Private Banking: Weshalb die 10 Milliarden-Frage nur die halbe Wahrheit ist
* Von Max Fischer
Alle paar Wochen führt Gil M. Chalem, Managing Partner beim international tätigen Genfer Headhunter für Private Banking&Wealth Management «Executive Partners» ein Gespräch mit einem Senior Banker, der über einen Wechsel nachdenkt.
Der Verlauf ist immer gleich. Die Fragen auch: «Wird meine Bank überleben?» «Wird das Haus mit 3 Milliarden AUM, in dem ich vor sechs Jahren gestartet bin, von einem Tier-2-Konkurrenten übernommen oder ist es ein Tod auf Zeit?».
Eine Frage mit fast mythischem Status
Über allem throne eine Frage, die laut Chalem im Schweizer Markt fast mythischen Status erreicht hat: «Sind 10 Milliarden die Grenze, unter der es keine Eigenständigkeit als Privatbank mehr gibt?».
Chalem warnt: «Die Konsolidierungszahlen sind real. Die Schlagzeilen stimmen. Aber die Interpretation nicht!» Wie bitte? «Grösse ist nicht die bindende Einschränkung», so Chalem. «Es geht um eine klare Fokussierung und eine starke Profitabilität.»
Der klare Fokus ist entscheidend
Eine 3-Milliarden-Boutique mit einem Kosten-Einnahmen-Verhältnis von 65 Prozent sei wesentlich stärker positioniert als eine 15-Milliarden-Bank mit 88 Prozent. Und ganz wichtig: «Wenn ich die öffentlichen Unterlagen lese und nicht in einem Satz sagen kann, wer ihr Zielkunde ist, werden die nächsten fünf Jahre schwierig.»
Zum Thema: Kommt's zum Ausverkauf bei den Schweizer Privatbanken?
Die Hälfte der mittelgrossen Schweizer Privatbanken bezeichne sich immer noch als Anbieter globaler Vermögensverwaltung für erfolgreiche Persönlichkeiten und deren Familien. «Doch dieser Satz sagt nichts, er differenziert die Bank nicht von Konkurrenten.» Er signalisiere weder interne Investitionen noch verrate er einem Senior Banker, ob dessen Portfolio zur Plattform passe.
Erfolgreiche kleinere und mittlere Privatbanken hätten einen klaren Fokus. Die Privatbankiers von Reichmuth in Luzern beispielsweise sind Marktführer im Bereich überobligatorische Vorsorge-Lösungen. Die Bank investiert einen Teil ihrer Gelder in Infrastrukturen wie Bahnanlagen.
Ein anderes erfolgreiches Beispiel ist die Zürcher Privatbank Maerki Baumann. Sie ist die erste Privatbank mit Krypto- und Blockchain-Diensten. Mirabaud und Bordier managen komplexe generationenübergreifende Familienbeziehungen. «Wenn eine Bank sich klar committet, ist nicht die Grösse, sondern deren Identität entscheidend», so Chalem.
Next-Generation-Beratung als Wachstumstreiber
Wirklich florierende Privatbanken mit weniger als 10 Milliarden AUM müssen seiner Meinung nach eine starke Kapitalstruktur mit Partnerschaft oder Familien-Eigentum, eine klare Fokussierung und Kostendisziplin aufweisen.
Die Zeiten mit nichts sagenden Hochglanz-Auftritten sei vorbei. Als mögliche Wachstumstreiber sieht er eine ernstzunehmende Next-Generation-Beratung, eine echte Einbindung ins operative Geschäft und philantropische Strukturen von Familienkunden sowie auf Wunsch einen regulierten Digital-Asset-Zugang. Mit solchen Wegen sei Erfolg möglich.
«Pure Grösse ist eine schlechte Überlebenshilfe.»
Deshalb geht er nicht von einem Verschwinden der Kategorie «kleine Privatanken» aus. «Die spezialisierten, gut geführten und gut kapitalisierten Privatbanken werden besser performen als jetzt viele fälschlicherweise erwarten.» Gerade auch, weil viele Kunden infolge von Integration und Konsolidierung bessere Alternativen suchten. «Pure Grösse ist eine schlechte Überlebenshilfe.»
* Max Fischer, aufgewachsen in Zürich, war für diverse Schweizer Medien als Wirtschaftsredaktor tätig (u.a. Blick, Cash, Berner Zeitung, Aargauer Zeitung, Zentralschweiz am Sonntag). Max Fischer hat sich unter anderem intensiv mit dem kriminellen Finanzjongleur Werner K. Rey befasst, den er im August 1992 an seinem Fluchtort auf den Bahamas aufspürte. In einer kleinen Serie beleuchtet Fischer den Schweizer Privatbanken-Sektor.
Lesen Sie im dritten Teil: Welche Banker brauchen kleine Privatbanken? Was sind die Skills von morgen?













