Philanthropie-Hub Liechtenstein: Mit Mut zur Wirkung

Von Alice Nägele, Projektverantwortliche bei der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen und Trusts (VLGST)

Die Weltordnung wird multipolar und fragmentierter. Staatliche Akteure reduzieren ihre Budgets für internationale Zusammenarbeit, während die globalen Herausforderungen zunehmen. Für gemeinnützige Stiftungen und Family Offices verschiebt sich damit der Rahmen philanthropischen Wirkens – und privates Kapital rückt in eine Rolle, die staatliche Akteure zunehmend nicht mehr ausfüllen.

Geopolitischer Umbruch verändert das Geben

Dabei geht es um weit mehr als um die quantitative Kompensation finanzieller Lücken, die durch den Rückzug von USAID oder europäischen Gebern entstehen. Die entscheidende Frage ist nicht nur, wie viel Kapital fliesst, sondern auch, welche qualitative Wirkung es erzielt: Welche soziale Rendite, also nachweisbare gesellschaftliche Veränderung, löst das eingesetzte Kapital aus?

Während die Mittel fliessen, bleibt diese Wirkung oft hinter dem zurück, was möglich wäre – auch weil die Komplexität heutiger Krisen das koordinierte Zusammenspiel verschiedener Akteure verlangt. Es entstehen neue Allianzen zwischen privater Philanthropie, Impact-Investoren, Entwicklungsbanken und der Finanzbranche. Liechtenstein kann hier als Knotenpunkt fungieren, der diese Synergien ermöglicht.

Ein verlässlicher Standort als Fundament

Liechtenstein bietet ausgezeichnete Voraussetzungen für philanthropisches Engagement. Rund 1'400 gemeinnützige Stiftungen, ein modernes Stiftungsrecht, das AAA-Rating und die EWR-Mitgliedschaft schaffen Rechtssicherheit und internationale Anschlussfähigkeit. Im Global Philanthropy Environment Index der Indiana University belegt das Fürstentum bereits zum zweiten Mal den Spitzenplatz. Die gesetzlich verankerte Treuhand-Expertise im Stiftungsrat nach Art. 180a PGR wirkt als Gütesiegel für Compliance und Qualitätssicherung.

Wo der Sektor hinter seinen Möglichkeiten bleibt

Gleichwohl zeigt der Philanthropie- und Impact-Investing-Sektor eine strukturelle Schwäche: starker Fokus auf Produkte, Prozesse und Renditen, vergleichsweise wenig auf systemische Wirkung. Viele Stiftungen arbeiten mit Förderlogiken und Kooperationsmustern, die nicht mehr zeitgemäss sind – während sich die Probleme, die sie adressieren, grundlegend verändert haben. Obwohl substanzielle Mittel bereitgestellt werden, entfalten sie oft nicht die gewünschte systemische Hebelwirkung.

Von der Vermögensverwaltung zum Impact-Management

Echte Wirkung ist kein moralisches Ziel, sondern ein Qualitätsmerkmal moderner Governance. Sie misst sich an der nachweisbaren gesellschaftlichen Veränderung – nicht an der Höhe der ausgeschütteten Mittel. Das bedeutet, Philanthropie mit derselben Präzision zu führen wie ein Investmentportfolio: mit klar definierten Wirkungszielen, integrierter Impact-Messung, kalkulierten Risiken – und mit Partnern im Globalen Süden als Auftraggeber statt als Auftragnehmer.

Eine wachsende Zahl von Stifterinnen und Stiftern formuliert entsprechende Erwartungen an die Stiftungsorgane. Governance verschiebt sich – vom reinen Finanzcontrolling zu aktiver inhaltlicher Gestaltung. Die Frage, wie sich die Wirkung jedes einzelnen Frankens multiplizieren lässt, gehört ins Zentrum der Stiftungsratsarbeit.

Raum für Wirkung im Tagesgeschäft schaffen

Damit das gelingt, braucht es Zeit und Raum – auch bei den Intermediären. Client Advisors, Treuhänderinnen und Anwälte arbeiten in einem zeitlich engen Abrechnungsmodell und unter wachsendem Compliance- und Bürokratiedruck. Für die proaktive Auseinandersetzung mit Wirkung bleibt kaum Spielraum. Hier sind Führungskräfte in Banken, Treuhandgesellschaften und Family Offices gefordert.

Erfolgreiche Akteure im Finanzsektor ermöglichen deshalb Mandate, die explizit auf Wirkung ausgerichtet sind, und etablieren eine Kultur, in der die Frage nach der Wirkung denselben Stellenwert hat wie die Compliance-Prüfung.

Liechtensteins Differenzierung liegt in der Qualität

Genau hier liegt die strategische Chance des Standorts: Nicht nur als Hub mit erstklassigen Strukturen wahrgenommen zu werden, sondern als Ort, an dem philanthropisches Wirken höchste Qualität entfaltet. Wo Stifterinnen und Stifter Beraterinnen und Berater finden, die nicht nur verwalten, sondern gestalten. Wo Wirkung nicht als nice-to-have gilt, sondern als Massstab.

Das ist echte Differenzierung – und ein substanzieller Beitrag privater Philanthropie zu einer weltweiten Praxis, die in fragmentierten Zeiten verbindende Wirkung entfalten kann.


Alice Nägele ist Projektverantwortliche bei der Vereinigung liechtensteinischer gemeinnütziger Stiftungen und Trusts (VLGST) und betreut dort seit 2018 in verschiedenen Funktionen die Bereiche Kommunikation, Strategie und Mitgliederservice. Als Juristin und Unternehmerin bringt sie internationale Erfahrung aus multilateralen, staatlichen und Grassroots-Organisationen mit. In Israel/Palästina und Ostafrika hat sie in Führungspositionen mehrere Start-ups und NPOs mitaufgebaut; seit 2020 ist sie zudem Teil der Geschäftsleitung einer nigrisch-schweizerischen Softwarefirma sowie eines Tech & Social Innovation Hubs im westafrikanischen Niger.