Bei Silvio Denz in der Villa Florhof: «Wir sind ein Restaurant mit Zimmern»
Silvio Denz kannte den Florhof lange, bevor er die Liegenschaft gemeinsam mit Peter Spuhler übernahm. Für ihn gehörte das Hotel an der Florhofgasse zu jenen Zürcher Adressen, die nie einen grossen Auftritt brauchten. «Der Florhof war für mich schon immer ein bisschen ein Insider-Hotel. Eine kleine Institution.»
Professoren der Universität, Ärzte des nahen Universitätsspitals und Schauspieler des Schauspielhauses gehörten über Jahrzehnte zu den Gästen. Dazu kommt eine Lage, die Denz noch heute begeistert: Universität, Kunsthaus und Schauspielhaus in unmittelbarer Nähe, Bellevue und Altstadt wenige Minuten entfernt. «Wenn ich ein Hotel in Zürich möchte, dann wäre es der Florhof,» blickt er auf die Jahre zurück. Aber das Haus war bis 2022 nicht auf dem Markt.
Seit dem 1. August 2026 ist aus dem früheren Hotel die Villa Florhof geworden. Dreizehn individuell gestaltete Zimmer und Suiten, Brasserie & Bar mit Terrasse, Weinkeller, Salon Davidoff und ab Spätherbst 2026 ein Signature Restaurant gehören zum Konzept. Denz beschreibt das Geschäftsmodell allerdings anders, als man es von einem Hotelier erwarten würde.

47 Besitzerwechsel in über 600 Jahren. (Bild: DigitaleMassarbeit)
Restaurants mit Zimmern
«Wir sehen uns eigentlich als Restaurant – in der Mehrzahl – mit Zimmern.» Dieser Satz erklärt ziemlich genau, wie Denz den Florhof wirtschaftlich denkt. Die Zimmer sind ein Teil des Modells, aber längst nicht der einzige. Die Gastronomie und der Weinkeller für kleinere Veranstaltungen schaffen unterschiedliche Möglichkeiten, das Haus zu nutzen.
Gerade die überschaubare Grösse sieht Denz als Stärke. Einzelne Bereiche oder das gesamte Hotel können für Geburtstage, Firmenveranstaltungen oder andere grössere Anlässe genutzt werden. «Wir haben eine Grösse, bei der wir sehr viele Möglichkeiten haben, die andere Hotels eben nicht haben.»
Kein Liebhaberobjekt ohne Rechnung
Ein Projekt wie der Florhof hat vieles, was man einem Liebhaberobjekt zuschreiben könnte: ein historisches Gebäude, wenige Zimmer, aufwendige Restaurierung, hochwertige Ausstattung und zwei gastronomische Bereiche. Denz zieht allerdings eine klare Grenze zwischen Leidenschaft und wirtschaftlicher Vernunft. «Es soll nicht so sein, dass wir das Geld zum Fenster hinauswerfen und sagen, wir investieren hier ohne Ende.»
Die Kalkulationen seien gemacht worden, sagt er. Und seine Erwartungen an den Standort Zürich sind entsprechend hoch. Wenn die Villa René Lalique im elsässischen Wingen-sur-Moder eine Auslastung von rund 90 Prozent erreiche und das in Zürich nicht gelinge, «dann machen wir sicher etwas falsch».
600 Jahre alt – und ohne Fundament
Während des Umbaus zeigten sich einige Überraschungen. Im historischen Gewölbekeller stiess das Team auf einen alten Kalkboden. Darunter folgte eine weitere Überraschung, die selbst bei einem 600 Jahre alten Gebäude bemerkenswert ist: Ein eigentliches Fundament fehlte. «Dass es überhaupt noch steht, ist ein Wunder. Wir mussten nachträglich eine tragfähige Basis schaffen, was ein sehr komplexes Unterfangen war», sagt Denz.
Auch das künftige Signature Restaurant stellte die Planer vor Herausforderungen. Denz wollte im ersten Stock einen säulenfreien Gastraum verwirklichen. Dafür mussten Wände entfernt und die Statik des Hauses erneuert werden. Allein diese Arbeiten verlängerten das Projekt um mehrere Monate. Weitere Themen rund um die historische Bausubstanz kamen hinzu.
Denz sieht es pragmatisch. «Das sind einfach Sachen, die bei so einem alten Haus kommen. Es ist kein Neubau.»

Brasserie in der neuen Villa Florhof. (Bild: DigitaleMassarbeit)
Der 48. Eigentümer eines Zürcher Hauses
Dass sich ein 600 Jahre altes Haus nicht nach heutigen Regeln richtet, zeigt sich nicht nur an seiner Bausubstanz. Auch seine Eigentümergeschichte liest sich wie ein Stück Zürich.
Die Ursprünge des Florhofs reichen ins Mittelalter zurück. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Anwesen 1447. Kaufleute, Ärzte, Handwerker, Tuchmacher, Winzer und später Zürcher Patrizierfamilien lebten hier. Die Familien Lavater und Oeri prägten im 17. und 18. Jahrhundert Teile der Architektur, darunter Garten, Terrasse und Fassaden.
Im Gespräch zählt Denz insgesamt 47 verschiedene Eigentümer beziehungsweise Besitzerfolgen auf. Heute bilden Denz und Spuhler die 48. Eigentümerschaft dieser langen Reihe.
Direkt vor ihnen stand die Familie Beckel. Für die frühere Eigentümerin war wichtig, dass der Florhof Hotel bleiben würde und weder in Wohnungen noch in eine andere Nutzung überführt wird. Dieser Wunsch spielte beim Verkauf eine entscheidende Rolle.
Die inzwischen 93-jährige frühere Eigentümerin wird das vollständig erneuerte Haus kurz nach der Eröffnung gemeinsam mit ihren beiden Töchtern erstmals wieder besuchen. Fast ein Jahrhundert Familiengeschichte trifft damit auf das nächste Kapitel des Florhofs.

Vom Les Trois Rois in Basel in die Villa Florhof: Direktorin Tanja Wegmann. (Bild: DigitaleMassarbeit)
Lalique baut keine identischen Hotels
Für Denz ist die Villa Florhof gleichzeitig Teil einer grösseren Hospitality-Strategie. Er spricht von «Erlebnis-Gastronomie» oder «Erlebnis-Hospitality».
Gemeint ist eine Collection, bei der jedes Haus seine Identität aus dem jeweiligen Ort entwickelt. Die Villa René Lalique im Elsass verbindet Hospitality mit der Geschichte René Laliques, der Kristall-Manufaktur und dem Museum. Château Lafaurie-Peyraguey steht mitten in der Weinwelt von Sauternes. In Schottland bilden The Glenturret und Whisky den kulturellen Rahmen für ein Restaurant.
«Wir bieten etwas mehr als nur eine Mahlzeit oder eine Übernachtung. Wir bieten das Universum von Lalique, eingebettet jeweils in ein Thema.» Und dann formuliert Denz seine Hospitality-Idee erstaunlich einfach: «Geschichten faszinieren nicht nur Kinder. Auch Erwachsene lassen sich gerne in eine andere Welt entführen.»
In Zürich liefert die Seidenindustrie die Geschichte. Der Florhof zählt zu den letzten erhaltenen Seidenhöfen der Stadt. Für Denz ist das mehr als nur Dekoration: Der wirtschaftliche Aufstieg Zürichs sei wesentlich durch Seidenhandel und Seidenindustrie geprägt worden.
Unterschiedliche Partner, klare Rollen
Auch bei seinen Investoren setzt Denz nicht auf ein einheitliches Modell. Peter Spuhler hält gemeinsam mit ihm die Immobiliengesellschaft der Villa Florhof. Bei Château Lafaurie-Peyraguey ist Michael Pieper auf Immobilienebene engagiert, Hansjörg Wyss bei The Glenturret.
Den operativen Hospitality-Betrieb trennt Denz klar davon. Beim Florhof führt Lalique das Hotel vollständig selbst. Die Partner seien in erster Linie Investoren auf Immobilienebene und nicht in den jeweiligen Betriebsgesellschaften engagiert. Damit lässt sich Kapital unterschiedlich strukturieren, während Konzept, Gastronomie und Markenführung unter der Kontrolle von Lalique bleiben.

Wienerschnitzel in der Interpretation der Florhof-Brasserie. (Bild: DigitaleMassarbeit)
Fine Dining als zweite Phase
Die kurzfristige Trennung von Christian Jürgens (finews berichtete) hat an der grundsätzlichen Planung des Hauses wenig verändert. Das Signature Restaurant war von Beginn an als zweite Phase vorgesehen. Zuerst sollten die Brasserie & Bar mit der Terrasse anlaufen, die Abläufe funktionieren und das Team zusammenfinden. Im Spätherbst folgt das Restaurant im ersten Stock. Für dessen Küche sucht Lalique einen neuen Chef und möchte das Konzept gemeinsam mit ihm entwickeln.
Denz denkt dabei bereits über den einzelnen Namen hinaus. Küchenchefs der anderen Lalique-Häuser könnten zeitweise in Zürich kochen, genauso wie externe Gastköche. Solche Wechsel gebe es innerhalb der Collection bereits. «Wir können intern mit unseren Köchen Happenings machen – und natürlich auch mit anderen Köchen.»
Was zählt, ist jetzt
Bei einem Gebäude mit 48 Eigentümern liegt die Frage nach dem eigenen Vermächtnis nahe. Was soll in 20 oder 30 Jahren einmal über die Zeit von Denz und Spuhler erzählt werden?

Luxuriöse Lalique-Ästhetik in den Zimmern. (Bild: DigitaleMassarbeit)
Für Denz ist dies derzeit nicht relevant. «Das interessiert mich momentan weniger. Mich interessiert, was die Leute heute erzählen und wie sie die neue Villa Florhof wahrnehmen»
Die Vergangenheit sei wichtig, ergänzt er. «Ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft und keine Gegenwart.» Entscheidend sei jetzt, wie Zürich das Haus aufnehme.
Auch auf eine klassische Hotelkategorie möchte Denz den Florhof nicht reduzieren. «Wir wollen kein Fünf-Sterne-Hotel sein. Wir wollen ein Lalique-Hotel sein, ein Boutiquehotel. Und übrigens sind wir das einzige Relais-et-Châteaux-Haus in Zürich.» Persönlicher Umgang und eine eigene Identität stehen für ihn stärker im Vordergrund als eine formale Klassifizierung.
Nach drei Jahren Umbau beginnt deshalb die eigentliche Bewährungsprobe erst jetzt. Die Villa Florhof muss zeigen, ob sich ein kleines Haus mit grosser Geschichte, hohen Investitionen und mehreren gastronomischen Ertragsquellen dauerhaft trägt.














