Wirtschaftliche Konvergenz und ihre Bedeutung für Anleiheninvestoren
Wir gehen davon aus, dass die US-Notenbank Fed ihre Zinsen lockern könnte, während die Europäische Zentralbank (EZB) aufgrund steigender Inflation und solider Wachstumsprognosen mit Zinserhöhungen rechnet.
Für Anleiheninvestoren bedeutet dies, dass wir Bewertungsunterschiede zwischen den Märkten nutzen können. Trotz hoher Bewertungen und politischer Unsicherheiten bleiben wir defensiv ausgerichtet – mit Fokus auf Diversifikation, Verlustbegrenzung und sorgfältige Auswahl von Einzeltiteln.
USA: Belastungen durch Zölle und Populismus
Die US-Wirtschaft wird durch die anhaltenden Zölle belastet, die die Inflation anheizen und das Wachstum dämpfen. Unternehmen versuchen, die höheren Kosten bislang nur teilweise an Kunden weiterzugeben, was die Gewinnmargen drückt und Investitionen bremst. Gleichzeitig sorgt die expansive Fiskalpolitik, insbesondere der «One Big Beautiful Bill Act», für einen gewissen Ausgleich und fördert Investitionen in kapitalintensive Sektoren wie Technologie und Halbleiter.

Quellen: Tax Foundation, US-Finanzministerium, US Census Bureau. Stand September 2025
Wir sehen jedoch Risiken durch die politische Einflussnahme auf die Fed und den zunehmenden Populismus. Historische Daten zeigen, dass populistische Regierungen oft mit schwächerem Wachstum und volatilen Märkten einhergehen. Die USA profitieren zwar von ihrer Rolle als Weltreservewährung und Innovationsführer, doch langfristig könnte die Sonderstellung unter Druck geraten.

Quelle: Bureau of Labor Statistics. Stand August 2025
Europa: Expansive Fiskalpolitik und restriktivere Geldpolitik
Im Euroraum wird die Fiskalpolitik durch deutsche Sondervermögen deutlich expansiver. Wir erwarten, dass dies das Wachstum um etwa 75 Basispunkte erhöht und die Inflation anheizt. Die EZB steht vor der Herausforderung, trotz unterschiedlicher wirtschaftlicher Bedingungen in den Mitgliedsländern einen einheitlichen Leitzins zu finden.
Die Inflation könnte im Winter kurzfristig unter den Zielwert fallen, doch Lohnsteigerungen und höhere Lebensmittelpreise sprechen für eine restriktivere Geldpolitik mit möglichen Zinserhöhungen 2026.
Politische Unsicherheiten, insbesondere in Frankreich, bleiben ein Risiko. Dennoch sehen wir die expansive Fiskalpolitik als Motor für eine Renaissance Europas.

Quelle: Bundesministerium der Finanzen und Capital Group. Auf Basis einer Schätzung der Kreditaufnahme in den letzten beiden mittelfristigen Finanzplanungen.
Emerging Markets und Währungen
Emerging Markets profitieren von stabilen Fundamentaldaten, hohen Realrenditen und einem schwächeren Dollar. Lokalwährungsanleihen und Währungen aus Lateinamerika und Asien erscheinen uns besonders attraktiv. Unternehmensanleihen sind hingegen teurer und mit höheren Risiken behaftet.

Anlagestrategie für 2026
Angesichts der konvergierenden Wachstumsraten, divergierenden Geldpolitiken und politischen Unsicherheiten empfehlen wir eine breit diversifizierte Anlagestrategie mit Fokus auf Qualität und sorgfältiger Einzeltitelauswahl. In den USA setzen wir auf eine Übergewichtung kürzer laufender Anleihen, um von einer steileren Zinsstrukturkurve zu profitieren. Im Euroraum bevorzugen wir mittlere bis längere Laufzeiten, wobei Bundesanleihen eher kurz gehalten werden sollten.
Die Credit-Spreads sind trotz Unsicherheiten eng, was auf gute Fundamentaldaten hinweist. Anleger sollten auf einen hohen Carry achten und Verlustrisiken durch Diversifikation und Laufzeitensteuerung minimieren.
Fazit
Die wirtschaftliche Konvergenz bietet Chancen, erfordert aber auch Vorsicht. Politische Risiken und hohe Bewertungen machen aktives Management und eine defensive Ausrichtung unerlässlich. Die Kombination aus US-Innovationskraft, europäischer Fiskalpolitik und Chancen in den Emerging Markets schafft ein komplexes, aber interessantes Umfeld für Anleiheninvestoren.













