Castelfalfi: Das Andermatt einer verborgenen Toskana

Wer von Florenz her anreist, findet sich bald auf kurvenreichen Strässchen wieder. Über weite Strecken begegnet einem niemand, vielleicht ab und zu ein Traktor oder ein Polizeiauto. Im Hochsommer geben Zypressen, Olivenhaine und Farbverläufe von Dunkelgrün bis Ocker der Gegend ihre unverwechselbare Prägung.

Nach 40 Minuten Fahrt durch die Landschaft versteht man aber auch, warum die ansässigen Menschen hier lange keine Zukunft sahen und wegzogen.

Die Toskana der Bauern

Unser Ziel, das Luxusresort Castelfalfi, liegt auf dem Gemeindegebiet von Montaione, gut eine Autostunde südwestlich von Florenz und etwa gleich weit von Pisa entfernt.

Wir sind nicht in der Toskana der Wein- und Renaissance-Pilger, sondern in jener der Bauern. Die Burganlage wird 754 als Castrum Faolfi erstmals erwähnt. In der Renaissance baute sie ein Zweig der Familie Gaetani nach der Heirat mit einer Medici zur Residenz um.


Von Dunkelgrün bis Ocker: Farbpalette des Sommers. (Bild: Castelfalfi)

Vom Tabak zum Tourismus

Im 20. Jahrhundert verarbeiteten hier Frauen aus der Umgebung Tabak (die alte Fabrik steht noch und beherbergt ebenfalls Hotelzimmer), bis in die Nachkriegszeit. Danach zog es die Jungen in die Städte. Das Dorf Montaione schrumpfte und das Burgdörfchen Castelfalfi leerte sich fast ganz.

In den 1980er-Jahren kaufte ein Mailänder Ingenieur die leeren Häuser zusammen und vereinte das Anwesen unter einer Hand.

350 Millionen ohne Durchbruch

2007 stieg der deutsche Reisekonzern TUI ein, restaurierte das Borgo, baute Villen und eröffnete 2017 das erste Fünfsternehotel der Marke TUI Blue. Rund 350 Millionen Dollar soll TUI investiert haben, ohne dass das Resort richtig abhob.

Im Mai 2021 trennte sich TUI im Zuge seiner Strategie, weniger Kapital in eigene Immobilien zu binden, von Castelfalfi.

Auftritt des Mittal-Schwagers

Käuferin war die Incorp Holdings der Familie von Sri Prakash Lohia. 1952 in Kalkutta geboren, zog er 1973 nach Indonesien und gründete dort Indorama Synthetics. Die Firma wuchs mit Textilien und Petrochemie zu einem Milliardenkonzern heran. Sri Prakash Lohia ist mit der Schwester von Lakshmi Mittal verheiratet.

Über den Preis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Und auch über das beträchtliche Investment seither gibt es keine Zahlen. Das Anwesen wurde umfassend modernisiert und 2024 unter den neuen Eigentümern wiedereröffnet: 146 Zimmer, ein Spa der thailändischen Marke RAKxa und eine 307 Quadratmeter grosse Penthouse-Suite, die der Florentiner Modeunternehmer Stefano Ricci in der Burg eingerichtet hat. Das Ganze umfasst 1'100 Hektaren.

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Der TUI-Traum ist ausgeträumt; stattdessen: La Rocca Suite, gestaltet vom italienischen Stardesigner Stefano Ricci. (Bild: Castelfalfi)

Erinnerungen an Andermatt

Gewissermassen weckt das Projekt Erinnerungen an das Chedi Resort des ägyptischen Investors Samih Sawiris in Andermatt: Ein Bergdorf, das – freundlich ausgedrückt – von sozioökonomischen und -demografischen Problemen herausgefordert war, bis ein ausländischer Milliardär es auf internationalen High-End-Hochglanz polierte.

Angekommen in Castelfalfi, das majestätisch auf einem Hügel thront, mit grandiosem Blick in die toskanische Landschaft, begeben wir uns auf einen Rundgang durch das Borgo.

Luxusboutiquen neben romanischer Dorfkirche

Die Gassen sind tadellos restauriert, ebenso die romanische Kirche San Floriano. Und die sie umgebenden Boutiquen führen, was Boutiquen auf diesem Niveau eben führen.

Und doch wirkt das Ensemble stellenweise wie eine Kulisse, der die Statisten fehlen. Manche Häuser gehören dem Vernehmen nach bis heute ehemaligen TUI-Kadern, die zwei-, dreimal im Jahr vorbeischauen.

Castelfalfi Borgo shops
Wiederbelebung des Borgo. (Bild: Castelfalfi)

Früher gab es nicht einmal einen Espresso

Die neuen Eigentümer tun einiges gegen die Leere: Feste zu Weihnachten und zum Frühlingsbeginn, ein Schwimmbad, das auch Einheimischen offensteht, eine Gelateria, eine Pizza al taglio. So richtig will sich das Lebensgefühl einer italienischen Piazza zwar noch nicht einstellen, aber immerhin: Noch vor drei Jahren hat man im Winter im Dorf nicht einmal einen Kaffee bekommen. Das hat sich geändert. Ob das Borgo wieder zum Leben findet, muss sich aber erst zeigen.

Die Zimmer im Fünfsternehaus sind eher international als toskanisch. Sie könnten in jedem Luxushotel der Welt stehen, mit einer unübersehbaren Neigung zur Opulenz, wie sie asiatische Gäste schätzen.

Gäste aus Amerika und Asien

Das Publikum besteht aus vielen Amerikanern, Kanadiern und Asiaten, die einen gewissen Standard gewohnt sind und ihn auch einfordern. Aber auch unter jüngeren Italienern aus Mailand oder Rom verfängt das Angebot. Wer hingegen das ursprüngliche Toskanische sucht, findet es nur punktuell. Dafür in bemerkenswerter Qualität.

Unser Guide, ein junger Mann aus der Gegend, führt uns auf eine Weintour von den eigenen Reben in den Keller.

Castelfalfi Wine tasting
Im Weinkeller: Geführte Weintour. (Bild: Castelfalfi)

Ambitionen in Sachen Wein

Castelfalfi bewirtschaftet rund 25 Hektaren mit Weinbergen, mehr als die Hälfte davon Sangiovese, biologisch und von Hand gelesen. Der Ertrag liegt bei rund 80'000 Flaschen im Jahr. Dabei sei die Gegend um Montaione nie ein eigentliches Weinland gewesen, räumt der Guide freimütig ein, sondern eines des Olivenöls.

Die Zugehörigkeit zum Chianti habe man 2019 aufgegeben, weil die generische Appellation zu wenig einbrachte. Heute entstehen bei Castelfalfi ausschliesslich IGT-Weine (mit Ausnahme des süssen Vin Santo). Dies unter der kundigen Beratung des Önologen Emiliano Falsini. Der gefragte italienische Weinberater stammt aus dem nahegelegenen Empoli und verdiente sich seine Sporen bei Robert Mondavi in Kalifornien und bei Villa Maria Estate in Neuseeland.

Die betrunkene Schildkröte

Im Keller stehen hinter den Stahltanks mannshohe Amphoren aus Cocciopesto, einem Gemisch aus zerstossener Terrakotta, Kies und Lehm, wie es schon die alten Römer verbauten. Auf dem Messingschild prangt der sympathisch-kecke Name des Herstellers: Drunk Turtle.

Wir degustieren die sieben wichtigsten Weine der eigenen Produktion. Der Poggio i Soli, ein Vermentino aus dem Stahltank, ist ehrlich und unkompliziert, mit Zitrus, Rosmarin und einer salzigen Frische. Sein Bruder Fonterinaldo stammt von derselben Traube, wird aber in der Amphore vergoren und drei Monate in neuem Holz ausgebaut. Diese Behandlung wird mit Noten von Ananas, Vanille und einer cremigen Fülle belohnt.

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Wie die alten Römer: Wein-Amphore von Drunk Turtle. (Bild: Castelfalfi)

Entdeckung: Ein Rosé, der keiner ist

Der Falecine, zu 80 Prozent Sangiovese, ist so hell gekeltert, dass er, obwohl eigentlich ein Rotwein, auch als «Rosé von Castelfalfi» durchgehen würde. Der erdbeerig-frische Tropfen ist für heisse Sommertage eine echte Entdeckung.

Der Keller bringt auch einen reinsortigen Sangiovese hervor: den Poggio alla Fame aus dem ältesten, 27-jährigen Rebberg des Guts. Der Name bedeutet «Hügel des Hungers». Die Bauern säten hier einst Weizen, doch auf dem kargen, steinigen Boden wuchs kaum etwas, und sie hungerten. Der Sangiovese dagegen treibt seine Wurzeln tief hinab und findet das Wasser. Gerade die Kargheit macht ihn charakterstark: Blutorange, schwarzer Pfeffer, Leder, dazu noch deutlich spürbare Tannine.

145 Euro pro Flasche: Suche nach dem Supertuscan

Den Abschluss bildet der Castelfalfi 2021, der sich später noch neben einer Bistecca Fiorentina behaupten muss: 50 Prozent Cabernet Sauvignon, 40 Prozent Merlot, 10 Prozent Petit Verdot, zwei Jahre ausgebaut, je zur Hälfte in Barrique und Amphore.

Er entsteht nur in guten Jahren und in einer Auflage von rund 1'200 Flaschen. Im Shop kostet die Flasche 145 Euro. Man zielt für die internationale Kundschaft aufs Supertuscan-Segment.

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Mediterran-international: Vitello Tonnato im Restaurant Olivina. (Bild: finews)

Tadelloses Vitello Tonnato

Zwischen ähnlichen Polen wie die Weine bewegt sich auch die Kulinarik in Castelfalfi: Das Hauptrestaurant Olivina unter Küchenchef Matteo Cervini ist Mitglied der italienischen Vereinigung der Olivenöl-Restaurants und pflegt eine leichte, mediterrane Küche mit Fisch und Gemüse aus dem eigenen Garten.

Das Vitello tonnato, serviert im tiefstehenden Abendlicht, gefällt uns vorbildlich: rosa Kalbfleisch, locker gefaltet, die Sauce in einzelnen Tupfen statt als deckender Guss, dazu Sardellenröllchen und Kapernäpfel. Ein Glas Fonterinaldo passt bestens. Der Service ist herzlich, die Weinkarte gepflegt, man fühlt sich rundum umsorgt. Nur: So liesse sich auch in einem guten italienischen Lokal in Zürich essen.

1,2 Kilo Vacca grassa

Deutlich mehr Lokalkolorit gibt es in Il Rosmarino, der Trattoria des Guts: Die Pappardelle kommen mit einem weissen Ragù vom Wildschwein des Anwesens, die Tortelli nach Luccheser Art mit Guanciale vom Cinta-Senese-Schwein.

Die Bistecca alla fiorentina gibt es ab einem Kilo und in drei Qualitäten, von italienischer Vacca grassa bis australischem Wagyu. Wir wählen die Vacca grassa, ein gereiftes, kräftig marmoriertes Kuhfleisch. Das Stück von 1,2 Kilo wird roh am Tisch präsentiert und nach dem Grill vom Kellner in gestreifter Weste am Wagen tranchiert, senkrecht am Knochen aufgestellt. Das Ergebnis ist tadellos.

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Vacca grassa aus Italien: Bistecca alla fiorentina in der Trattoria Il Rosmarino. (Bild: finews)

Flasche Nummer 1005

Dazu trinken wir den Castelfalfi 2021, jenen Jahrgang, mit dem das Supertuscan-Projekt begann, Flasche Nummer 1005. Er ist harmonisch und charaktervoll, dank des zurückhaltenden Holzes auch bereits sehr zugänglich. Auf der Weinkarte steht die Magnum für 660 Euro, nur 20 Euro unter dem Tignanello desselben Jahrgangs, was uns dann doch etwas sportlich scheint.

Wenige Zeilen weiter folgen Ornellaia und Sassicaia. Die Ambition, mit der der Castelfalfi 2021 hergestellt wurde, ist unübersehbar, und wir schätzen sie auch am Gaumen. Um sich in dieser Liga zu behaupten, braucht es aber sicherlich noch den einen oder anderen zusätzlichen Jahrgang.

Castelfalfi Ecrù terrace
Abendstimmung auf der Terrasse der Bar Ecrù. (Bild: Castelfalfi)

Die Stunden verträumen

Den Nachmittag verbringt man am besten in der Bar Ecrù & Lounge, deren Terrasse auf die Olivenhaine im Tal blickt. Die Spirituosenauswahl ist ausgezeichnet; im Hintergrund singt jemand italienische und internationale Lieder aus dem Fach «Easy Listening».

Wer klug ist, lässt sich die Weinkarte des benachbarten Restaurants Olivina bringen und verträumt die Stunden bis in den späten Abend.

Dabei festigt sich das Bild: Castelfalfi ist kein Ort für Puristen, die das unberührte Italien suchen. Ein einmaliges und mutiges Projekt, das einen gelungenen Blend aus Toskana und internationalem Top-Tourismus bietet, ist es allemal. Wir verlassen den Ort in der Zuversicht, dass die kürzliche Grossinvestition, wie der Sangiovese vom Hügel des Hungers, tiefe Wurzeln schlagen wird.

*** Herbst in Castelfalfi ***

Unter dem Motto «The Art of the Harvest» lädt Castelfalfi im Herbst dazu ein, die Toskana über ihre Landwirtschaft zu erleben: Gäste helfen selbst bei der Ernte mit und verfolgen den Weg vom Feld bis auf den Teller. Die genauen Zeiträume richten sich nach Witterung und Reifegrad.

Castelfalfi Dining in the vineyard

  • Weinlese: Ab der zweiten Septemberwoche für rund drei Wochen. Die Gäste lesen Trauben, verfolgen das Quetschen und die ersten Gärphasen im Keller und verkosten die biologischen Gutsweine.
  • Olivenernte: Von Mitte Oktober bis Mitte November, mit anschliessendem Besuch der hauseigenen Ölmühle und einer Verkostung biologischer Öle, darunter IGP Toscano und sortenreine Öle.
  • Trüffelsuche: Ganzjährig mit einem lokalen Tartufaio und seinen Hunden durch die Wälder des Anwesens, auf Wunsch mit anschliessendem Trüffel-Lunch oder -Dinner.
  • Bienen und Honig: Bis Oktober ein Besuch der Bienenstöcke in Schutzkleidung zusammen mit den Imkern, zum Abschluss eine Verkostung des biologischen Wildblütenhonigs.