Die sieben grössten Fehler von Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam

Tidjane Thiam, CEO Credit Suisse (Bild: Keystone)

Tidjane Thiam, CEO Credit Suisse (Bild: Keystone)

Wie bei Bankmitteilungen enthält auch dieser Beitrag einen Disclaimer. Und der lautet: Credit-Suisse-Präsident Urs Rohner wie auch Konzernchef Tidjane Thiam haben in den vergangenen zwölf Monaten verschiedentlich erklärt, dass sich der Erfolg einer Neupositionierung nicht nach wenigen Quartal messen lässt. Dafür brauche es zwei bis drei Jahre. Diese Aussage sei dem nachfolgenden Text vorangestellt.

Trotzdem werden Fachleute, die sich mit den Entwicklungen auf dem Schweizer Bankenplatz befassen, kaum bestreiten, dass bei der Credit Suisse (CS), auch zwölf Monate nach Thiams Amtsantritt noch (zu) viel im Argen liegt. Der Aktienkurs notiert auf dem tiefsten Stand seit 25 Jahren. Viele Gründe lassen sich sieben Punkten illustrieren:

1. Keine Sensibilität beim Lohn gezeigt

Bankerlöhne sind (auch) in der Schweiz ein sensibles Thema. Thiam bewies mit seinem Vergütungspaket bei der CS keinerlei Fingerspitzengefühl: Sechs Monate Arbeit im Jahr 2015 liess er sich mit 4,6 Millionen Franken vergolden. Der Verzicht auf 40 Prozent des Bonus wirkt dabei schal. Zudem erhielt er Aktienzuteilungen im Wert von 14,6 Millionen Franken von seiner früheren Arbeitgeberin.

Damit hat sich Thiam selber in die Nesseln gesetzt, denn er signalisiert: Auch er gehört zur Kaste jener Manager, die sich über die Höhe ihres Salärs definieren. Bescheidenheit zu demonstrieren, hätte ihm in der Öffentlichkeit wie auch CS-intern enorm viel Rückhalt und Glaubwürdigkeit verliehen.

2. Die Reissbrett-Strategie überzeugt nicht

Von Thiam, der sich rühmt, den Versicherungskonzern Prudential transformiert zu haben, erwartet die Finanzwelt Gleiches bei der CS. Seine Strategie trägt jedoch keine wirklich transformativen Züge. Vielmehr lässt sie persönliche wie auch innovative Ideen vermissen. Die Investmentbank zu verkleinern und den Fokus auf Asien zu richten, ist nicht besonders bahnbrechend.

Der grösste Mangel an dieser Strategie, die im vergangenen Herbst präsentiert und seither mehrmals revidiert wurde, besteht darin, dass sie von Unternehmensberatern (Thiam war einst selber einer) und nicht von Vollblutbankern entworfen worden ist. Und mit der Abspaltung der Schweizer Universalbank dürfte die CS vollends ihre Seele verlieren (siehe dazu auch Punkt 3).

3. Ein Börsengang, der keinen strategischen Sinn ergibt

Unter zahlreichen Finanzanalysten macht der geplante Teil-Börsengang der Schweizer Credit Suisse aus strategischer Sicht wenig Sinn, ausser dass die Bank damit mehr Kapital lösen kann, auf das sie dringend angewiesen ist - nicht zuletzt vor dem eingetrübten Finanzmarkt-Umfeld. 

Gleichzeitig nimmt Thiam mit dieser geplanten Transaktion in Kauf, dass ein merkwürdiges Konstrukt entsteht, das mehr Fragen (Kapitalallokation, Überlappungen, Arbitrage zwischen beiden Aktien, etc.) aufwirft als Antworten liefert. Eine deutlich kleinere «Rest-CS» könnte ausserdem zu einer Übernahmekandidatin mutieren. Schon jetzt hat die CS bloss noch eine Börsenkapitalisierung von knapp 25 Milliarden Franken. 

4. Trotz Vorschusslorbeeren das Vertrauen verspielt

Vertrauen ins Top-Management ist für jede Bank die wichtigste Währung. Doch bei der CS nimmt dieser Wert analog zur Börsenkapitalisierung (siehe Punkt 3) ab. Intern sind überdurchschnittlich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unzufrieden, und mittlerweile wünschen sich sogar grosse institutionelle Investoren Thiam weg (siehe dazu auch Punkt 6).

Wie prekär die Situation ist, offenbart etwa auch der personelle Aderlass quer durch alle Abteilungen; in jüngster Zeit beispielsweise John Häfelfinger, Holger Spielberg, David Denunzio oder Robert «Bob» Jain. Im Gegenzug ist es Thiam nur begrenzt gelungen, neue Top-Banker anzuziehen, etwa Andreas Arni als Leiter der «Bank für Unternehmer» oder ein Berater-Team von der UBS für Mexiko-Kunden sowie diverse Investmentbanker.

5. Mit den Investmentbankern auf Kriegsfuss geraten

«Don’t Fight the Fed», heisst es unter Börsianern, was bedeutet, dass man nie gegen die Geldpolitik der Zentralbanken wetten sollte, da diese Institutionen am Ende des Tages immer stärker sind. Gleich verhält es sich mit den Investmentbankern der CS. Als CEO sollte man sie nie gegen sich aufhetzen, selbst wenn man wie Thiam drastische Kostensenkungen vornehmen will. Denn gerade bei der CS gehören die Investmentbanker zur DNA des Unternehmens.

Doch genau das hat Thiam getan und muss sich nun einen «Shitstorm» aus den USA vergegenwärtigen, wo die beiden wichtigsten Blätter – «New York Times» und «Wall Street Journal» – eine wahre Hetz-Kampagne gegen ihn fahren.

6. Unbelehrbar im Elfenbeinturm geblieben

Als bekannt wurde, dass Tidjane Thiam Konzernchef wurde, flogen ihm die (Schweizer) Herzen nur so zu. Doch erstaunlich rasch kehrte dieses Wohlwollen in Antipathie um. Das hat seine Gründe, und die hängen nicht damit zusammen, dass Thiam angeblich in Präsidentensuiten absteigt oder mit dem Business-Jet in der Gegend herumdüst, sondern dass er sich durch eine kleine Gruppe von langjährigen, persönlichen Beratern abschirmen lässt, so dass der Kontakt zu wichtigen Leuten innerhalb der CS nicht optimal funktioniert. So entfalten viele erforderliche Massnahmen nicht die erhoffte Wirkung.

7. In Asien zu hoch gepokert

Thiam wird eine grosse Expertise in Asien nachgesagt – zum einen, weil er in China studiert hat, und zum andern, weil er für seine frühere Arbeitgeberin Prudential in dieser Weltregion tätig war. Ob das aber ausreicht, um in einer Bank das asiatische Geschäft zu beherrschen, ist unklar.

Fest steht, dass der asiatische Teil der CS mittlerweile ein Eigenleben führt und Thiam – als CS-Chef – in diesem Markt bisher kaum aufgefallen ist. Zudem haben sich die Wachstumsperspektiven in Asien-Pazifik in den vergangenen sechs Monaten dramatisch eingetrübt, was Thiam und seinen Ertragserwartungen einen dicken Strich durch die Rechnung machen könnte.

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