«Unsere Branche wurde zum Opfer ihres Erfolgs»

Patrick Huser, CEO von Chefinvest, über Zusammenschlüsse in der Branche, neue Anforderungen an die Kundenberater, und wie man Interessenskonflikte vermeidet.  

Patrick_Huser

Herr Huser, die Schweizer Bankbranche steht mächtig unter Druck. Was sind die Gründe dafür?

Einerseits liegt dies sicher an der sehr defensiven und teilweise kurzsichtigen Finanzplatzstrategie unseres Landes. Andererseits mag die Branche auch zum Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden sein.

Können Sie das genauer erklären?

Die Schweiz hat es nie geschafft, starke politische Verbündete auf ihre Seite zu ziehen. Ausserdem waren potenziell nicht deklarierte Gelder, die unter dem Mantel des Schweizer Bankgeheimnisses gehortet wurden, ein willkommener Vorwand für andere Länder. So konnten Staaten wie die USA, Italien, Frankreich oder Deutschland ihren Druck aufbauen und über internationale Gremien sogar noch erhöhen.


«Der Kundenmehrwert muss in den Vordergrund rücken»


Last but not least haben die exzessiven Bonusmodelle der Grossbanken zu einem enormen Befremden in der Bevölkerung und so auch zu einem schwindenden Vertrauen in unsere Branche geführt.

Was sind jetzt die grössten Herausforderungen für Sie?

Mit dem sich abzeichnenden Paradigmenwechsel ist der Kundenmehrwert wieder konsequent in den Vordergrund zu stellen. Dies ist eine Herausforderung, welcher wir uns mit unseren Dienstleistungen stellen. Hinzu kommen die steigende Komplexität des regulativen und markttechnischen Umfeldes sowie der technologische Wandel und der Trend, andere Anlageformen stärker zu nutzen.

Im Moment läuft das Geschäft in vielen Bereichen schlecht. Wie wirkt sich diese Situation auf Ihr Unternehmen aus?

Das Umfeld ist in der Tat herausfordernd. Glücklicherweise beruht unser Geschäftsmodell seit jeher auf Gebührentransparenz sowie auf einer umfassenden Finanzberatung im Anlage-, Steuer-, Rechts- und Immobilienbereich.


«Die Wahl des Anlageinstruments sollte ganz am Schluss stehen»


Dies verbessert unseren Geschäftsmix und erhöht die kompetenzübergreifenden Synergien. Selbst 2011 haben wir entgegen dem Trend unseren Personalbestand weiter von 7 auf 9 Mitarbeiter aufgestockt.

Das Offshore-Geschäft in Europa verschwindet; das Kundenverhalten ist ebenfalls im Wandel. Welche Eigenschaften muss ein Kundenberater/Vermögensverwalter heute mitbringen, um Erfolg zu haben?

Er sollte einen lösungsorientierten und ganzheitlichen Beratungsprozess anwenden, bei dem die Wahl der Anlageinstrumente erst ganz am Schluss steht. Qualitativ anspruchsvolle Aus- und Weiterbildungen sind weitere Bedingungen.

Auch die Anforderungen an die Compliance steigen. Viele unabhängige Vermögensverwalter sind überfordert. Werden manche Akteure dadurch gezwungen sein, ihre Selbständigkeit aufzugeben?

Die zunehmenden Compliance-Anforderungen erhöhen die Kosten tatsächlich, was besonders bei kleineren Banken und Vermögensverwaltern noch zu überproportionalen Belastungen führen wird.


«Retrozessionen gehöhren nicht zu unserem Modell»


Zudem überwiegen in vielen Fällen nach wie vor Modelle mit Retrozessions-Zahlungen. Die geltende Rechtssprechung stellt solcherlei aber mehr und mehr in Frage, zumal Kunden nachträgliche Forderungen geltend machen können.

Wie entsprechen Sie den verschärften regulatorischen Vorschriften?

Mit einem hohen Ausbildungsstandard innerhalb der Firma, gepaart mit jahrzehntelanger Erfahrung und der Selbstverständlichkeit, wie wir Problemstellungen angehen. Will heissen, wir führen unser Geschäft über ein «Client Steering Committee», wir haben «Crossborder Business Rules» und klar definierte Investmentprozesse. Ausserdem tauschen wir uns regelmässig mit Steuerberatungsunternehmen, Banken und Rechtsanwaltsfirmen aus.

Wie vermeiden Sie Interessenskonflikte im Umgang mit Kunden?

Mit unserer Gebührenstruktur setzen wir die Anreize bewusst auf die Vermeidung von Interessenskonflikten. Retrozessionen gehören nicht zu unserem Geschäftsmodell.

Durch den Stellenabbau bei den Banken machen sich viele Angestellte selbständig. Wie behaupten Sie sich in diesem zunehmend härteren Konkurrenzkampf?

Durch den Auf- und Ausbau unserer Steuerkompetenz haben wir einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Wir erachten uns aus diesem Grund als komplementär zu unseren Depotbanken und nicht als Konkurrenz.


«Vermögensverwalter werden sich vermehrt zusammenschliessen»


Rückblickend war die Aufbauarbeit sicher anspruchsvoll. Neben den betriebswirtschaftlichen Kenntnissen brauchte es genügend Eigenmittel, Führungserfahrung, technisches Verständnis sowie Verhandlungsgeschick – und natürlich Kunden, die bereit sind, unsere Qualität zu honorieren.

Wird es in einigen Jahren tendenziell mehr unabhängige Vermögensverwalter geben?

Nein. Die Eintrittsbarriere wird durch die Aufsichtsbehörden und die sinkende Rentabilität der reinen Assets laufend erhöht. Bankangestellte, die sich selbständig machen, wechseln zumeist auf eine bereits bestehende, bankähnliche Plattform, um ihre Kunden dort weiterbetreuen zu können. Dies steht aber oft diametral zu den Bankinteressen, was zu einem starken Retention-Management und harten Massnahmen bei den betroffenen Banken führt. Vor diesem Hintergrund erwarte ich, dass sich Vermögensverwalter noch vermehrt zusammenschliessen werden.

Wie bleibt der Finanzplatz Schweiz in Zukunft eine attraktive Drehscheibe für die internationale Vermögensverwaltung?

Unsere Chancen stehen gut, wenn wir Kompetenz, Innovation, Leistungsbereitschaft, und Glaubwürdigkeit höher gewichten, als kurzfristiges Gewinnstreben. Darüber hinaus sollten wir vermehrt Geschäftsmodelle pflegen, die das Thema «Behavioral Finance» einbeziehen.


«Zuverlässigkeit und Empathie sind weitere Trümpfe»


Dies löst den «Performancezwang» etwas. Glaubwürdigkeit kommt einerseits durch eine klare, standhafte Anwendung von Regeln und Gesetzen zustande, andererseits könnte sich eine stärkere Gewichtung ethischer Aspekte positiv auswirken. Zuverlässigkeit und Empathie sind weitere Trümpfe.


Patrick_Huser_2Patrick Huser ist Mitgründer und CEO der Finanzboutique Chefinvest. Er verfügt über eine 20-jährige Berufserfahrung in der Bankbranche, davon zwölf Jahre in der Direktion und in leitender Stellung bei der Credit Suisse und der Deutschen Bank, zuletzt im Rang eines Managing Direktors bei der Deutschen Bank. Die Stationen innerhalb der Credit Suisse führten ihn vom Kapitalmarktgeschäft in den Stabsbereich Anlagen/Handel.

Seit 16 Jahren berät Huser vermögende Privatkunden (HNWI) im Nahen Osten und in der Schweiz und gründete die Dr. Huser Consulting für die Beratung von HNWI in Anlage-, Nachfolge-, und Erbschaftsfragen. Im Jahr 2010 gründete er mit vier weiteren Partnern die Chefinvest AG.

Patrick Huser ist Doktor der Rechte der Universität Zürich mit einer Dissertation zum Thema «Anlegerschutz durch Unternehmenspublizität» (1994).

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NEWS GANZ KURZ

Swiss Life

Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

Finma

Die Eidgenössische Finanzaufsicht revidiert ihre Anforderungen an die externe und interne Auslagerung von Bankdiensten. An systemrelevante Banken werden für die Auslagerung kritischer Dienstleistungen nochmals erhöhte Anforderungen gestellt.

UBS

Die Grossbank muss nach einem Entscheid der amerikanischen Finanzbehörde Finra weitere 18,5 Millionen Dollar an Investoren in Puerto-Rico-Anleihen zahlen. Nach hohen Verlusten auf den Papieren sieht sich die Bank nicht abreissen wollenden Forderungen ausgesetzt. Laut Medienberichten ist dies die höchste Einzelzahlung, welche die UBS in dem Fall bisher leistete.

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