Rochus Appert: «Wer heute nur auf CHF-Bonds setzt, verschenkt Rendite»


Herr Appert, die Schweiz bewegt sich wieder im Nullzinsumfeld, während global das Wachstum strukturell schwach bleibt. Was bedeutet dies für Anleger: Ist dies ein zyklischer Rückschritt oder ein neues, dauerhaftes Regime für Fixed Income?

Weder noch. Ich sehe das vor allem als Phase, in der Stabilität wichtiger wird als grosse Wetten. Geopolitische Risiken machen Prognosen unsicher – deshalb sollten Anleger Fixed Income breiter aufstellen und auf Bausteine setzen, die stabil Erträge liefern und sich unterschiedlich entwickeln.

Konkret heisst das: investiert bleiben, aber das Portfolio so strukturieren, dass es Schwankungen besser abfedert – wie ein gutes Fahrwerk auf einer unebenen Strasse.

Viele Investoren hatten nach 2022 auf eine nachhaltige «Renaissance» von Fixed Income gesetzt. Hat sich dieses Narrativ aus Ihrer Sicht bereits relativiert – insbesondere für CHF-basierte Anleger?

Fixed Income ist seit 2022 wieder spürbar attraktiver geworden, doch die Schweizer Perspektive ist speziell: reine CHF-Obligationen liefern aktuell oft zu wenig, um attraktive Ausschüttungen abzubilden. Deshalb braucht es für Investoren einen Blick über den Schweizer Tellerrand hinaus.

Mit global diversifizierten Kreditbausteinen wie Multi-Sector Credit, AAA CLOs und Anlagen in den Schwellenländern sind 3 bis 4 Prozent Rendite in Schweizer Franken durchaus möglich. Die «Renaissance» ist also nicht vorbei, sie hat sich verschoben: weg vom reinen Zinsniveau, hin zu besserer Diversifikation und robusteren Portfolios.

Schweizer Anleger stehen vor der Herausforderung, dass Staats- und Investment-Grade-Anleihen real kaum noch Income liefern. Wie realistisch ist es aktuell überhaupt noch, stabile Ausschüttungen ohne signifikante Risikoausweitung zu erzielen?

Stabile Ausschüttungen sind möglich, aber nur, wenn man Risikoquellen sauber trennt und nicht blind hohen Renditen nachjagt. Im Kreditbereich erreichen wir das eher über breite Diversifikation und über aktives Risikomanagement als über eine einseitige Risikoausweitung. Anders gesagt: Wer am Fahrwerk spart, spürt jedes Schlagloch.

«Die «Renaissance» ist also nicht vorbei – sie hat sich verschoben: weg vom reinen Zinsniveau, hin zu besserer Diversifikation und robusteren Portfolios.»

Dividendenstrategien werden häufig als Alternative genannt, zeigen aber zunehmende Zyklizität. Wo sehen Sie aktuell die Grenze zwischen «Income» und «verdecktem Risiko» – sowohl im Equity- als auch im Credit-Bereich?

Die Grenze verläuft dort, wo «Income» in Wahrheit eine Wette auf Konjunktur oder Bilanzqualität wird, ohne dass der Investor es merkt. Genau deshalb ist in diesem Umfeld aktive Selektion entscheidend: gute Unternehmen mit belastbarer Bilanz und Cashflows versus «scheinbar günstige» Titel, die im Stress brechen.

Wo sehen Sie derzeit die attraktivsten Risiko-Rendite-Profile innerhalb des globalen Fixed-Income-Universums? Welche Segmente sind aus Ihrer Sicht strukturell unterbewertet?

Ganz vorne sehe ich aktuell AAA Collateralized Loan Obligations (CLOs). Sie bieten ein sehr gutes Verhältnis von Rendite zu Risiko – mit stabilen Erträgen, begrenzten Rückschlägen und relativ geringer Abhängigkeit von anderen Märkten.

Der Hauptgrund ist die Struktur: AAA-Tranchen stehen ganz oben in der Kapitalstruktur, erhalten als Erste die Cashflows und tragen Verluste erst ganz am Schluss.

Historisch gab es über Jahrzehnte und selbst während der Finanzkrise keine gemeldeten Defaults in AAA/AA Tranchen.

«Die Grenze verläuft dort, wo <Income> in Wahrheit eine Wette auf Konjunktur oder Bilanzqualität wird – ohne dass der Investor es merkt.»

Multi-Sector-Strategien werden oft als Antwort auf Fragmentierung genannt. Wie steuern Sie in solchen Strategien aktiv zwischen Duration-, Credit- und Liquiditätsrisiken?

Wir versuchen nicht, mit Duration die Zinsentwicklung vorherzusagen – solche Wetten gehen oft entweder ganz auf oder gar nicht. Stattdessen halten wir das Zinsrisiko bewusst stabil und konzentrieren uns auf Selektion und Diversifikation im Kreditbereich. Der Fokus liegt auf strukturierten Kreditbausteinen, die unterschiedliche Ertragsquellen bieten.

Liquiditätsrisiken trennen wir klar: Sie gehören aus unserer Sicht nicht in klassische liquide Strategien, sondern entweder in einen separaten Private-Markets-Teil oder in gemischte Ansätze mit klar definierten Liquiditätsregeln.