Hannes Gallus: «Die 10 Milliarden sind nur eine Etappe»
Herr Gallus, Oddo BHF Schweiz hat sich die Marke von 10 Milliarden Franken an verwalteten Vermögen als Ziel gesetzt. Wo stehen Sie heute?
Wir verwalten aktuell 8,6 Milliarden Franken. Wir sind 2024 und 2025 zweistellig gewachsen und liegen derzeit bei den Assets rund 20 Prozent über dem Vorjahr. Das freut uns natürlich sehr.
Damit könnten Sie die 10-Milliarden-Marke schneller erreichen als ursprünglich geplant.
Die 10 Milliarden sind ein mittelfristiges Ziel, aber diese Zahl bestimmt nicht unsere täglichen Entscheidungen. Wir fokussieren uns auf die Qualität unserer Beratung und sind auch bei der Auswahl neuer Kundenbeziehungen selektiv. Wir wollen langfristige Beziehungen. Wenn die Qualität stimmt, kommt das Wachstum. Die 10 Milliarden sind deshalb eher eine Etappe auf einem noch längeren Weg.
2025 sind Ihnen rund 500 Millionen Franken an Neugeldern zugeflossen. Woher kommt dieses Geld?
Das entspricht einer Neugeldrate von rund 8 Prozent. Unser Wachstum kommt also aus eigener Kraft und nicht nur aus der Marktentwicklung. Wir wachsen stark mit Kunden aus der Schweiz und Deutschland, gefolgt von Frankreich und weiteren europäischen Märkten. Dazu gehören beispielsweise Skandinavien und Grossbritannien. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate spielen eine Rolle.
«Unsere Positionierung macht uns für Schweizer Familienunternehmen interessant, die international wachsen wollen.»
Warum funktioniert gerade die Schweiz für diese Kunden so gut?
Viele deutsche, französische und andere europäische Kunden wollen einen grösseren Teil ihres Vermögens ausserhalb ihres Heimatlandes diversifizieren. Dafür ist die Schweiz aufgrund ihrer politischen, wirtschaftlichen und monetären Stabilität attraktiv.
Hinzu kommt unsere Positionierung als deutsch-französisch-schweizerische Bankengruppe. Das macht uns auch für Schweizer Familienunternehmen interessant, die international wachsen wollen. Wir können sie beispielsweise bei der Suche nach Investoren unterstützen und ihnen unser Netzwerk öffnen.
Hat die geopolitische Unsicherheit die Schweiz als «Safe Haven» wieder attraktiver gemacht?
Ich würde eher von bewusster Diversifizierung sprechen. Wir befinden uns in einem Umfeld mit geopolitischen Krisen und einer hohen Staatsverschuldung in Teilen Europas. Deshalb wollen viele europäische Familien Vermögen ausserhalb ihres Heimatlandes oder ausserhalb der EU diversifizieren. Die Schweiz bietet sich aufgrund ihrer Stabilität an.
Sind Krisen also gut fürs Geschäft?
Unser Geschäftsmodell basiert nicht auf Krisen. Diversifizierung ist ein genereller Trend, von dem die Schweiz und damit auch Schweizer Banken profitieren. Das ist aus meiner Sicht kein kurzfristiger Kriseneffekt.
Sie bezeichnen Oddo BHF als Schweizer Privatbank mit europäischer DNA. Was unterscheidet Sie von anderen Schweizer Privatbanken?
Wir verbinden Private Banking und eine starke Investmentbank unter einem Dach – als Teil einer deutsch-französischen Bankengruppe – um unsere gesamte Expertise und unser Netzwerk für unsere Kunden zu mobilisieren. Das bieten in der Schweiz nur wenige Häuser in dieser Form. Ein wichtiger Punkt ist, dass Unternehmer bei uns einen Ansprechpartner haben, der sowohl ihre privaten Vermögensverhältnisse als auch ihre unternehmerischen Bedürfnisse kennt und bei Spezialthemen die entsprechenden Experten hinzuzieht.
«Oddo BHF ist eine Bank mit einer 175-jährigen Geschichte. Wir denken in Generationen, nicht in Quartalen.»
Konkret heisst das: Wir können Unternehmer sowohl auf der privaten Seite als auch bei Themen wie M&A, Wachstumsfinanzierungen, Unternehmensverkäufen oder Nachfolgeregelungen begleiten.
Und schliesslich ist da die Langfristigkeit. Oddo BHF ist eine familiengeführte, unabhängige Bank mit einer 175-jährigen Geschichte. Wir denken in Generationen, nicht in Quartalen.
Wird Oddo BHF damit zunehmend von einer Privatbank zu einer Unternehmerbank?
Wir verstehen uns als Bank für den Unternehmer, seine Familie und sein Unternehmen. Entsprechend haben wir unser Angebot konsequent auf die Bedürfnisse von Unternehmern ausgebaut – von individuellen Anlageansätzen über die Nachfolgeplanung bis hin zu Kapitalmarkttransaktionen oder Finanzierungslösungen.
Das Feedback darauf ist sehr gut. Wir gewinnen auch neue Kunden über Empfehlungen bestehender Kunden.
Hat der Wegfall der Credit Suisse in diesem Geschäft eine Lücke hinterlassen?
Ja. Und wir glauben, dass diese Lücke sogar grösser ist als zunächst erwartet. Mit der Credit Suisse ist ein wichtiger Player weggefallen, der sehr nahe bei Schweizer KMU und mittelständischen Unternehmen war.
«Viele Unternehmer suchen eine zweite Meinung. Genau darin sehen wir grosses Potenzial.»
Gleichzeitig hören wir von vielen Unternehmern, dass sie nicht nur mit einer Bank zusammenarbeiten wollen. Sie suchen eine zweite Meinung und eine Differenzierung ihrer Bankbeziehungen. Genau darin sehen wir für unser Investmentbanking und Corporate Finance grosses Potenzial.
Wie stark haben Sie dieses Geschäft bereits ausgebaut?
Unser Investmentbanking ist insgesamt ein Wachstumsfeld für die Gruppe. In der Schweiz haben wir beispielsweise den Equities-Bereich stark ausgebaut. Unser Research deckt mittlerweile mehr als 90 Schweizer Titel ab. Anfang 2024 waren es erst 30. Damit sind wir nach der Zürcher Kantonalbank bereits die Nummer zwei.
Auch im Corporate Finance stehen Mittelstand, Unternehmer und Familienunternehmen im Fokus. Gerade dort können wir die Stärke unseres Modells ausspielen: die Verbindung von Privatbank und Investmentbank.
Brauchen Sie für dieses Wachstum zusätzliche Leute?
Ja. Wir bauen weiter aus und werden auch weiter einstellen. Durch das Verschwinden der Credit Suisse und die Veränderungen bei der UBS sind viele qualifizierte Leute auf dem Markt. Entscheidend ist für uns aber, dass sie zu unserer Kultur passen. Die Schweiz verfügt grundsätzlich über sehr gut ausgebildete Fachkräfte und viel Expertise.
Oddo BHF hat wiederholt erklärt, auch für Akquisitionen offen zu sein. Was müsste ein Institut mitbringen, damit Sie zugreifen?
Eine Akquisition muss strategisch und kulturell zu uns passen. Wir haben anspruchsvolle Kriterien. Erstens brauchen wir eine einwandfreie Kundenbasis. Reputation und Vertrauen sind zentral.
«Wenn wir überzeugt sind, zaudern wir nicht lange. Interessant sind für uns Banken und unabhängige externe Vermögensverwalter. »
Zweitens muss die Kultur stimmen. Wir sind ein familiengeführtes und langfristig orientiertes Institut, bei dem die Kundenorientierung im Zentrum steht. Und drittens muss eine Transaktion einen klaren Mehrwert für den Kunden bringen.
Wir verfügen über die finanzielle Stärke für Akquisitionen, stehen aber nicht unter Druck.
Schauen Sie sich derzeit konkrete Institute an?
Wir schauen uns immer wieder Unternehmen an. Das gehört zu unserer DNA, und auch Oddo BHF ist über Akquisitionen gewachsen. Aktuell gibt es aber keine Transaktion, bei der wir unmittelbar vor einem Abschluss stehen. Wir gehen selektiv und diszipliniert vor.
Wenn wir jedoch überzeugt sind, zaudern wir nicht lange. Interessant sind für uns Banken und unabhängige externe Vermögensverwalter.
Die 10 Milliarden Franken wollen Sie also ohne Übernahme erreichen?
Ja. Eine Akquisition könnte das Wachstum beschleunigen, sie ist aber nicht Bestandteil unseres operativen Plans. Wir sind überzeugt, die 10 Milliarden organisch erreichen zu können.
Wir wachsen derzeit über dem Markt – mit einer Neugeldrate von rund 8% liegen wir deutlich über dem Branchendurchschnitt. Deshalb besteht keine Notwendigkeit, anorganisch zu wachsen. Wenn sich eine passende Gelegenheit ergibt, schauen wir sie uns aber an.
Mehr Profitabilität lässt sich durch mehr Geschäft oder durch tiefere Kosten erreichen. Welchen Weg wählen Sie?
Wir setzen klar auf mehr Geschäft. Gleichzeitig arbeiten wir an Digitalisierung, effizienteren Prozessen und künstlicher Intelligenz. Die Idee ist, mit derselben Mannschaft künftig mehr Volumen auf unserer Plattform betreuen zu können.
Dabei wollen wir durch Prozessverbesserungen und KI wertvolle Zeit freispielen. Unsere Mitarbeitenden sollen weniger Zeit für administrative Tätigkeiten aufwenden und mehr Zeit für Kunden, Analysen und die Weiterentwicklung unseres Geschäfts haben.
Wenn die 10 Milliarden nur eine Etappe sind: Was kommt danach?
Wir sehen weiterhin grosses Potenzial – auch über die 10 Milliarden hinaus. Mit dem Wachstum bin ich sehr zufrieden. Der nächste Schritt ist, dieses Wachstum konsequent in Profitabilität umzusetzen und unser Dienstleistungsangebot für unsere Kunden weiter auszubauen.
Unsere zentralen Themen sind deshalb weiteres Wachstum, die digitale Innovation voranzutreiben sowie unsere Investmentexzellenz und das Kundenerlebnis weiter zu stärken.














