Das bestgehütete Wellnessgeheimnis Südtirols
Die Fahrt nach Vinschgau fühlt sich an wie eine Reise durch ein kobaltblaues Renaissancegemälde. Alles ist grün und üppig überwuchert. Eine kurvige Strasse, gesäumt von Ebereschen, zieht sich den Bergen entlang. Ein ewiger Schleier aus Nebel liegt über den Gipfeln und lässt ihr Blau mit jeder Stunde tiefer erscheinen. Etwas an Südtirol fühlt sich an wie ein Blick zurück in eine andere Zeit, und genau das hat seinen Reiz.
Es erinnert an Shakespeare. Unweigerlich denkt man an «Ein Sommernachtstraum»: Das Tal ist voller Bäume, die Art von Landschaft, durch die Hermia und Lysander geflohen wären.
(Bilder: zVg)
Ich komme im Amolaris an. Hinter einem modernen, von Mauern eingefassten Tor, das ebenso gut in Los Angeles stehen könnte, verbirgt sich ein Wellnessrefugium für gerade einmal 28 Gäste. Die Vier-Sterne-Residenz hat wenig mit einem klassischen Hotel gemein und erinnert eher an ein privates Eden.
Das Anwesen besteht aus Chalets im nordisch-alpinen Stil. Das Design steht für minimalistischen Luxus: grauer Stein, offene Duschen und Zimmer, die so grosszügig sind, dass allein ihr Raumgefühl wie ein tiefer Atemzug wirkt. Die Morgen verbringt man in der Badewanne, während die Berge den Blick ausfüllen. Jedes Chalet verfügt über einen eigenen, 100 Quadratmeter grossen Garten und einen privaten Wellnessbereich mit finnischer Sauna und Whirlpool, aus dem sanft Dampf aufsteigt. Dazu Champagner unter einem tintenschwarzen Sternenhimmel. Privatsphäre ist hier absolut.
Frühstück unter Zitronenbäumen
Das Frühstück wird zwischen Zitronenbäumen in einem Atrium mit Blick auf das Wasser serviert. Die Küche ist tief in der Südtiroler Tradition verwurzelt: frisch, biologisch und gesundheitsbewusst – von kunstvollen Chia-Parfaits über Obst aus den umliegenden Gärten bis hin zu hausgemachten Kuchen und Marmeladen, die von der Mutter der Besitzerin zubereitet werden.
Das Wasser plätschert leise. Alles ist bemerkenswert ruhig. Zum ersten Mal seit langer Zeit gelingt es mir, vollkommen abzuschalten. Ich frage mich immer wieder, welche Art von Voodoo diesen Ort so unglaublich erholsam macht. Liesse sich diese Art der Nervensystemregulation in Flaschen abfüllen, würde sie bei Erewhon vermutlich für einen Ansturm sorgen.
Katherina, die Besitzerin, hat eine wesentlich einfachere Erklärung. Entspannung, sagt sie, entsteht durch Raum. Traditionelle Alpenchalets seien häufig vollgestellt mit Holz und «zu viel Zeug». Amolaris ist das bewusste Gegenteil: ein Manifest der Kunst des Weglassens. Eine Auszeit für die Seele in einer Welt, die zunehmend von Reizüberflutung geprägt ist.
Das Haus versteht die Anziehungskraft der Abgeschiedenheit ebenso wie die Vitalität und das Wohlbefinden, die aus der Natur geschöpft werden. Das Ergebnis: erstklassiges Wellness im Einklang mit der Wildnis, ganz ohne auf die Annehmlichkeiten des Luxus zu verzichten.
Wild Swimming
Nirgends zeigt sich diese Balance deutlicher als am Pool. Dichte grüne Hecken rahmen eine elegante Holzterrasse, auf der smaragdgrüne Liegestühle stehen; daneben ragt eine Zypresse kerzengerade in den Himmel.
Hier tauchen die Gäste in einen türkisfarbenen Naturpool ein – Wild Swimming mit einem Hauch von Lago di Como.
An Tagen, an denen das Wetter weniger einladend ist, wartet im Inneren ein Spa im Stil eines römischen Badehauses.
Fine Dining auf neue Art
Statt fester Mittags- und Abendessenszeiten bietet Amolaris die Homeboxen von Sternekoch Karl Telfser an, mit denen die Gäste in den modernen Chalet-Küchen selbst kochen. Ich bin hier ganz ehrlich: Ich kann beim besten Willen nicht kochen, und der Gedanke, dass ich am Herd stehe, lässt mich um das Wohl anderer fürchten. Umso überraschter bin ich, wie einfach die Anleitungen sind. Ich bekomme ein erstaunlich gutes Steak Tatar zustande, gefolgt von Tiramisu. Später gibt es eine lokale Schöpfmudel-Spezialität mit einem wunderschönen Pesto.
Die offene Self-Service-«Honesty Bar» erlaubt es den Gästen, sich zu jeder Tages- und Nachtzeit selbst mit Getränken zu versorgen. Und trotzdem bleibt das Refugium, ganz respektvoll, ein Ort der Ruhe.
Wer lieber bekocht wird, findet in der Umgebung hervorragende Restaurants mit ausgeprägter Südtiroler Handschrift. Eines davon ist das Flurin, das ich an meinem zweiten Abend in Glurns besuche.
Das Restaurant Flurin
Ein neonpinker Schriftzug spiegelt sich auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Das Flurin befindet sich im mittelalterlichen Flurin-Turm, in einem alten Kellergewölbe. Waldgrüne Samtpolster treffen auf schwarze, geschwungene Leuchten – ein Traum für Interior-Liebhaber.
Das Restaurant wirkt kantig und modern und besitzt jene Art von Shoreditch-Coolness, die man eher in London erwarten würde als in einem mittelalterlichen Turm in den italienischen Alpen.
Auffällig ist, wie wenige Menschen hier auf ihre Telefone schauen.
Das Malfatti kommt mit frisch gehobeltem Trüffel und einer Taleggio-Sauce, die geradezu nach einem Glas Sauvignon verlangt. Der Ceviche verleiht der regionalen Küche eine unerwartete Wendung: Matschner Saibling, Koriander und gepuffte Gerste sorgen für Frische und Biss. Zum Dessert gibt es Zitronen-Basilikum-Granita mit verbrannter Schokolade, überraschenderweise serviert in einer Teetasse. Kurzum: Das Flurin hält, was der Hype verspricht, eine kreative Reise voller aussergewöhnlicher Aromen und guter Gespräche.
Die Kunst des Entdeckens
Wer die Kunst des Entdeckens beherrscht, findet rund um Amolaris zahlreiche Möglichkeiten, die Natur zu erkunden: Wanderwege, Spaziergänge durch den Wald und Radtouren. Auch die Dolomiten sind gut erreichbar und liegen je nach Ziel etwa anderthalb bis zweieinhalb Autostunden entfernt.
Ein beliebtes Ausflugsziel ist die Plima-Schlucht, die zahlreiche Besucher anzieht. Ich entscheide mich stattdessen für eine Wanderung zur Matscher Alm. Die Küche dort wird inzwischen vom ehemaligen Besitzer und Küchenchef des Restaurants «Zoe» in Berns Altstadt geführt, das mit einem Michelin-Stern sowie einem Grünen Michelin-Stern ausgezeichnet wurde.
Wer es etwas ruhiger angehen möchte, kann sich ganz der lokalen Küche und Kultur widmen. Und wer das Anwesen überhaupt nicht verlassen möchte, verbringt den Abend im privaten Apfelgarten von Amolaris – bei warmer Sommerluft und einem Glas Weisswein in der Hand. Es gibt ausserdem auch eine Führung durch die historische Mühle und die Bio-Apfelproduktion des Anwesens.
Luxus, der leise bleibt
Es gibt eine besondere Form von Luxus, die sich nicht ankündigt. Kein Gold, kein grosses Spektakel, keine Inszenierung. Amolaris handelt in einer selteneren Währung: Ruhe. Exklusiv, ohne spiessig zu wirken. Genussvoll, ohne laut zu sein. Jedoch elegant und trendy.
Mehr als ein Ort zum Entkommen ist dieses Refugium ein Ort, an den man zu sich selbst zurückfindet: zur Stille, zum Genuss, zu den langsameren Rhythmen des eigenen Körpers. Für den ausgebrannten Banker, die überforderte Führungskraft oder schlicht jeden, der vergessen hat, wie gut ein tiefer Atemzug tun kann, ist Amolaris pure Nervenregulation vor der wilden Kulisse der italienischen Alpen.















