Warum der Mensch (immer noch) ein Cabrio braucht

Wo einst beinahe jeder Hersteller mit Stolz ein offenes Modell im Programm führte, lichten sich die Reihen: Der Mercedes SLC (Nachfolger des kategoriebildenden SLK) ist Geschichte, das Audi A5 Cabriolet ebenso. Für Liebhaberinnen und Liebhaber des Fahrens unter freiem Himmel wird die Auswahl zusehends kleiner.

Bereits vor einigen Monaten haben wir dargelegt, warum der Mensch ein Cabrio braucht (damals am Exempel des Maserati GranCabrio, mit dem wir bei kühlen Frühlingstemperaturen ins Werk nach Modena gefahren sind).

Hochsommer in Frankreich

Nun eine neue Herangehensweise: Hochsommer in Frankreich mit dem BMW M440i xDrive Cabrio. Sein Einstiegspreis unter 100'000 Franken positioniert es eine Klasse bodenständiger als den Maserati und leicht weniger sportlich (in der performance-orientierteren Competition-Variante mit zusätzlichen 150 PS steigt der Preis auf etwas über 140'000 Franken).

In Sachen «Freude am Fahren» waren wir abermals hell begeistert von den Vorzügen des offenen Verdecks: Gerade im Sommer ist der kühlende Fahrtwind – wie jeder Töfffahrer bestätigen mag – ein revitalisierendes Elixier. Und so braucht es dann auch relativ viel Sonneneinstrahlung bei hohen Aussentemperaturen, bis die Nettorechnung zugunsten von «Deckel drauf und Klimaanlage an» kippt.

Salz am Atlantik, Pinien im Wald

Das andere ist das Gefühl, mit der Natur verbunden zu sein: An der Atlantikküste Nordfrankreichs weht einem der salzige, jodhaltige Duft des Meeres unmittelbar um die Nase. Und rollt man Stunden später durch die Wälder des französischen Südens, mischt sich das harzige Aroma von Pinien und sonnenwarmem Holz. Allein aufgrund solcher Sinneserfahrungen lohnt es sich, Cabrio zu fahren.

Das Cabrio macht aus dem Fahren eine Angelegenheit aller Sinne. Und der BMW erweist sich als Meister seiner Klasse in diesem Fach.

4,9 Sekunden von 0 auf 100

Unter der markanten Haube des «M440i xDrive» arbeitet ein Reihensechszylinder mit drei Litern Hubraum, TwinPower-Turbo-Aufladung und einer sanft unterstützenden 48-Volt-Mild-Hybrid-Technik. 280 Kilowatt (381 PS) und ein maximales Drehmoment von 540 Newtonmetern genügen, um den offenen Zweitürer in 4,9 Sekunden aus dem Stand auf 100 km/h zu befördern; bei 250 km/h wird elektronisch abgeriegelt.

In der Praxis heisst das: Zum Überholen reicht es praktisch überall dort, wo man dies überhaupt in Erwägung ziehen sollte. Und beim beherzten Beschleunigen kommt echte Freude auf.

Kultiviert für die Langstrecke

Allerdings wäre es verfehlt, den «M440i» als brachialen Sportwagen misszuverstehen. Sein Naturell ist das eines kultivierten Langstreckengleiters mit Sprinter-Qualitäten: souverän, komfortabel, über Stunden ermüdungsfrei. Aber wenn man Leistung braucht, ist sie da.

Der serienmässige Allradantrieb xDrive und die Achtgang-Steptronic tragen das Ihre zur entspannten Gangart bei. Bei geschlossenem Verdeck überrascht zudem die vorzügliche Schalldämmung, die das Fahrzeug akustisch kaum von einem festen Coupé unterscheidet – aus Erfahrung wissen wir, dass das keine Selbstverständlichkeit ist.

Tiefer Verbrauch, und doch ein Wermutstropfen

So viel Komfort und Qualitäten im geschlossenen Zustand gehen natürlich mit einem kleinen Wermutstropfen einher: Mit einem Leergewicht von rund 1,9 Tonnen schien uns das offene 4er eine Idee zu schwer. In zügig gefahrenen Kurven macht sich die Masse durchaus bemerkbar, auch wenn der Allradantrieb und das spitzenmässige Fahrwerk sie grösstenteils zu kaschieren wissen.

Bemerkenswert bleibt: Trotz ausgesprochen beschwingter Fahrweise pendelte sich der Durchschnittsverbrauch bei rund 12 Litern auf 100 Kilometer ein. Für einen derart kräftigen Sechszylinder ist das ein genügsamer Wert.

Haptik-betontes Cockpit

Im Innenraum empfängt den Fahrer ein Cockpit von wohltuender Wertigkeit. BMW bleibt sich treu und setzt weiterhin auf eine vergleichsweise haptikbetonte Bedienung: Schalter und Regler, die man mit den Fingern findet.

Das ist im Zeitalter des allgegenwärtigen Tesla-Looks eine spürbare Wohltat, obschon es natürlich auch bei BMW nicht ohne ein vollwertiges, via Touchscreen angesprochenes digitales Bedien- und Unterhaltungssystem geht. Diesem verleiht übrigens das Harman Kardon Surround Sound System eine wundervolle Stimme – die 700 Franken Aufpreis sollte man sich gönnen.

Grosszügig für zwei

Für Fahrer und Beifahrer sind die Platzverhältnisse gut, und der Kofferraum fällt mit 385 Litern im historischen wie im Modellvergleich grosszügig aus, bei offenem Fahren sinkt der verfügbare Platz konstruktionsbedingt auf immer noch komfortable 300 Liter.

Ein vollwertiger Viersitzer für lange Reisen zu viert ist das Cabrio naturgemäss dennoch nicht: Die hinteren Plätze bleiben Gelegenheitslösungen. Angenehm überrascht dagegen die Handlichkeit. Mit knapp 4,77 Metern Länge und 1,85 Metern Breite lässt sich das Auto auch auf engen Waldstrassen problemlos manövrieren.

Ein Segen bei Hitze

Wo der offene Maserati im Frühling die serienmässige Nackenheizung gegen die morgendliche Kälte ins Feld führte (eine solche hat auch der BMW), bestand nun im Hitzesommer das umgekehrte Problem, und die aktive Sitzventilation zeigte sich als überzeugende Lösung.

Sie kühlt den Rücken von unten und macht das offene Fahren selbst bei voller Sonneneinstrahlung bis etwa 30 Grad Celsius zum ungetrübten Sommerplausch.


Unter dem Strich findet finews: Der BMW M440i xDrive Cabrio ist die ideale Motorisierung für alle, die es betont sportlich mögen, ohne auf Langstreckenkomfort verzichten zu wollen. Und ja: Selbstverständlich braucht der Mensch, gerade im Hochsommer, immer noch ein Cabrio. Das perfekte Sommerauto zu zweit, erhältlich ab 95'000 Franken (in der von uns gefahrenen Ausstattung 114'760 Franken).