Auch für Notenbanker gilt: «Man kann nicht nicht kommunizieren»

In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Kevin Warsh, der neue Chef der US-Notenbank (Fed), hat gleich beim ersten Zinsentscheid unter seiner Führung klargemacht, dass er straffer kommunizieren will als seine Vorgänger. Das Statement wurde gekürzt, eine Forward Guidance gab es nicht mehr, und die Pressekonferenz dauerte weniger lang.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Kommunikation des Präsidenten einer führenden Zentralbank für Aufsehen und Kontroversen sorgt, wie der Blick auf vier Beispiele der jüngeren Vergangenheit zeigt. 

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Alan Greenspan vor dem Kongress im Jahr 2005. (Bild: Shutterstock)

«Irrational exuberance», irrationaler Überschwang. Mit dieser Wortkreation hatte der vor kurzem verstorbene damalige US-Notenbankchef Alan Greenspan vor 30 Jahren auf eine in seinen Augen deutliche Überbewertung der Aktien hingewiesen Die Marktteilnehmer interpretierten dies als Warnhinweis und fürchteten Zinserhöhungen. Zwei Worte schickten die Börsen weltweit auf Talfahrt.

Kleine Randnotiz: Der S&P 500 stand damals bei rund 750, aktuell notiert er bei über 7’500 Punkten, eine glatte Verzehnfachung.

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Mario Draghi im Jahr 2012. (Bild: Shutterstock)

«Whatever it takes», was immer nötig sei, werde die Europäische Zentralbank (EZB) tun, um die Eurokrise zu bewältigen, versprach deren Chef Mario Draghi im Juli 2012. Und er ergänzte: «And believe me, it will be enough», es werde auf jeden Fall genug sein.

Es handelte sich nur um eine verbale Intervention und nicht um die Ankündigung einer konkreten geldpolitischen Massnahme. Und doch standen diese inzwischen legendären Worte am Beginn der Wende in der Eurokrise.

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Ben Bernanke im Jahr 2011. (Bild: Shutterstock)

Ben Bernanke, Fed-Chef von 2006 bis 2014, sorgte kurz nach Amtsantritt unbeabsichtigt für Marktturbulenzen. Er hatte an einem Galadinner einer CNBC-Journalistin auf die Frage, ob die Märkte seine Aussagen richtig interpretiert hätten, mit «nein» geantwortet. Als CNBC über diese Aussage berichtete, kam es zu einer deutlichen Marktreaktion.

Bernanke nannte dies später «a lapse in judgement», eine Fehleinschätzung. Ein Beobachter meinte damals lakonisch: «Notenbanker sollten nicht auf Partys gehen.»

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Jerome Powell im Jahr 2026. (Bild: Shutterstock)

Jerome Powell, Warshs Vorgänger als Fed-Chef (und weiterhin stimmberechtigtes Mitglied im Offenmarktausschuss der US-Notenbank), überraschte die Märkte 2018 gleich zweimal.

Im Oktober sagte er bei einem Podiumsgespräch mehr nebenbei «we are a long way from neutral at this point, probably», man sei vermutlich noch weit vom neutralen Zinssatz entfernt. Das wurde als Hinweis auf stärkere Zinserhöhungen interpretiert. Die Marktreaktion folgte prompt, vor allem bei den Aktien, für die stark steigende Zinsen Gift sind. Powells beiläufiges Statement trug zur Börsenkorrektur im Oktober 2018 bei.

Im November 2018 folgte die Kehrtwende. Powell sagte dann, der Leitzins liege nur knapp unter dem geschätzten neutralen Niveau, welches das Wirtschaftswachstum weder stützt noch bremst. Das war erneut eine Überraschung. Die Aktienmärkte dankten es mit Avancen. Beim zweiten Mal war die Aussage wohl bewusster platziert, kann man doch davon ausgehen, dass Powell aus seinem «Anfängerfehler» (Zitat eines Analysten) gelernt und seine Worte sorgfältiger gewählt hatte.

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Kevin Warsh im Jahr 2026, bei der Vereidigung. (Bild: Shutterstock)

Kevin Warsh, der neue Chef der US-Notenbank (Fed), ist erklärtermassen kein Freund übermässiger Kommunikation. Dahingehend hatte er sich bereits vor seinem Amtsantritt deutlich geäussert. Und er hat Wort gehalten. Das schriftliche Statement nach der ersten von ihm geführten Sitzung fiel deutlich kürzer aus als unter seinen Vorgängern. Im Statement fehlte die Forward Guidance, mit der die amerikanischen Währungshüter bislang die Märkte auf den künftigen geldpolitischen Pfad vorbereitet haben.

Ausserdem hat Warsh sich bei den Fed-Projektionen, bei denen alle Mitglieder des Offenmarktausschusses ihre Einschätzung zur wirtschaftlichen Entwicklung, der Inflation und des erwarteten Zinsverlaufs abgeben, der Stimme enthalten. Und schliesslich war die Pressekonferenz signifikant kürzer als etwa unter seinen Vorgängern Janet Yellen und Powell. Dabei betonte er erneut, dass die Fed künftig weniger und gezielter kommunizieren wolle.

Gibt Warsh damit ein geldpolitisches Instrument aus der Hand? Nein! Einerseits wird auch Warsh kommunizieren, nur halt weniger und gezielter. Andererseits ist es oft genauso interessant, was nicht gesagt, was weggelassen wird.

Der österreichisch-amerikanische Philosoph Paul Watzlawick meinte einst, dass jede Handlung oder Unterlassung ein Verhalten sei. Man könne sich nicht nicht verhalten. Selbst Schweigen oder das Ignorieren anderer sei eine nonverbale Botschaft, die interpretiert werde. Und somit gelte: «Man kann nicht nicht kommunizieren.» Das gilt auch für Kevin Warsh.


Thomas Heller ist seit 2024 Chefökonom der Frankfurter Bankgesellschaft Gruppe. Er ist seit über dreissig Jahren in der Bankenbranche tätig. 1994 startete er als Ökonom bei der Credit Suisse und wirkte später u.a. für die LGT und die Schwyzer Kantonalbank.


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