Jonas Schürmann: Hotelier im Bankenviertel

Jonas Schürmann und die italienische Schauspielerin Caterina Murino

Er startete seine Karriere als Kellner im Hotel Kreuz in Balsthal. Heute gehen in «seinem» Mandarin Oriental in Hongkong die Banker ein und aus, wie Jonas Schürmann im Interview mit finews.ch erzählt.


Herr Schürmann, das Mandarin Oriental Hongkong befindet sich in Gehdistanz zum Finanzdistrikt. Wie erleben Sie die Banker?

Ihr Berufsstand ist in Hongkong noch immer hoch angesehen und ein Sprungbrett für viele Karrieren. Entsprechend ist die Finanzbranche sehr dynamisch und immer in Bewegung. Allerdings wird auch hier die Compliance immer schärfer. Die Aufsichtsbehörden sind streng. Das wissen die Banker und tun gut daran, die Regeln zu befolgen.

Immer wichtiger für die Finanzbranche wird China, wo sich in den nächsten Jahren enorme Geschäftsmöglichkeiten ergeben werden. Wir haben hier in Hongkong in jüngster Zeit auch zahlreiche Börsengänge von Unternehmen aus China gesehen. Das ist ein weiteres Zeichen für die Dynamik.

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Wenn Banker bei Ihnen absteigen, was suchen sie dann?

Wir fliegen gern unterm Radar – wenn man bei uns durchs Hotel läuft, hat man nie das Gefühl, in einem 500-Zimmer-Haus zu sein. Die Lobby ist relativ klein, die Einrichtung verleiht einem das Gefühl von Wohnlichkeit. Die Gänge sind kurz, weil unsere Architektur quadratisch angelegt ist.


«Bei uns können Sie abtauchen»


Diese Diskretion schätzen unsere Gäste. Sie können «abtauchen». Gleichzeitig bieten wir nicht weniger als zehn Restaurants und Bars unter einem Dach, die täglich um die 2'000 Leute bewirten.

Was bieten Sie speziell für Geschäftsreisende?

Luxus hat nichts mehr mit vergoldeten Wasserhähnen zu tun. Als Luxus gelten heute Zeit, Komfort, Sicherheit und Convenience. Wir haben viele Mitarbeiter, die seit zwanzig Jahren oder sogar noch  länger bei uns sind. Diese Leute verstehen es ausgezeichnet, den Gästen «Zeit zurückzugeben», indem sie ihnen gewisse Erledigungen abzunehmen.

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Wie meinen Sie das?

Zum Beispiel, indem sie für einen Gast ein China-Visum besorgen; innert einem Tag, sofern der Gast uns seinen Pass am Morgen vor 10 Uhr an der Rezeption hinterlegt. Oder wenn ein Gast seiner Frau etwas Spezifisches mitbringen will, genügt ein Foto, und unser Concierge besorgt das. Wichtig ist auch, dass wir rund um die Uhr einen IT-Spezialisten im Haus haben. Das ist heutzutage auch Luxus.

Wie sieht Ihr Gästemix aus?

Gesund. Ein Drittel der Gäste stammt aus Europa, wobei die Schweizer hinter den Britten die zweitwichtigste Klientel sind, noch vor den Franzosen und Deutschen. Ein Drittel der Gäste kommen aus Nord- und Südamerika, ein Drittel aus dem asiatisch-pazifischen Raum, immer häufiger aus China und Indonesien.


«Ein grösseres Ego als diese Tür»


Etwa 60 Prozent der Gäste sind Geschäftsreisende, 30 Prozent Touristen und 10 Prozent Gruppen und Konferenzteilnehmer.

VIPs?

Viele. Der frühere britische Premierminister Tony Blair hat mir grossen Eindruck gemacht, ebenso Bill Clinton, ein Mann mit einem enormen Charisma. Auch der chinesische Unternehmer und Berater David Tang zählt zu unseren Gästen, sein Ego ist manchmal grösser als diese Türe hier.

Was macht grosse Hoteliers aus?

Sie sind normal geblieben und perfekte Gastgeber. Ich hatte das Glück sowohl für Felix Bieger im Peninsula in Hongkong als auch für Kurt Wachtveitl im Mandarin Oriental in Bangkok zu arbeiten – zwei der bedeutendsten Hoteldirektoren auf der Welt. Sie hatten eine einzigartige Präsenz im Hotel. Jeden Tag hielten sie sich einige Stunden einfach in der Lobby auf und waren zugänglich für ihre Gäste. Das mache ich auch.


«Man muss bloss mit den Gästen reden»


Das schätzen die Leute sehr. Ohnehin ist der Gast der beste Ratgeber für jegliche Verbesserungen in einem Hotel. Da braucht es eigentlich keine Unternehmensberater – man muss bloss mit den Gästen reden.

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Sie leiten eines der berühmtesten Hotels auf der Welt. Muss man ein solches Haus überhaupt noch aktiv bewerben?

Absolut. Die Konkurrenz ist enorm. Im Prinzip haben wir jeden Tag 500 Zimmer, die wir verkaufen müssen. Was nicht weg geht, ist nicht verkauft. Am nächsten Tag kommen wieder 500 Zimmer. Eigentlich betreiben wir ein Immobilien-Business mit dem Ziel: Wie viel Ertrag können wir pro Quadratmeter täglich erzielen?

Setzt die Online-Welt die Zimmertarife unter Druck?

Dazu zwei Antworten: Erstens, wer heute nicht online präsent ist, hat keine Stimme und geht schnell einmal vergessen. Gerade in Asien, wo die junge Generation von Kindesbeinen an am Handy aufwächst. Online ist folglich ein Muss.


«50 Dollar spielen keine Rolle»


Zweitens, auch eine wichtige Feststellung: Der Kunde ist – im Luxussegment – nach wie vor bereit, einen fairen Preis zu bezahlen. Natürlich ist die Preistransparenz längst eine Realität, aber 50 Dollar mehr oder weniger spielen in unserem Segment keine sonderlich grosse Rolle. Der Service muss stimmen.

Trotzdem muss man in zahlreichen Luxushotels immer noch fürs Internet bezahlen. Das befremdet.

Es ist, ehrlich gesagt, absolut unsinnig, dass man dafür noch Geld verlangt. Im Moment ist das bei Mandarin Oriental aber noch die Regel. Teilweise verstehe ich das auch. In den vergangenen sechs Jahren haben wir für unsere Internet-Infrastruktur rund drei Millionen Dollar ausgegeben. Denn, die Volumen, die über unsere Leitungen gehen, nehmen laufend zu.


«Das alles kostet halt»


Heute ist rund 600 Prozent mehr an Übertragungskapazität nötig als noch vor fünf oder sechs Jahren. Zudem wollen die Leute im Zimmer mit mehreren Geräten gleichzeitig online sein – und finden dies sei immer noch viel zu wenig. Das alles kostet halt. Wenn Sie direkt über die Website von Mandarin Oriental Ihr Zimmer reservieren, kriegen Sie das Internet gratis.

Wie haben Sie die politischen Demonstrationen in Hongkong erlebt?

Hautnah, ich war mittendrin. Wir hatten rund zwei Wochen lang keinen Verkehr vor dem Hotel, weil die Proteste im Prinzip direkt vor unserer Haustür stattfanden.

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Haben sich die Demonstrationen negativ auf die Gästezahlen ausgewirkt?

Im Oktober und November 2014 natürlich schon. Aber übers ganze Jahr gesehen nicht gross. Im Oktober und November des vergangenen Jahres dürften wir rund 15 Prozent weniger Gäste gehabt haben. Das war natürlich nicht einfach, doch das ist der Preis, den man bezahlen muss, wenn man Geschäfte macht.

Das klingt abgeklärt.

Ich habe 1997 die Finanzkrise in Asien erlebt, 2003 kam SARS, später die Vogelgrippe, jetzt diese Proteste – es geht immer rauf und runter mit dem Business. Jammern hilft nichts. Ich versuche, aus jeder Situation das Beste zu machen. Für mich war auch immer klar, diese Demonstrationen werden nicht ewig dauern.

Weshalb?

Die Hongkonger sind pragmatische Leute. Eigentlich war diese Demonstrationen nicht wirklich politisch motiviert, sondern eher ein Ventil für eine generelle Unzufriedenheit in Hongkong. Denn es gibt hier tatsächlich eine Menge Probleme. Alles ist sehr teuer geworden – der Wohnraum, die Schulen, die Spitäler. Überall gibt es Warteschlangen.


«Die Demonstranten war sehr diszipliniert»


Ein weiterer Grund für Unzufriedenheit ist der Arbeitsmarkt. Früher kamen kaum viele Festlandchinesen nach Hongkong. Heute ist es anders. Die Festlandchinesen sind ausgezeichnet ausgebildet, sprechen perfekt Englisch und nehmen manchem Hongkonger den Job weg. Das führt zu Unmut in der Bevölkerung. Vermögende Chinesen kaufen auch sehr viele grosse Immobilien in Hongkong auf und sorgen so für eine enorme Preisinflation.

Haben Ihnen die Proteste nie Angst gemacht?

Nie. Die Demonstranten waren stets extrem diszipliniert, sie packten ihren Abfall zusammen, Gewalt hat es nie gegeben. Natürlich gab es starke und emotionale Meinungsäusserungen, aber alles blieb geordnet. Am Anfang genossen die Demonstranten einen starken Rückhalt in der Bevölkerung.

Doch diese Sympathien verschwanden zusehends, als es zu Verkehrsbehinderungen kam, der öffentliche Verkehr stockte, kurzum der kleine Mann von der Strasse plötzlich Probleme kriegte. Dann schlug die Meinung um.

Warum sind Sie Hotelier geworden?

Mein Vater arbeitete für die SBB, meine Mutter war Hausfrau. Wir wohnten im solothurnischen Egerkingen. Tiefste Provinz. Ich habe als Kellner im Hotel Kreuz in Balsthal begonnen. Damals hätte ich hierzulande nie die Chance gehabt, Karriere zu machen. Ohnehin war mir die Schweiz viel zu eng.


«Jeden Morgen schaue ich, was der Tag bringt»


Ich wäre gern nach London gegangen, aber mir fehlte das Geld. Als sich dann in den neunziger Jahren eine Chance auftat, für das Peninsula in Hongkong zu arbeiten, packte ich die Chance beim Schopf. Ich bin mit zwei Koffern nach Hongkong gereist und wollte zwei Jahre bleiben. Jetzt ist etwas mehr daraus geworden.

Werden Sie in Asien auch in Rente gehen?

Ich stehe jeden Morgen auf und schaue, was der neue Tag bringt. Mit der Globalisierung ist das Reisen einfach geworden. Viel einfacher als vor dreissig Jahren. Ich habe keine Pläne. Aber, never say never.


jonas a schuermann 208Der 52-jährige Jonas A. Schürmann zählt zu den renommiertesten Hoteliers der Welt. Er stammt aus dem Kanton Soloturn und begann seine Karriere als Kellner im Hotel Kreuz in Balsthal. Später arbeitete er im Hotel Schweizerhof in Bern sowie im Beau Rivage Palace in Lausanne. Der Schweizer Hotelier Felix Bieger holte Schürmann 1992 ins Peninsula nach Hongkong. Vor rund 20 Jahren wechselte er dann zur Mandarin-Oriental-Gruppe, wo er Leitungsfunktionen in Bangkok, Macau, Kuala Lumpur und Hongkong übernahm. Seit sechs Jahren leitet er das 52-jährige Hotel Mandarin Oriental Hongkong und steht insgesamt 830 Mitarbeitern vor. Unlängst kürte ihn «Gault Millau» zum «Schweizer Star im Ausland».  

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