Nun schlägt die Stunde der Elektrifizierung

Von Daniel Zimmerer

Selbst wenn die Strasse von Hormus wieder für den Schiffsverkehr geöffnet wird – der Schaden ist angerichtet. So hat die Blockade der Meeresstrasse bei den Produzenten in Nahost zu einem Rückstau von mehr als einer Milliarde Fass Erdöl geführt, wie die Internationale Energieagentur IEA unlängst warnte. Beobachter wie beispielsweise Ember sprechen bereits vom grössten Öl-Versorgungsschock aller Zeiten.

Dabei war die Lage vorher schon angespannt. 2022 überfiel Russland, der grösste Exporteur von fossiler Energie, die Ukraine. Der Angriffskrieg führte dazu, dass Europa sich von seinem bislang wichtigsten Energie-Lieferanten abnabeln musste. Mit dem Iran-Konflikt sah sich der Alte Kontinent nun über Monate von dem als Ersatz aus Nahost importierten Flüssiggas abgeschnitten. Ein richtiggehender Doppelschock also.

Investitionen verlagern sich mit hohem Tempo

Die aktuellen Entwicklungen unterstreichen aus unserer Sicht die Relevanz des Themas Energiewende. Und der Schluss liegt nahe: Wo die Versorgung mit fossilen Brennstoffen angesichts einer instabilen Weltlage immer unsicherer zu werden droht, ist die Suche nach Alternativen umso dringender. Eine dieser Alternativen bietet unserer Meinung nach bemerkenswertes Potenzial, sowohl für die Versorgungssicherheit wie auch als nachhaltiges Investmentthema: die Umstellung von Systemen und Prozessen auf die Nutzung elektrischer anstelle von fossiler Energie (die Elektrifizierung), sowie der damit einhergehende nötige Ausbau der Stromnetze und der erneuerbaren Stromerzeugungskapazitäten.

«Wo die Versorgung mit fossilen Brennstoffen angesichts einer instabilen Weltlage immer unsicherer zu werden droht, ist die Suche nach Alternativen umso dringender.»

Wie wir bereits analysierten, bedingen sich Energiewende und Elektrifizierung gegenseitig. So verlagern sich die Investitionen seit Jahren in hohem Tempo weg von fossilen und hin zu erneuerbaren Energiequellen: Laut Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) kletterten die Investitionen dort zwischen 2015 und 2025 von 374 Milliarden Dollar auf 780 Milliarden Dollar; im selben Zeitraum sind die Investitionen in fossile Energieträger um einen Fünftel auf geschätzte 1,1 Billionen Milliarden Dollar gesunken.

Gleichzeitig dürfte gerade wegen der Elektrifizierung die Stromnachfrage rasant wachsen; laut Schätzungen der IEA könnte sie sich bis 2050 verdoppeln oder verdreifachen. Und je mehr die Elektrifizierung an Boden gewinnt, umso schneller wird sich die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringern (siehe Kasten unten).

Stromkonsum wächst mit der Elektrifizierung

Interessanterweise ist diese Ablösung schon seit der letzten grossen Ölkrise, jener der 1970er-Jahre, in Gange. Zu jener Zeit erwies sich die effizientere Nutzung von Energie als wirksamstes Instrument, um höhere Ölpreise abzufedern. Zwischen 1960 und 1985 verdreifachte sich die Energieproduktivität weltweit und verzehnfachte sich in Industrieländern. Interessanterweise ging dieser Produktivitätsgewinn seither vorab zulasten von Öl und Gas.

Der Konsum von Strom hingegen hat seit den 1970er-Jahren mit dem globalen BIP-Wachstum Schritt gehalten und entwickelte sich dreimal schneller als der Verbrauch fossiler Brennstoffe:

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Seit den 1970er-Jahren bewegt sich die Elektrifizierung im Gleichschritt mit dem BIP (Nachfragewachstum nach Energie und BIP, indexiert, Index = 1973; Quelle: Ember, The Twin Fossil Shock, April 2026)

Das rasante Wachstum des Stromkonsums und der Elektrifizierung ging dabei Hand in Hand mit Fortschritten in der Elektrotechnik: Diese steht heute bereit, um den weltweiten Umgang mit Energie weiter zu revolutionieren.

Elektrotechnik als Instrument der Elektrifizierung

Und dies über das gesamte Spektrum der Anwendungen hinweg, angefangen bei der Energiegewinnung, wo erneuerbare Energien bereits das gesamte Nachfragewachstum beim Strom abfedern können. Weiter bei Transport und Speicherung von Energie auf Basis von neuen Netzwerk- und Batterie-Technologien. Und schliesslich beim Energieverbrauch, wo Elektrofahrzeuge und Wärmepumpen einen rasanten Aufschwung erleben. In all diesen Bereichen könnte Elektrotechnik dank folgenden Vorteilen überzeugen:

  • Physikalische Vorteile: Bei Systemen, die auf Basis von fossilen Brennstoffen funktionieren, gehen im Schnitt etwa zwei Drittel der Primärenergie als Wärme verloren. Dies ist mit ein Grund, warum sich Elektrotechnik als etwa dreimal so effizient in der Energienutzung erweist.
  • Wirtschaftliche Vorteile: Elektrotechnik ist zumeist modular aufgebaut. Das unterstützt technologische Lernkurven, wobei die Kosten bei jeder Verdopplung des Einsatzumfangs um etwa 20 Prozent sinken können. Das Argument der besseren Wirtschaftlichkeit von erneuerbaren Energien und Elektrotechnik wäre noch schlagender, würde sich künftig die staatliche Förderung vermindern, die fossile Energien in vielen Teilen der Welt geniessen: Laut Erhebungen der OECD leisteten Regierungen im Jahr 2024 mehr als 900 Milliarden Dollar an Direkt-Subventionen für fossile Brennstoffe. 
  • Resilienz gegenüber der Geopolitik: Laut Berechnungen des Thinktanks Ember leben heute 80 Prozent der Weltbevölkerung in Staaten, die fossile Brennstoffe importieren müssen. Das führt zu Abhängigkeiten, die sich in Krisenzeiten schmerzlich bemerkbar machen und besonders ärmere Länder treffen. Umso mehr drängt es sich auf, in grossen Stil auf Elektrotechnik und erneuerbare Energien umzusteigen. Weltweit würden mehr als 90 Prozent der Länder über ein Potenzial an erneuerbaren Energien verfügen, das mehr als das Zehnfache ihres derzeitigen Bedarfs beträgt.

Qualitatives Wachstum

Die oben genannten Vorteile sprechen unserer Meinung nach auch dafür, dass der zunehmende Einsatz von Elektrotechnik die Energie-Versorgungssicherheit massgeblich verbessern könnte. Das deutet auf ein Milliardenpotenzial hin, das auch für Anlegerinnen und Anleger von Interesse sein kann. Aus einer Anlageperspektive, die neben nachhaltigem Wachstum auch auf Qualität und insbesondere solide Kapitalrenditen abzielt, beschränken wir uns jedoch auf einzelne Segmente der Elektrotechnik sowie der erneuerbaren Energien.

«Laut Berechnungen des Thinktanks Ember leben heute 80 Prozent der Weltbevölkerung in Staaten, die fossile Brennstoffe importieren müssen.»

Zum Beispiel fokussieren wir uns auf die Ausrüster von Netzwerken zur Stromübertragung, die unter anderem aufgrund der grossen Nachfrage über hohe Preissetzungs-Macht verfügen. Auch spezialisierte Bau- und Planungsunternehmen für Strominfrastruktur erfahren derzeit eine hohe Nachfrage nach ihren Dienstleistungen. Ebenfalls interessieren uns Anwendungen im Energieverbrauch: Zu denken ist hier etwa an Unternehmen in den Bereichen Elektrofahrzeuge, stationäre Energiespeicher oder Wärmepumpen sowie von Lösungen, die den Stromverbrauch solcher Anwendungen intelligent regeln können.

Einmal etabliert, dürfte sich die Elektrifizierung und die dazugehörige Elektrotechnik als im besten Sinne des Wortes nachhaltig für die Versorgungssicherheit erweisen.


Dr. Daniel Zimmerer ist Lead-Portfoliomanager für Themeninvestments bei der Zürcher Kantonalbank.


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