Das Laboratorium der Lüste – und die Realität der Finanzbranche
Von Wolfgang Holz
Zwischen Diskretion, Kapital und Moral verläuft seit jeher eine feine, oft widersprüchliche Linie: Kaum eine Branche ist so eng mit Fragen von Vertrauen, Bargeldströmen und gesellschaftlicher Akzeptanz verknüpft wie die Finanzindustrie – und zugleich gibt es kaum ein Gewerbe, das von Banken offiziell so konsequent gemieden wird wie die Prostitution.
Die faktische Nähe zeigt sich jedoch immer wieder: So sorgte unter anderem der Fall Pierin Vincenz für Schlagzeilen, der unter anderem über Jahre hinweg hohe Beträge für Besuche in Rotlichtlokalen über Firmenkonten abrechnete – eine «Tour de Suisse der Rotlichtzonen», wie es damals im Prozess hiess.
Der Schatten Jeffrey Epsteins
Auch international sorgen ähnliche Fälle regelmässig für Schlagzeilen. Beim US-Institut Wells Fargo etwa wurden wiederholt Mitarbeitende entlassen, nachdem interne Untersuchungen unangemessene Ausgaben – darunter Besuche in Stripclubs – aufgedeckt hatten.
Und im Umfeld von J. P. Morgan Chase geriet die Bank im Zusammenhang mit dem Fall Jeffrey Epstein unter Druck, weil sie über Jahre Geschäftsbeziehungen zu ihm unterhielt – trotz offensichtlicher Reputations- und Compliance-Risiken.
Diese Diskrepanz zwischen gelebter Realität und institutioneller Distanz ist symptomatisch: Während Banken regulatorische Risiken und Reputationsschäden scheuen, bleiben individuelle Berührungspunkte, Zahlungsströme und Abhängigkeiten Teil eines Systems, das enger verflochten ist, als es die offizielle Haltung vermuten lässt.
«Sie hausen zum grössten Teil in Löchern»

Félicien Rops. Laboratorium der LüsteAusstellungsansichten Kunsthaus Zürich. (Bild: Franca Candrian/Kunsthaus Zürich)
Dass Prostitution umstritten ist, hat seine Gründe. Abgesehen von der psychischen wie physischen Belastung, wird wohl auch keine Sexarbeiterin reich von ihrem Job. Im deutschen Medium «Zeitjung» rechnete Melanie Rojahn 2016 beispielsweise vor: «Den Durchschnitts-«Kontaktpreis» im Bordell setzt des Statistische Bundesamt bei 50 € an. Ein unbekannter Festsatz hiervon geht an das Haus. Vom Restbetrag sind Steuern sowie Sonderbesteuerungen abzuführen. Grosszügig kalkuliert, bleiben im Durchschnitt pro Kunde also ca. 15 € bei der anschaffenden Person.»
Prostituierte leben und arbeiten zum Teil in desolaten Verhältnissen. Das war in der Vergangenheit nicht anders und oft noch schlimmer. Zu Zeiten des belgischen Künstlers Félicien Rops (1833-1898) war die Prostitution in Frankreich, insbesondere in Paris, von Bordellen geprägt. Berüchtigt waren die Massenbordelle.
Der Sexual- und Prostitutionsforscher Alexandre Jean-Baptiste Parent du Châtelet (1790–1836) schilderte die Lebensumstände von Massenprostituierten so: «Die wenigsten wohnen in Zimmern oder besitzen gar Möbel; sie hausen zum grössten Teil in Löchern und Speichern.»
Die aktuell im Kunsthaus Zürich gezeigten Werke von Félicien Rops fokussieren auf die käufliche Frau an sich. Entstanden sind sie in den 1870er-Jahren und später. Der Ort des Geschehens: Paris. 15’000 Prostituierte soll es um 1870 in Paris gegeben haben, die offiziell als solche erklärt wurden.
In erotischer Hinsicht jede Grenze sprengen
Weit mehr Frauen wurden damals allerdings von der Polizei verhaftet, weil sie heimlicher Prostitution nachgingen. Davon erzählt die Ausstellung nichts, aber sie betont, dass Félicien Rops gesellschaftliche Normen infrage gestellt und die Möglichkeiten der Kunst ausgelotet habe.
Félicien Rops war einer der produktivsten Buchillustratoren seiner Zeit, er arbeitete mit Charles Baudelaire zusammen, mit Stéphane Mallarmé oder mit Paul Verlaine.

Links: Félicien Rops, Le Bouge à matelots, 1875; rechts: Félicien Rops, Pronocratès (La Dame au cochon), 1896. (Bilder: zVg/Kunsthaus Zürich)
Daneben entwickelte er ein Werk, das den Augen der Öffentlichkeit gezielt vorenthalten wurde: Für private Sammler stellte er sich gegen öffentliche Konventionen – «mit einem Motivrepertoire, das in erotischer Hinsicht jede Grenze zu sprengen suchte», so das Kunsthaus.
Rops stilisiere die Frau zur Femme fatale, inszeniere sie in einer Mischung aus Anziehung und Schrecken. Berechtigt ist in diesem Zusammenhang die Frage der Ausstellungsmacher, ob der Künstler im Widerstand gegen bürgerliche Moral nicht gerade jene Stereotype reproduzierte, die er kritisieren wollte.
Mächtige Frauen
Das 1896 entstandene Werk «Pornocratès (La Dame au cochon)» zeigt eine Nackte in Strümpfen, Schuhen und Handschuhen, mit Federschmuck auf dem Kopf und einem Band um die Augen, die ein Schwein an der Leine führt. Über ihr schweben drei vergnügte Engelchen. Geführt vom Schwein oder das Schwein an der Leine? Auch der Thematik der Versuchung des heiligen Antonius («La Tentation de saint Antoine», 1878) widmete sich der Künstler. Hier verdrängt eine nackte Frau Jesus vom Kreuz. Zwei Werke, die sich eindeutig um das (fehlende) Wohlergehen der Frau zu drehen scheinen.
In der Breite gesehen, beschleicht den Besucher der Ausstellung jedoch der Eindruck, dass Rops das Dasein der Prostituierten glorifizierte. Im Werk des Belgiers scheinen Prostituierte, trotz allem Elend, mächtige Frauen zu sein. Diesen Zustand der Selbstbehauptung und Unabhängigkeit, sei es in emotionaler oder finanzieller Hinsicht, erreichen Sexarbeiterinnen aber wohl nur in der Fiktion der Kunst.
Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich zeigt in Zusammenarbeit mit der Königlichen Bibliothek Belgiens (KBR) über 60 Arbeiten, darunter mehr als die Hälfte aus der KBR selbst, sowie Hauptwerke des Künstlers aus Sammlungen im In- und Ausland.
Kuratiert wurde die Ausstellung von Jonas Beyer (Kunsthaus Zürich) und Daan van Heesch (KBR). Als bedauerlich kann empfunden werden, dass die Ausstellungsmacher die Gelegenheit nicht nutzten, auf das Thema Sexarbeit in der Gegenwart einzugehen und in die Debatte darüber einzusteigen.
Die Ausstellung «Félicien Rops. Laboratorium der Lüste» ist noch bis zum 31. Mai 2026 im Kunsthaus Zürich zu sehen.












