Gut zwei Jahre nach seinem forcierten Abschied als CEO der Credit Suisse steht Tidjane Thiam vor dem grossen Wurf. Damit legt er beachtliche Comeback-Qualitäten an den Tag – doch noch wirkt seine Hinterlassenschaft in der Schweiz nach.

Von den Talenten, die Tidjane Thiam als Manager eigen sind, ist seine Fähigkeit zum schnellen Comeback wohl am beeindruckendsten. Dies hat der einstige CEO der Credit Suisse (CS) dieser Tage aufs Neue bewiesen.

So schien er sich noch Anfang Juni mit der von ihm geführten Spac-Gesellschaft Freedom Acquisition ins Abseits manövriert zu haben. Nicht nur ist der Boom um die Börsenmäntel verflogen. Mit Pimco ist beim Spac auch noch ein potenter Investor ausgeschieden. Der Grund war offenbar, dass der amerikanischen Fondsriese die von Thiam angeplante Übernahme des mexikanischen Fintechs Credijusto für überteuert gehalten hatte. In der Folge ersetzte Freedom Acquisition Pimco mit dem neuen Investor Next G Tech.

Neues Milliarden-Projekt

Doch wie auch finews.ch berichtete, hat der 59-Jährige nun bereits den nächsten Deal am Wickel. Demnach will er «seine» Spac-Firma mit dem kalifornischen Genomik-Startup Human Longevity Inc. (HLI) fusionieren – für 345 Millionen Dollar. Laut Medienberichten würde das Fusionsprojekt eine Bewertung von rund 1 Milliarde Dollar erreichen und damit wohl so manchen Börsianer hellhörig machen.

Allerdings verkauft HLI ein spezielles Versprechen: Die Firma vertreibt Tests, um Alterskrankheiten zu bekämpfen. Die teuersten Angebote kosten schon einmal 19’000 Dollar. 

Disruption des Alterns

Gründer des Unternehmens sind Craig Venter (Bild unten), ein Pionier der Entschlüsselung des menschlichen Genoms, und der Luftfahrt-Ingenieur Peter Diamandis, der mit dem X-Prize für privatfinanzierte Flüge ins All und der Singularity University Bekanntheit erlangte. Die Disruption des Alterns, welche HLI seit der Gründung im Jahr 2013 mit wechselndem Glück anstrebt, gemahnt dabei an die Legende des heiligen Gral, der ewiges Leben versprechen soll.

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(Bild: Wikimedia Commons)

Dazu passt, dass Thiam selber einem Orden angehört. So wurde dem an der Elbenbeinküste geborenen französischen Staatsbürger im Jahr 2011 die höchste Ehrerweisung zuteil, die das Land zu vergeben hat – Die Aufnahme in die Ehrenlegion. Als grosser Film-Fan dürfte Thiam sowieso mit der Artus-Sage und der Suche nach dem Gral vertraut sein. Er amtete jahrelang als Verwaltungsrat der Hollywood-Produktionsfirma 21st Century Fox, welche zum Imperium von Medien-Mogul Rupert Murdoch gehört.

Jüngst wurde nun bekannt, dass sich Thiam an der Produktion des geplanten Hollywood-Streifens «Gambino» beteiligt.

Ein fehlgeschlagene Revolte

All die Aktivitäten lassen beinahe die Kerbe vergessen, welche die Karriere des Finanzmanagers während seiner Zeit als CS-Chef erlitten hatte. Nach vier Jahren im Amt und kurz vor dem Ende seines Turnaround-Plans für die zweitgrösste Schweizer Bank geriet Thiam in grösste Schwierigkeiten: 2019 wurde die «Spygate»-Affäre um die Bespitzelung von CS-Mitarbeitenden publik; das Geldhaus hatte unter anderem Iqbal Khan, den Ex-Chef der Internationalen Vermögensverwaltung, vor dessen anstehendem Wechsel zur UBS mit Detektiven observieren lassen.

In der Beschattungsaffäre kehrte auch nach prominenten Entlassungen bei der CS keine Ruhe ein. Letztlich kam es zu einer Revolte von Unterstützern Thiams im CS-Aktionariat gegen den damaligen Präsidenten der Bank, Urs Rohner. Beinahe schien es, als würde Thiam auch in dieser verzwickten Lage das Comeback gelingen. Doch die «Aufständischen» hatten die Rechnung ohne die weitgehenden Befugnisse eines Schweizer Verwaltungsrats gemacht.

Schliesslich war es CEO Thiam, der im Februar 2020 den Hut nehmen musste.

Im Board mit Emma Watson

Obschon das CS-Spygate nun schon mehr als zwei Jahre zurückliegt, ist noch kein finaler Strich unter den Fall gezogen. Im vergangenen Oktober stellte die Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) in der Sache schwere organisatorische Mängel bei der CS fest und rügte das Institut und Mitglieder der Führung. Ebenfalls eröffnete die Aufsicht damals ein neues Enforcement-Verfahren gegen drei ungenannte Personen – diese Untersuchungen dauern immer noch an. Zu den noch laufenden Verfahren wollte sich die Finma auf Anfrage nicht äussern.

Nach dem spektakulären Rauswurf in der Schweiz rappelte sich Thiam allerdings erstaunlich rasch auf, was ihm nicht zuletzt dank eines offensichtlich exzellenten Netzwerks gelang. Noch im April 2020 wurde er in den Verwaltungsrat des französischen Luxusgüter-Konzerns Kering gewählt, wo er weiterhin wirkt, unter anderem neben der britischen Schauspielerin Emma Watson.

Unter Legionären

Das Unternehmen, zu dessen Portefeuille Modelabel wie Yves Saint-Laurent und Gucci gehören, wird von François-Henri Pinault präsidiert, dem Sohn des bekannten Milliardärs und Ehrenlegionärs François Pinault. Letzterer liess es sich dann auch nicht nehmen, als Investor der ersten Stunde beim Spac Freedom Acquisition mitzutun.

Im vergangenen Mai ergatterte Thiam noch ein weiteres prominentes Mandat – er wurde in den Verwaltungsrat des französischen Werbe- und Medienkonzerns Publicis gewählt. Das Unternehmen wird seit vielen Jahren von Maurice Lévy geleitet, der es in der französichen Ehrenlegion gar zum Kommandeur gebracht hat.

Mit den Plänen für HLI könnte der Ex-Banker künftig auch im Life-Science-Bereich mitmischen – doch dessen Gründer Venter trifft er dort nicht mehr an. Denn der flamboyante Forscher hatte die von ihm als CEO angeführte Firma bereits vor vier Jahren verlassen. Vom Unternehmen, das auch operativ zu kämpfen hatte, war damals zu hören, man habe ihn hinausgeworfen.

Eigene Firma klagte

Tatsächlich verklagte HLI noch im selben im Jahr 2018 Venters Forschungs-Organisation J. Craig Venter Institute (JCVI). Dies mit dem Vorwurf, JCVI habe Firmengeheimnisse von HLI weitergegeben. Eigentlich dürften die Vorwürfe aber auf Venter gemünzt gewesen sein, denn er hatte HLI Richtung JCVI verlassen.

Die Klage wurde zwar später vor Gericht abgewiesen. Dennoch haftet dem auch in der Gen-Debatte hart angegriffenen Molekular-Biologen seit damals erst recht ein «Bad Boy»-Image an.

Trotzdem hat Venter mit seinen Entdeckungen Millionen gemacht, ist stolzer Besitzer einer Jacht und hat im Jahr 2016 mit seinem Team erstmals ein künstliches Genom geschaffen – Comeback-Qualitäten also, in denen er mit HLI-Kaufinteressent Thiam einiges gemeinsam hat.