Die filmische Annäherung an das dramatische Schicksal der L’Oréal-Erbin

Von Wolfgang Holz

Geld bedeutet Macht, und Macht macht unverwundbar. Oder doch nicht? Während Ryan Gosling im Blockbuster «Project Hail Mary» derzeit die Welt rettet, dazu verdonnert von Sandra Hüller, die en passant eine bezaubernde gesangliche Interpretation von Harry Styles Megahit «Sign of the Times» liefert, verzaubert in einem völlig anderen Film Isabelle Huppert mit der eindrücklichen Darstellung einer sehr reichen und sehr mächtigen Frau, deren Welt in Schieflage gerät, als sie den Schmeicheleien eines Fotografen erliegt. 

Ohne Rücksicht auf Verluste

Die französisch-belgische Produktion «La Femme La Plus Riche Du Monde» («Die reichste Frau der Welt»), neu im Schweizer Kino, ist inspiriert von der Erbschleicher-Affäre rund um L'Oréal-Erbin Liliane Bettencourt (1922–2017). Bettencourt nahm 2016 mit einem Vermögen von 36 Milliarden Dollar Platz 11 auf der Forbes-Liste der reichsten Personen der Welt ein. Isabelle Huppert präsentiert dem Publikum eine Protagonistin, die als Oberhaupt eines Firmenimperiums bestechend rational agiert, als Frau jedoch ihren Emotionen folgt – ohne Rücksicht auf (finanzielle und sonstige) Verluste. Hupperts Performance ist brillant, aber etwas anderes hat man von Frankreichs Schauspielikone auch nicht erwartet. 

Mittlerweile 73 Jahre alt ist die am 16. März 1953 in Paris geborene Theater- und Filmschauspielerin, die im Laufe ihrer Karriere mit zahlreichen Preisen bedacht wurde, darunter 2001 die Auszeichnung in Cannes als beste Darstellerin für «Die Klavierspielerin», nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek. Huppert kann alles – von streng und neurotisch bis sinnlich und charmant. Von Regisseur Thierry Klifa als satirische Komödie angelegt, bietet «La Femme La Plus Riche Du Monde» der Charakterdarstellerin eine Bühne für ein sowohl elegantes als auch humorvolles Spiel. Huppert gelingt das Kunststück, ihrer Figur Intelligenz, Würde und Eigenständigkeit zu bewahren, auch wenn diese sich als Firmenerbin und -chefin eine Milliarde Euro aus der Tasche ziehen lässt. 

Skrupelloser Dandy

Hier ist der Film sehr nah an der realen Vorlage, ebenso wie bei der Figur des Fotografen und Jetsetters, der die reichste Frau der Welt mit (finanziellem und emotionalem) Erfolg umgarnt. Der Bonvivant ist angelehnt an François-Marie Banier, der 1987 für das Fotojournal «Égoïste» eine Aufnahmeserie von Liliane Bettencourt machte. 2008 wurde bekannt, dass Bettencourt Banier zwischen 2001 und 2007 knapp eine Milliarde Euro in Form von Gemälden, Immobilien, Schecks und Lebensversicherungen geschenkt hat. Laurent Lafitte agiert im Film als skrupelloser Dandy, der so berechnend wie charmant und so derb wie smart sein kann. Für die Rolle eines Mannes, der eine erfahrene Geschäftsfrau mit dem frechen Gehabe eines eitlen Pfaus als Freundin gewinnt, erhält Laurent Lafitte 2026 den César als bester Hauptdarsteller. 

«La Femme La Plus Riche Du Monde» begeistert mit Leichtfüssigkeit, Eleganz und Humor. Nichtsdestotrotz wird die Komödie dem Ernst ihrer grundsätzlichen Hypothesen gerecht: Dass Reichtum allein noch lange kein Glücksgarant ist. Dass der reichste Mensch auch der einsamste sein kann. Dass Gier skrupellos macht. Den aufgeworfenen Fragen, wem wir vertrauen dürfen, wann wir ausgenützt werden und wie viel wir schenken dürfen, ohne unsere Würde zu verlieren, bleibt der Film die Antworten schuldig. Das macht «La Femme La Plus Riche Du Monde» auch zu einem klugen Film. 


«La Femme La Plus Riche Du Monde» ist  in den Kinos der Deutschschweiz zu sehen.