Der meist unterschätzte Erfolgsfaktor


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Emotionale Intelligenz  (EQ) wird definiert als die Fähigkeit, die eigenen Emotionen zu erkennen, zu verstehen und zu steuern sowie die Emotionen anderer Menschen präzise wahrzunehmen und zu beeinflussen. Um die Relevanz von EQ in Hochdrucksituationen zu verstehen, lohnt ein Blick auf das, was unter Stress im Gehirn geschieht.

Die Amygdala – das Alarmsystem des Gehirns – löst eine Stressreaktion schneller aus, als der präfrontale Cortex – zuständig für rationales Denken – , die Situation bewerten kann. Dieser Prozess läuft innerhalb von Millisekunden ab. Gerade in Momenten, die hohe Einsätze mit sich bringen und klares Denken erfordern, reduziert sich unsere kognitive Kapazität – sofern wir nicht entsprechend trainiert sind. In einem «Hijack»-Zustand verschlechtern sich Fokus, Urteilsvermögen und emotionale Kontrolle; gleichzeitig steigt die Impulsivität. Keine dieser Reaktionen unterstützt Spitzenleistung oder produktive Kooperation. 

«EQ bedeutet nicht, nett oder empathisch zu sein, sondern die Fähigkeit, anspruchsvolle Kunden zu managen.»

Studien zeigen, dass Personen mit durchschnittlichem IQ Menschen mit hohem in 70 Prozent der Fälle übertreffen. EQ ist der kritische Differenzierungsfaktor und erklärt 58 Prozent der Leistungsunterschiede über alle Berufsgruppen hinweg. EQ bedeutet nicht, nett oder empathisch zu sein, sondern die Fähigkeit, anspruchsvolle Kunden, volatile Märkte, unterschiedliche Stakeholder und komplexe Organisationen effektiv zu managen.

Auf Basis des Modells von Daniel Goleman, einem amerikanischen Psychologen, umfasst EQ zwölf Kompetenzen in vier Bereichen: eine Selbst- und eine Sozialdimension, jeweils unterteilt in Wahrnehmung und Steuerung.

Selbstwahrnehmung: das Fundament

Bevor wir Emotionen steuern können, müssen wir sie erkennen. Dazu gehört das Bewusstsein über eigene Trigger, Werte und Stressreaktionen. Gefühle zu unterdrücken kostet mehr Energie, als sie wahrzunehmen. Selbstwahrnehmung zielt nicht auf Eliminierung von Emotionen, sondern auf ihre Nutzung als wertvolle Daten – als Energy in Motion.

Physische Reaktionen wie Enge in der Brust oder Übelkeit vor einer Präsentation spiegeln die Aktivierung des sympathischen Nervensystems, Teil des vegativen Nervensystems. Sie signalisieren, dass etwas Neues bevorsteht, Risiko vorhanden ist oder etwas auf dem Spiel steht. Ob wir diese Reaktionen als Angst oder Aufregung interpretieren, hängt jedoch von Überzeugungen, Erfahrungen und gedanklichen Narrativen ab – häufig geprägt von Vergangenheit oder Zukunftsangst, selten von der realen Situation. Gedanken sind keine Fakten. 

Bereits die verbale Benennung von Emotionen reduziert die Aktivität der Amygdala, die für die Verarbeitung von Emotionen wichtig ist, und verschiebt die Verarbeitung in den präfrontalen Cortex. Vertiefte Arbeit führt zur Frage, wie wir geworden sind, wer wir sind – und welche neuronalen Programme (Überzeugungen, kognitive Verzerrungen, Perspektiven, Mindset etc.) unser Handeln zu 95 Prozent automatisiert steuern. Bewusstes Denken bringt das Gehirn zurück «online». 

Selbstmanagement: emotionale Regulation

Nach dem Erkennen folgt die Steuerung. Ziel ist es, unter Druck präsent, klar und handlungsfähig zu bleiben.

Die schnellste Methode, Raum zwischen Trigger und Reaktion zu schaffen, ist die Atmung. Verlangsamte Atmung mit verlängertem Ausatmen stimuliert den Vagusnerv und aktiviert innerhalb von 30 bis 90 Sekunden das parasympathische System (Rest-and-Digest). Damit verschiebt sich der Zustand von Kampf- oder Fluchtmodus hin zu strategischem Denken.

«Die Frage ist nicht, ob wir uns EQ leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten.»

Selbstmanagement verlangt ausserdem, Energie bewusst auf den eigenen Kontrollbereich zu lenken – eine Logik, die Stephen Coveys «Circle of Control» entspricht. Wir können beeinflussen: Vorbereitung, Haltung, Ton, Gedanken, Handlungen, Erholung. Wir können nicht kontrollieren: Marktvolatilität, Social Media, das Wetter oder die Reaktionen anderer. Allein dieser Shift reduziert Stress und erhöht Handlungsfähigkeit.

Soziale Wahrnehmung: das Umfeld lesen

Schlussendlich geht es immer um Beziehungen: zu Kunden, Kollegen oder Partnern. Soziale Wahrnehmung bedeutet, Emotionen anderer und Gruppendynamiken präzise zu erfassen. Dazu gehört zu erkennen, ob die scharfe Frage eines Kunden aus Angst statt Unzufriedenheit kommt oder ob Teamspannung Entscheidungen beeinflusst.

Dies erfordert aktives Zuhören, Perspektivwechsel und die Erkenntnis, dass nicht alles mit uns selbst zu tun hat. Eine Meinungsverschiedenheit ist keine Attacke. Ein Stirnrunzeln kann Gedanken an ein krankes Kind bedeuten, nicht Missfallen. Vor dem Interpretieren: fragen.

Emotionen sind zudem ansteckend. Offenheit stimuliert Innovation und Produktivität; Angst lähmt. 

Beziehungsmanagement: der Multiplikator

Die höchste EQ-Stufe nutzt das Verständnis eigener und fremder Emotionen, um Interaktionen konstruktiv zu steuern. Googles «Project Aristotle» zeigte, dass psychologische Sicherheit (Amy Edmondson: «Die Überzeugung, dass man für Beiträge nicht bestraft oder gedemütigt wird») der wichtigste Erfolgsfaktor leistungsstarker Teams ist.

Dafür braucht es Fähigkeiten weit jenseits technischer Expertise: beeinflussen, coachen, Konflikte lösen, Feedback geben, Vertrauen schaffen. Man liest den Raum und passt Kommunikation, Sprache und Haltung an. 

Gehirn ist der CEO unseres gesamten Systems

Im Gegensatz zum IQ, der weitgehend genetisch determiniert ist, ist EQ trainierbar. Neuroplastizität ermöglicht neue neuronale Muster – ähnlich wie Muskelaufbau, nur im Gehirn. Effektives Training umfasst unter anderem:

  • Selbstkenntnis: Welche Werte prägen mich? Welche Emotionen habe ich erlebt? Was hat sie ausgelöst? Wie haben sie Entscheidungen beeinflusst?
  • Mentale Vorbereitung: Das Gehirn unterscheidet nicht zwischen real und imaginiert. Visualisierung erhöht Souveränität in Hochdrucksituationen.
  • Zuhören, um zu verstehen: paraphrasieren, zusammenfassen, anerkennen, klären.

In einer Welt, in der Stress der Normalzustand ist, müssen wir unser emotionales Gehirn bewusst führen, damit es nicht unsere kognitiven Fähigkeiten überschreibt: Denken, Entscheiden, Regulieren, Impulse steuern, Ziele verfolgen. Die Frage lautet nicht mehr, ob wir uns EQ leisten können, sondern ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten. Unser Gehirn ist der CEO unseres gesamten Systems. Ist der CEO nicht fit, leidet die gesamte Organisation. EQ befähigt uns nicht nur zum Überleben, sondern zum Gedeihen.


Patricia Ordody ist Senior Corporate Professional, Coach und Advisor mit zwei Jahrzehnten Banking-Erfahrung. Als Team Head in einer führenden Privatbank und Gründerin von Health is Wealth in Zürich verbindet sie Corporate-Expertise mit holistischer Führung, Transformation und Gesundheitsstrategien. Darüber hinaus engagiert sie sich für Mental-Health-Awareness durch Artikel, Impulsreferate, Paneldiskussionen und Workshops zu EQ, mentaler Fitness, Resilienz, Stressmanagement und Empowerment.