Sechseläutens? Und was wünschen Sie sich?
Ich bin optimistisch für die Zukunft des Sechseläutens, denn es basiert auf der mittelalterlichen Zunftgeschichte Zürichs und wird seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Zürich mit Umzügen gefeiert.
Ich wünsche mir, dass das Sechseläuten als fest verankertes, traditionelles Frühlingsfest für die ganze Bevölkerung noch lange bestehen bleibt und Geselligkeit und Emotionen für unterschiedliche Generationen und Teilnehmende erfahrbar macht.
Victor Rosser ist seit 2015 Kommunikationschef des Zürcher Sechseläuten. Er ist Geschäftsführer und Inhaber der Wacker und Rosser GmbH, und war zuvor als Werbeberater tätig. Rosser studierte Betriebswirtschaft an der Universität Zürich und verfügt über langjährige Erfahrung in Kommunikation, Marketing und Markenführung.














