Was ist von Putin 2.0 zu erwarten?

Was können Anleger von der neuen Amtszeit des russischen Präsidenten erwarten? Was müssen sie befürchten? finews.ch unterhielt sich mit dem Russland-Experten Sven Hedlund.

Herr Hedlund, seit kurzem ist Wladimir Putin als Präsident Russlands wieder im Amt. Was können wir diesmal von ihm erwarten?

So, wie Wladimir Putin in den Kreml zurückgekehrt ist, hat eigentlich eindrücklich aufgezeigt, dass er nie wirklich weg war. Vielmehr umging er mit einer Personalrochade die Verfassung, die vorschreibt, dass eine Präsidentschaft nur zwei Amtszeiten betragen kann. Vor diesem Hintergrund ist nicht anzunehmen, dass die neue Ära viel Neues bringen wird.

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Was werden seine Prioritäten sein?

Ich gehe davon aus, dass er den Staatsapparat zu Lasten des Marktes wieder stärker gewichten wird. Ausserdem wird er gegenüber den USA und der NATO eine harsche Rhetorik anstimmen. Zudem nehme ich an, dass er höchst repressiv gegen die Protestbewegung im eigenen Land vorgehen wird. Eine weitere Priorität dürfte in der Modernisierung des Militärs liegen, verbunden mit der Aussicht auf erhöhte Sozialausgaben – letzteres vor allem, um den Massenprotest im Zaume zu halten.

Wird sich aber auch etwas ändern?

Die grösste Veränderung zwischen Putin 1.0 und Putin 2.0 ist die Tatsache, dass der «Mythos vom allmächtigen Mann in Russland» definitiv geplatzt ist. Wladimir Putin wurde und wird in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht. Die Angst vor ihm als «tough guy» verschwindet zusehends. Sein Charisma hat ernsthaft Schaden genommen.

Welchen Einfluss wird die Protestbewegung auf die Politik Putins haben?

Die Protestbewegung hat überaus effektiv die massive Korruption im Land und die Ineffizienz des Regimes bloss gelegt. Neben hohen Sozialausgaben wird Putin vor allem «kosmetische» Vorkehrungen treffen, um den Eindruck zu erwecken, etwas gegen die Korruption zu tun. Er wird sich auf ein paar grosse Fälle kaprizieren, die er medial ausschlachten kann. Gleichzeitig wird er sich hüten, etwas Weiteres zu tun, das für zusätzlichen öffentlichen Unmut sorgt. Mit tief greifenden und entsprechend schmerzvollen Reformen ist daher kaum zu rechnen.

Welche Zukunftschancen geben Sie der Protestbewegung?

Sie wird in eine Warteschlaufe gehen und dabei einerseits ihre Forderungen nach «freien Wahlen» wiederholen und Putins Abgang fordern. Beides wird notabene nicht eintreten. Andererseits wird die Bewegung eine politische Plattform aufbauen, so dass Veränderungen von der Basis aus möglich werden. Letzteres könnte mittelfristig erfolgreich sein, allerdings kaum in den nächsten zwei bis drei Jahren. Vorerst hat der Kreml noch genügend Autorität, um jegliche Reformen von unten im Keime zu ersticken.

Wird es für westliche Investoren attraktiver, in Russland zu investieren?

Zwar ist man sich in Russland bewusst, dass es weitere ausländische Direktinvestionen braucht, doch gleichzeitig ist es auch eine Tatsache, dass das Investmentklima katastrophal ist. Die massive Kapitalflucht, die seit Herbst 2011 eingesetzt hat, zwingt zum Handeln. Auch hier ist anzunehmen, dass es zu «kosmetischen» Eingriffen kommen wird, so dass der Eindruck entsteht, das Regime engagiere sich für den Investorenschutz. Recht eigentlich gibt es aber wenig Anzeichen dafür, dass es dem Kreml gelingen sollte, die Korruption einzudämmen und die Willkür der Bürokratie zu beenden.

Auf welche wirtschaftlichen und politischen Parameter und Entwicklungen sollen sich Investoren abstützen, um die Lage in Russland einzuschätzen?

Am wichtigsten ist selbstverständlich der Ölpreis. All die Versprechen während der Präsidentschaftskampagne machen die Fiskalpolitik immer stärker von den Energie-Erträgen abhängig. Wenn jedoch der Preis für einen Barrel nicht mindestens auf 150 Dollar steigt, ist der aktuelle Kurs kaum finanzierbar. Und setzt der Ölpreis seine Talfahrt fort, ist schon in den nächsten Wochen eine ernsthafte Krise zu befürchten. Ein weiterer, interessanter Indikator ist die Gewaltbereitschaft der Polizei gegenüber den Demonstranten. Je brutaler die Ordnungsbehörden vorgehen, desto schlechter ist die Situation einzustufen.

Gibt es andere Branchen, welche die Einseitigkeit zum Energiesektor mildern könnten?

Bis auf weiteres wird schon alles um Kohlenwasserstoffe, also um Erdöl, Erdgas, Kohle und Kohlenteer drehen. Diversifikation wird leider eine Forderung bleiben.

Was spricht für Russlands Wirtschaft?

Die vielen guten Fundamentaldaten, wie die Verschuldung gemessen am Bruttoinlandprodukt, die hohen Fremdwährungsreserven, der Steuerhaushalt und das robuste Wirtschaftswachstum. Wenn die politischen Unwägbarkeiten verschwänden, böte sich eine gute Ausgangslage – wäre da nicht das Wörtchen «wenn».

Welche geopolitische Rolle wird Russland in fünf Jahren spielen?

Bis dahin wird sie markant verschrumpft sein. Russland wird von China zusehends verdrängt, sowohl in Zentralasien als auch im Fernen Osten. Überdies werden sich die Beziehungen zu den USA und Europa weiter verschlechtert haben – auf Grund der anhaltenden Repression im Land und der notorischen Menschenrechtsverletzungen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich Russland dannzumal in einer Nachfolgekrise befindet, die sich in einem eskalierenden Machtkampf zwischen einem «erschöpften» Waldimir Putin und bedrohlichen «Hardcore-Nationalisten» äussert.


Stefan_Hedlund_qStefan Hedlund ist Professor und Forschungsdirektor am Zentrum für Russische und Eurasische Studien an der Universität Uppsala, Schweden. Er ist seit den letzten Tagen Leonid Breschnews Anfang der achtziger Jahre auf russische Angelegenheiten spezialisiert. Seine Forschungsinteressen wuchsen während der Jahre weit über die Wirtschaftswissenschaften hinaus, und schliessen die russische Geschichte ein.

Hedlund verbrachte zwei Forschungssemester an der Harvard-Universität in den Vereinigten Staaten und war Gastprofessor an akademischen Einrichtungen wie der Stanford Universität in Kalifornien, der Hokkaido Universität in Japan und in Washington, DC.

Der Titel seines jüngsten Buches lautet «Invisible Hands, Russian Experience and Social Science: Approaches to Understanding Systemic Failure», herausgegeben von Cambridge University Press, 2011. Zurzeit arbeitet er an dem Buch mit dem Titel «Russia as an Energy Power: Empty Threat or Serious Problem».

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Allianz Suisse

Der Versicherer hat in der Romandie Wohn- und Büroimmobilien im Volumen von rund 290 Millionen Franken erworben. Dabei handelt es sich bislang um die grösste Immobilieninvestition in der Westschweiz für die Allianz Suisse. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds investiert der Versicherer verstärkt in Immobilien.

Swiss Re

Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

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Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

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Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

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