Der Netzengpass: Wie Märkte die Investitionslücke finanzieren

Von Philipp Schlegel, VanEck


Die Elektrifizierung stösst nicht nur an die Grenzen der Stromerzeugung, sondern vor allem an die des Netzanschlusses und des Transports. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) stecken mehr als 2500 GW an Erzeugungs-, Speicher- und Grossverbrauchsprojekten in der Warteschlange für einen Netzanschluss.

Gleichzeitig müssen die jährlichen Netzinvestitionen von derzeit rund 400 Milliarden US-Dollar bis 2030 um etwa 50 Prozent steigen. Da KI-Rechenzentren, Elektrofahrzeuge und die Industrie um Kapazität konkurrieren, wird das Netz zu einem Faktor wirtschaftlicher Sicherheit.


(Grafik: VanEck)

Strombedarf wächst doppelt so schnell

Die Stromnachfrage wächst derzeit etwa doppelt so schnell wie der gesamte Energieverbrauch – getrieben von KI und Rechenzentren, Elektrofahrzeugen sowie der Elektrifizierung von Industrie und Wärme. Steigender Wohlstand ging historisch mit steigendem Energieverbrauch einher. Damit steht die Elektrifizierung an der Schnittstelle von Energiepolitik und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit.

Quelle: Internationale Energieagentur, «Electricity 2026»

Europas Begründung ist ebenso von wirtschaftlicher Sicherheit geprägt wie von Klimapolitik. Der Aktionsplan für Elektrifizierung, den die Europäische Kommission am 17. Juli 2026 vorgelegt hat, nennt ein indikatives Ziel: 46 Prozent Stromanteil am Endenergieverbrauch bis 2040.

Der Ausgangspunkt ist ein seit einem Jahrzehnt weitgehend unveränderter Wert von rund 23 Prozent, während China, Korea und Japan schon über 30 Prozent liegen. Die Kommission formuliert das Ziel im Aktionsplan ausdrücklich strategisch:


«In einer Zeit wiederkehrender geopolitischer Turbulenzen und volatiler globaler Märkte ist eine energieunabhängige Union, die effizient mit sauberer, reichlich vorhandener und erschwinglicher Energie versorgt wird, eine Frage der Souveränität.»


Strom kostet in der EU derzeit für Unternehmen fast dreimal so viel wie Gas und für Haushalte 2,5-mal so viel; der Plan strebt bis 2030 Verhältnisse von 2 beziehungsweise 2,5 an. Bis 2040 könnte die Transformation die jährlichen Ausgaben der EU für Importe fossiler Brennstoffe um bis zu 260 Milliarden Euro senken, bei einem Rückgang der Gasimporte um über 70 Prozent und der Rohölimporte um mehr als 40 Prozent.

Europäische Union: 100 Milliarden für industrielle Dekarbonisierung

Der Plan enthält konkrete Finanzierungen: eine mit 100 Milliarden Euro ausgestattete Bank für industrielle Dekarbonisierung und mehr als 75 Milliarden Euro an Mitteln der Europäischen Investitionsbank (EIB) über drei Jahre, wobei die Netze Priorität haben. Weitere 1,2 Milliarden Euro wurden über die EU-Kohäsionspolitik für Netze und Verbindungsleitungen bereitgestellt.

Diese Investitionen sind entscheidend, denn der begrenzte Netzzugang bleibt eine wesentliche Bremse der Elektrifizierung. Die Kommission will die Speicherkapazität daher von rund 55 GW im Jahr 2026 auf 200 GW bis 2030 und 500 GW bis 2040 erhöhen.

USA: 10,5 Milliarden schweres Programm

Die Vereinigten Staaten kombinieren Finanzierung, Sicherung der industriellen Produktion und regulatorisches Tempo. Das mit 10,5 Milliarden US-Dollar ausgestattete Programm Grid Resilience and Innovation Partnerships (GRIP) des US-Energieministeriums umfasst nun die SPARK-Runde, Teil der Initiative «Speed to Power», über 1,9 Milliarden US-Dollar für die Erneuerung von Leiterseilen und weitere fortschrittliche Übertragungstechnologien.

Gemäss einer Analyse des Branchenverbands Edison Electric Institute vom Juni werden privatwirtschaftliche Stromversorger zwischen 2026 und 2030 voraussichtlich 1,4 Billionen US-Dollar investieren – rund 280 Milliarden US-Dollar pro Jahr –, um ihre Infrastruktur zu modernisieren und die steigende Stromnachfrage zu bedienen.

Wie die US-Energieregulierungsbehörde FERC festhält, stufte zudem eine Feststellung vom April im Rahmen des Defense Production Act Transformatoren, Leiter und Umspannwerke als wesentlich für die nationale Verteidigung ein.

China setzt auf direkte Investionen 

China setzt auf direkte Investitionen seiner staatlichen Versorger. State Grid plant für den Zeitraum 2026 bis 2030 Anlageinvestitionen von bis zu 4 Billionen Renminbi, 574 Milliarden US-Dollar zum in der Ankündigung verwendeten Umrechnungskurs, und damit 40 Prozent mehr als in den fünf Jahren zuvor.

Das ist das deutlichste Einzelsignal für Investitionen unter dem 15. Fünfjahresplan für den Aufbau eines neuen Energiesystems, den die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission und die Nationale Energiebehörde im Juni veröffentlicht haben (Original in Mandarin, vgl. auch Publikation der IEA).

Kanada, Grossbritannien, Indien und Australien

Derselbe Druck zeigt sich auch anderswo. Kanada erwartet gemäss dem Ministerium Natural Resources Canada eine Verdoppelung der Stromnachfrage bis 2050 und entwickelt eine nationale Verbundstrategie.

Ofgem, die Energieregulierungsbehörde für Grossbritannien, genehmigte 10,3 Milliarden Pfund für erste Ausgaben in der Stromübertragung, innerhalb eines grösseren Programms für Strom- und Gasnetze, das bis 2031 auf bis zu 90 Milliarden Pfund geschätzt wird.

Indien hat im Übertragungsplan seiner zentralen Elektrizitätsbehörde CEA Investitionen von 7,933 Billionen Rupien (rund 85 Milliarden US-Dollar) angekündigt, um bis 2035/36 mehr als 900 GW nicht fossiler Kapazität zu integrieren.

In Australien wurde das mit 20 Milliarden australischen Dollar (13 Milliarden US-Dollar) ausgestattete staatliche Programm Rewiring the Nation im Mai um 1,2 Milliarden australische Dollar für die North West Transmission Developments in Tasmanien ergänzt, wie auch die IEA vermeldet.

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Die Wechselkurse dienen der Veranschaulichung. Die Grafik enthält ausschliesslich im Jahr 2026 angekündigte öffentliche Investitionen und verwendet näherungsweise Wechselkurse von Mitte 2026, allein um den Vergleich zwischen den Märkten zu erleichtern.

Unterschiedliche politische Instrumente, aber im Kern derselbe Bedarf: Kabel, Transformatoren, Umspannwerke, Leistungselektronik, Energiespeicher, Kühlsysteme und Netzsoftware. Weltweit nimmt der Druck zu, alternde Netze zu modernisieren, Stromnetze auszubauen und rasch wachsende Quellen von Nachfrage und Erzeugung anzuschliessen.

Elektrifizierung, der Ausbau erneuerbarer Energien, das Wachstum der Rechenzentren und die Rückverlagerung industrieller Produktion erhöhen die Belastung der bestehenden Infrastruktur und veranlassen Staaten, Versorger und Unternehmen, ihre Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette der Stromversorgung zu verstärken.

Zugang für Investoren: Die 25 grössten Unternehmen

Der am 29. Mai 2026 aufgelegte VanEck Electrification and Power Infrastructure UCITS ETF (PIKA) bietet Zugang zu den 25 grössten Unternehmen weltweit, die die Technologien, Ausrüstungen und Dienstleistungen liefern, die diese Transformation ermöglichen.

Dazu gehören Akteure aus Netzausbau und -modernisierung, Elektrotechnik, Energiemanagement, Übertragungsinfrastruktur, Energieeffizienz sowie Stromversorgung und Kühlung von Rechenzentren. Zu den grössten Positionen des ETF zählen Unternehmen wie Schneider Electric, Siemens, ABB, Quanta Services, Delta Electronics und Vertiv.

Der VanEck Electrification and Power Infrastructure UCITS ETF (PIKA) stellt damit ein mögliches Instrument für Anleger dar, die ein diversifiziertes Engagement in den Unternehmen suchen, die die Elektrifizierung und die Modernisierung der Strominfrastruktur weltweit ermöglichen. Der ETF investiert nicht ausschliesslich in staatliche Ausgabenprogramme, und politische Ankündigungen führen nicht zwangsläufig zu entsprechenden Unternehmensumsätzen.

Es bestehen Risiken aus thematischer Konzentration sowie Aktienmarkt-, Währungs- und Schwellenländerrisiken. Das eingesetzte Kapital ist Risiken ausgesetzt; dieser Beitrag stellt keine Anlageberatung dar. Vor einer Anlageentscheidung sollten der Verkaufsprospekt und das Basisinformationsblatt (KID) konsultiert werden.


Philipp Schlegel ist Managing Director und Co-Head of Sales EMEA bei VanEck. In dieser Funktion verantwortet er das Marktwachstum sowie die Geschäftsentwicklung in Europa, einschliesslich der Schweiz. Bei Fragen können Sie sein Team unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. kontaktieren.


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