An Boris Collardi scheiden sich die Geister

Manchen ist er mit knapp 35 Jahren noch zu jung, andere finden ihn arrogant und ohne Fronterfahrung – was legitimiert den neuen CEO der Bank Julius Bär?

 

Viele Mitarbeiter in der Bank Julius Bär hatten erwartet, dass wohl ein externer Kandidat zum Nachfolger von Alex Widmer gekürt werde. Doch schliesslich gab der Verwaltungsrat unter Raymond J. Bär einer internen Lösung den Vorzug. Mit Boris F. J. Collardi übernimmt im Prinzip «die rechte Hand» des im vergangenen Dezember verstorbenen CEO Alex Widmer die operative Führung der Bank.

Eine enge Beziehung zu Alex Widmer hatte Collardi schon bei der Credit Suisse, wo er von 1993 bis Ende 2005 tätig war. Er arbeitete dabei als Assistent, später als Stabschef für seinen Vorgesetzten und war für verschiedene (Integrations-)Projekte in der Schweiz, aber auch in Singapur zuständig. In diesen Funktionen machte sich Collardi einen Ruf als unnachgiebiger und oft ungeduldiger Manager – als einer, der «voll Gas» gibt und allen Widerständen zum Trotz seine Aufträge durchsetzt, wie sich frühere Arbeitskollegen erinnern. Er habe auch nie Scheu vor Hierarchien gehabt, sondern sei immer seinen Weg gegangen.

Dass ein solch resolutes Vorgehen in einem Grosskonzern auch böses Blut schafft, ist nicht verwunderlich. Darauf deuten die zahlreichen Reaktionen in der Branche hin, die den Aufstieg Collardis nun an die Spitze der Bank Julius Bär eher kritisch würdigen. Er sei noch viel zu jung, habe kaum Erfahrung im direkten Kundenkontakt und sei nur mangels Alternativen an den neuen Job gelangt, heisst es. Man beschreibt ihn mitunter auch als sehr von sich eingenommen, will sagen als eingebildet und arrogant.

Grübels Assistent

Das mag indessen damit zusammenhängen, dass Collardi tatsächlich ein höchst differenziertes Berufsethos hat. Er ist einer, der anpackt, der durchführt und damit auch in Kauf nimmt, nicht unbedingt mehrheitsfähig zu sein. Er selber definiert seine Art als einen angelsächsisch beeinflussten Führungsstil. Der gebürtige Westschweizer mit einem leichten französischen Akzent – wenn er Deutsch oder auch fliessend Englisch spricht – hat nicht zuletzt im asiatischen Raum bewiesen, dass er die nötige Beweglichkeit besitzt, um grosse Geschäfte durchzuziehen. In Singapur war er massgeblich am Aufbau des Private Banking der Credit Suisse beteiligt.

Noch früher arbeitete Collardi eine Zeit lang auch als Assistent von Oswald Grübel, dem heutigen CEO der UBS. Auch in dieser Zeit dürfte der damals junge Mann unter den Fittichen Grübels einiges erfahren haben, wie man sich im Business zielstrebig durchsetzt. Und das wiederum mag einigen Leuten nicht geheuer sein, die nun sehen, wie Collardi die Spitze der Bank Julius Bär erklimmt.

Konflikte provoziert

Bereits kurz nach seiner Ankunft im traditionsreichen Hause Bär im Jahr 2006 löste Collardi mehrmals einen Kulturschock aus, weil er seine Projekte mit einem überaus ambitionierten Tempo realisierten wollte. Später räumte er denn auch ein, dass er manchen Konflikt provoziert habe und einige Leute abgesprungen seien. Die ehrgeizigen Pläne, die er anfangs 2008 sich noch zurechtgelegt hatte, musste er indessen im Verlauf des Jahres erheblich zurückstecken. Erstens, weil die Finanzkrise schärfer als je erwartet auch bei Julius Bär durchschlug, und zweitens, weil mit dem Hinschied von Alex Widmer im Dezember die Bank mit einem Male führungslos wurde.

Unterstützung von den Kollegen

Nach der interimistischen Führung durch Johannes de Gier tritt nun per 1. Mai 2009 Collardi an. Damit löst sich eine wichtige Frage an der Spitze der Bank, die in nächster Zeit grundlegende Entscheide wird treffen müssen. Denn bis anhin hatte vor allem Wachstum die Strategie diktiert – nun muss sich das Institut auf eine andere Gangart besinnen; die Zeiten sind anders geworden. Collardi wird auch zeigen müssen, wie er seinen Mangel an Frontline-Erfahrung kompensiert, sagt Peter Thorne, Finanzanalyst bei Helvea. Doch möglicherweise könnten die zahlreichen Top-Banker, welche Julius Bär in den letzten Jahren für viel Geld angeheuert hat, da auch eine wichtige Hilfe sein.

Gemäss Firmenangaben verfügt Collardi über eine breite internationale Erfahrung im Private Banking und hat bereits wesentlich zur Positionierung der Bank Julius Bär als eine der führenden globalen Privatbanken beigetragen. «Eine Evaluation des für die Bank Julius Bär relevanten Anforderungsprofils hat schliesslich zu einer klaren Präferenz des Verwaltungsrates für einen hochkarätigen internen Kandidaten geführt, was die Stärke unserer Organisation nur unterstreicht. Als erfahrener, eng mit dem Private Banking verbundener Manager ergänzt Boris Collardi diese Fähigkeiten mit seinem multikulturellen und internationalen Hintergrund», erklärte Raymond J. Bär, Verwaltungsratspräsident der Zürcher Bankengruppe.

Johannes de Gier konzentriert sich auf GAM

Boris Collardi stiess kurz nach der durch die Gruppe getätigten Übernahme von drei Privatbanken und GAM zu Julius Bär und ist seit Anfang 2006 für die Bank Julius Bär als Chief Operating Officer tätig. Zuvor erwarb er sich umfassende Führungserfahrung während seiner zwölfjährigen Karriere bei der Credit Suisse sowohl in Europa als auch in Asien. Unter anderem bekleidete er die Funktionen des Global Chief Financial Officer und des Chief Operating Officer EMEA von CS Private Banking.

Nach dem Führungswechsel wird sich Johannes A. de Gier auf seine Funktion als Verwaltungsratspräsident der GAM Holding AG konzentrieren und für den weiteren Ausbau dieses gut positionierten, auf alternative und aktive Vermögensverwaltung ausgerichteten Asset Managers der Julius Bär Gruppe verantwortlich zeichnen.

 

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