Jim Leaviss: Was bedeuten die nächsten Schritte der Zentralbanken?
Die globale Konjunktur belebt sich weiter. Vor diesem Hintergrund wirft Jim Leaviss von M&G Investments einen Blick auf die nächsten Schritte der Zentralbanken und sagt, welche Folgen sich daraus für Anleihenanleger ergeben.
Von Jim Leaviss, Head of Retail Fixed Interest bei M&G Investments
Die weltweite Konjunkturbelebung und einige überraschend restriktive Kommentare der wichtigsten Zentralbanken der Welt haben an den Anleihenmärkten in den letzten Monaten zu einer uneinheitlichen Wertentwicklung geführt. Hinweise darauf, dass die Europäische Zentralbank (EZB) bei einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstums ihre geldpolitischen Impulse allmählich abbauen könnte, liessen die Renditen deutscher Bundesanleihen gegen Ende Juni kräftig steigen.
Dagegen konnten sich US-Treasuries in den letzten Monaten recht gut behaupten, was darauf hindeutet, dass die Aussicht auf eine schrittweise weitere Zinserhöhung zumindest teilweise in den Kursen berücksichtigt ist. Unternehmensanleihen erwiesen sich ebenfalls als widerstandsfähig, da sich die Spreads in den meisten Marktsegmenten weiter verengten.
Was zu prüfen ist
Die Kernfrage lautet nun, welche Schritte die Zentralbanken der Welt als nächstes in Betracht ziehen und welche Folgen sich daraus für Anleihenanleger in den nächsten Monaten und Jahren ergeben. Die Währungshüter müssen entscheiden, ob sie das Wachstum für ausreichend robust halten, um einem Abbau der derzeitigen Anreizmassnahmen standzuhalten.
In diesem Zusammenhang müssen sie auch die leichte Abschwächung der globalen Inflation in den letzten Monaten berücksichtigen und prüfen, ob es sich dabei nur um ein kurzfristiges Phänomen oder den Beginn eines anhaltenden Trends handelt.
Europa am Wendepunkt
Insbesondere in Europa scheint sich die wirtschaftliche Lage im Vergleich zum Vorjahr deutlich verbessert zu haben. Die Arbeitslosenquote ist zwar weiterhin hoch, nimmt jedoch stetig ab und hat erstmals seit 2011 wieder ein Niveau von unter 10 Prozent erreicht.
Die Geschäftsklimaindizes deuten unterdessen auf ein Anhalten der stetigen Wachstumsbeschleunigung hin: Der jüngster Rekordwert des deutschen ifo-Index lässt für das zweite Halbjahr 2017 ein Wachstum von rund 3 Prozent erwarten.
Unliebsame Überraschung?
Zudem haben die politischen Spannungen abgenommen, nachdem Emmanuel Macron mit seinem entscheidenden Sieg bei den französischen Wahlen die Marktstimmung in den letzten Monaten weiter beflügelte. Obwohl Italien angesichts seiner unterdurchschnittlichen Wirtschaftsleistung und der bevorstehenden Parlamentswahlen für eine unliebsame Überraschung sorgen kann, scheint sich der in anderen Teilen der Welt so erfolgreiche Populismus in der Eurozone vorerst nicht durchzusetzen.
Trotz der verbesserten wirtschaftlichen und politischen Situation gehen wir davon aus, dass die EZB an der geldpolitischen Front sehr behutsam agieren wird.
Günstiges Umfeld
Da es bisher kaum Hinweise auf ein kräftiges Wachstum gibt, das einen relevanten Anstieg der Kerninflation auslösen könnte, dürfte die Geldpolitik noch einige Zeit expansiv bleiben. In Verbindung mit der geringen Inflation und der vorteilhaften Politik der Zentralbanken dürfte die beschleunigte Konjunkturbelebung weiterhin ein günstiges Umfeld für europäische Unternehmensanleihen schaffen.
Trotz der starken Kursgewinne in diesem Jahr halten wir es immer noch für möglich, an den europäischen Märkten für Unternehmensanleihen Nischen mit Wertsteigerungspotenzial zu finden.
Nachrangige Finanzanleihen
Ein wichtiges Thema stellen im Moment nachrangige Finanzanleihen dar, da europäische Banken gut positioniert sind, von einem Umfeld mit steileren Renditekurven zu profitieren. Da viele dieser Emissionen nicht Bestandteil des Anleihenkaufprogramms der EZB sind, sind die Bewertungen in diesem Marktsegment zudem in der Regel weniger stark durch die Massnahmen der Zentralbanken verzerrt.
In den USA gehen wir davon aus, dass die US-Notenbank (Federal Reserve, Fed) in den nächsten Jahren wie geplant schrittweise Zinserhöhungen vornehmen wird, wenn sich die Wirtschaftslage bessert. Obwohl die Erstanträge auf Arbeitslosenunterstützung im Verhältnis zur erwerbsfähigen Bevölkerung einen Rekordtiefstand erreicht haben, sodass sich die amerikanische Wirtschaft der Vollbeschäftigung nähert, befinden sich die US-Zinsen nach wie vor auf einem historisch niedrigen Niveau.
Steigende Renditen
In diesem Umfeld dürften die Renditen von US-Treasuries weiter nach oben tendieren, so dass wir eine kurze Durationsposition immer noch für gerechtfertigt halten. Wir konzentrieren uns stattdessen auf Teile des US-Markts für Unternehmensanleihen, die von steigenden Renditen profitieren dürften, darunter auf Dollar lautende variabel verzinsliche Anleihen erstklassiger Banken und Emittenten aus dem Finanzsektor.
Ein gutes Wertpotenzial sehen wir auch in inflationsgebundenen Anleihen (Treasury Inflation-Protected Securities, TIPS), da diese Wertpapiere unseres Erachtens den Inflationsdruck in den USA derzeit nur ungenügend widerspiegeln. Wir führen die jüngste Schwäche der US-Inflation weitgehend auf energiebedingte Basiseffekte zurück, da der 2016 verzeichnete Anstieg der Ölpreise jetzt aus den Vorjahres-Vergleichszahlen zur Inflation herausfällt.
Spezifische Faktoren
Daneben spielte eine Kombination spezifischer Faktoren eine Rolle, darunter der drastische Rückgang der ärztlichen Honorare und die stark beworbenen Preissenkungen bei US-Mobilfunkverträgen. Mittelfristig dürften jedoch die wirtschaftlichen Fundamentaldaten in den Vordergrund rücken: Die bessere Lage am US-Arbeitsmarkt und der wachsende Lohndruck lassen dabei einen Anstieg der US-Inflation erwarten.
Wir gehen zwar davon aus, dass die Fed ihre Zinserhöhungen fortsetzt, müssen jedoch berücksichtigen, dass der Markt in letzter Zeit mit einer etwas moderateren Entwicklung der US-Zinsen rechnet. Neben der Abschwächung der Inflation spiegeln sich darin wahrscheinlich auch die Schwierigkeiten der Regierung Trump wider, ihre Pläne für Steuersenkungen und eine Ausweitung der Infrastrukturausgaben umzusetzen. Derzeit preist der Markt eine Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinserhöhung durch die Fed in diesem Jahr von knapp über 50 Prozent ein.
Beginn der Normalisierung
Dennoch rechnen wir damit, dass die globalen Anleihenrenditen mittelfristig allmählich steigen werden. Unseres Erachtens befinden wir uns am Beginn einer Phase der Normalisierung mit einer Rückkehr zu Wachstum und Inflation. Obwohl die Inflationszahlen wegen des Basiseffekts der Energiepreise zuletzt schwächer ausfielen, dürfte die Inflation künftig ein Thema bleiben.
In diesem Umfeld halten wir eine kurze Durationsposition und ein selektives Engagement in Unternehmensanleihen für entscheidend, um in den nächsten Jahren positive Renditen zu erwirtschaften.
Wir können keine Finanzberatung erteilen. Wenn Sie unsicher sind, ob sich die Anlage für Sie eignet, wenden Sie sich bitte an Ihren Finanzberater. Die in diesem Dokument geäusserten Ansichten sollten nicht als Empfehlung, Beratung oder Prognose angesehen werden.
Glossar
- ANLEIHEN: Darlehen in Form von Wertpapieren, die in der Regel von Staaten oder Unternehmen begeben werden und normalerweise einen festen Zinssatz über einen gewissen Zeitraum zahlen, bei dessen Ablauf der ursprünglich geliehene Betrag zurückgezahlt wird.
- BUNDESANLEIHEN: Festverzinsliche Wertpapiere, die von der deutschen Bundesregierung begeben werden.
- US-TREASURIES: Festverzinsliche Wertpapiere, die von der US-Regierung begeben werden.
- UNTERNEHMENSANLEIHEN: Festverzinsliche Wertpapiere, die von Unternehmen begeben werden. Unternehmensanleihen bieten unter Umständen höhere Zinszahlungen als Anleihen, die von Staaten begeben werden, da sie oft als risikoreicher gelten.
- INFLATION: Die Steigerungsrate der Lebenshaltungskosten. Die Inflation wird normalerweise als jährlicher Prozentsatz angegeben und vergleicht den durchschnittlichen Preis im aktuellen Monat mit dem entsprechenden Vorjahresmonat.
- RENDITE: Bezieht sich entweder auf die aus einem festverzinslichen Wertpapier bezogenen Zinsen oder die aus einer Aktie bezogenen Dividenden. Die Rendite wird in der Regel als Prozentsatz in Bezug auf die Kosten der betreffenden Anlage, ihren aktuellen Marktwert oder ihren Nennwert angegeben. Eine Dividende ist ein Teil des Gewinns eines Unternehmens und wird zu festgelegten Zeitpunkten im Jahr an die Aktionäre ausgeschüttet.
- BEWERTUNG: Der Wert eines Vermögenswerts oder Unternehmens auf Basis seines aktuellen Preises.
- WERTPAPIER: Finanzbegriff für einen verbriefen Vermögenswert – in der Regel eine Beteiligung an einem Unternehmen oder ein auch als Anleihe bezeichnetes festverzinsliches Wertpapier.
- ENGAGEMENT: Der Anteil eines Fonds, der in eine bestimmte Aktie / ein bestimmtes Wertpapier oder in einen bestimmten Sektor / eine bestimmte Region investiert wurde; das Engagement wird in der Regel als prozentualer Anteil am Gesamtportfolio ausgewiesen.
Herausgeber dieser Finanzwerbung ist M&G International Investments Switzerland AG, Talstrasse 66, 8001 Zürich, ein von der Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (FINMA) autorisiertes und beaufsichtigtes Unternehmen.














