«The Narrative»: Wenn das Klischee des Rogue Traders Risse bekommt
Um eines gleich vorwegzunehmen: Der Dokumentarfilm «The Narrative» über den früheren UBS-Trader Kweku Adoboli bietet keine grossartigen Enthüllungen, deckt keinen Justizskandal auf oder schreibt die Geschichte neu. Doch es gelingt den Filmemachern Martin Schilt und Bernard Weber, den Skandal um den Milliardenverlust der UBS im Jahr 2011 um einige Facetten zu erweitern.
Beleuchtet werden vor allem auch die persönliche Geschichte und das Umfeld des in Grossbritannien aufgewachsenen Ghanaers, der nach dreieinhalb Jahren Haft und einem jahrelangen Rechtsstreit um seine Abschiebung schliesslich 2018 in das ihm unbekannte Land deportiert wurde.
Die Rolle der UBS in dem gesamten Komplex nimmt ebenfalls Raum ein. In nachgespielten Szenen auf Basis der Gerichtsprotokolle wird die Frage der Verantwortung der Bank sowie der Vorgesetzten und Kollegen von Adoboli gestellt. Das Bild des «Sündenbocks», in deren Rolle sich Adoboli nach eigener Einschätzung wiederfand, drängt sich förmlich auf.

(Nachgespielte Prozess-Szene, Bild: Moviebiz Films)
Der 30-jährige mit dem 50-Milliarden-Buch
Ins Rollen kam der Skandal durch eine E-Mail, die der damals 31-jährige Trader am ETF Desk der UBS in London am 14. September 2011 an einen Buchhalter der Bank geschrieben hatte. Adoboli gesteht darin, dass er mit Handelsspekulationen einen Verlust von 2,3 Milliarden Dollar verursacht hat. Er gibt zu, dass er seine Geschäfte in der Buchhaltung nicht korrekt verbucht und die Verluste verheimlicht hat. Er schreibt auch: «Ich übernehme die volle Verantwortung für mein Handeln und den Shitstorm, der nun folgen wird.»
Was dann kam, war wohl mehr als der Shitstorm, den er sich vorgestellt hatte. Adoboli wurde nach einer Anzeige der UBS von der Polizei verhaftet und von der Staatsanwaltschaft angeklagt. Insgesamt wurde ihm Betrug durch Missbrauch seiner Position in zwei Fällen sowie vier Fälle falscher Buchführung zwischen Oktober 2008 und September 2011 vorgeworfen.
«Ich war so naiv und dachte, es sei richtig, Verantwortung zu übernehmen», sagte er rückblickend. «Ich hatte vergessen, dass Banker nie Verantwortung übernehmen.»
In dem Prozess, der rund ein Jahr später in London begann, plädierte er auf nicht schuldig. Er räumte aber die Missachtung von Risikovorschriften und das Führen von geheimen «Umbrella»-Konten ein. Zu seiner Verteidigung berief er sich darauf, dass seine Handlungen von seinen Vorgesetzten stillschweigend geduldet wurden und er immer auf das Wohl der UBS bedacht war.
«Uns hat die Anomalie interessiert»
Am Ende wurde er im November in zwei Betrugsfällen schuldig gesprochen. In den übrigen vier Anklagepunkten sprach ihn die Jury frei. Das Urteil lautete auf sieben Jahre Haft, von denen er die Hälfte zu verbüssen hatte. Zwei Anträge auf Berufung blieben erfolglos. Im Juni 2015 wurde er schliesslich wegen guter Führung aus dem Gefängnis entlassen.
Und hier setzt die Zusammenarbeit mit den Regisseuren des Films Martin Schilt und Bernard Weber ein. Das Interesse an dem Fall sei aber bereits zu Beginn des Skandals entstanden, sagte Schilt an der Preview des Films am Dienstag in Zürich. «Was uns interessiert hat, war die Anomalie. Hier war ein Banker, der die Verantwortung für sein Handeln übernommen hat.»
Zwischentöne verleihen dem Bild Tiefe
«The Narrative» lässt neben Adoboli selbst auch Personen aus seinem Freundeskreis zu Wort kommen. Sie schildern die Diskrepanz zwischen dem Freund, den sie kennen, und dem Bild des skrupellosen arroganten Investmentbankers, das von den Medien gezeichnet wird. Man sieht Adoboli beim Fussballspiel mit Freunden, wie er auf dem Markt in Accra Früchte für sein Smoothie-Business einkauft oder bei der Mango-Ernte auf der Plantage seines Vaters. Das lässt sich schwer mit dem Label eines kriminellen Mastermind in Deckung bringen.

(Bild: Moviebiz Films)
Das funktioniert vor allem deshalb, weil keine Reinwaschung oder Rechtfertigung betrieben wird. Gezeigt werden aber viele Zwischentöne, was dem Film auch Dreidimensionalität verleiht.
Laut Weber stand das Filmprojekt, an dem mit Unterbrechungen insgesamt 14 Jahre lang gearbeitet wurde, im Jahr 2018 nach der Deportation von Adoboli nach Ghana auf der Kippe. «Nach der Abschiebung war er gesundheitlich und mental lange in keiner guten Verfassung.»
Die Motivation für Adoboli, an dem Film mitzuwirken, habe darin bestanden, dass er seine eigene Geschichte erzählen kann. Die Frage, ob Adoboli mit dem Film zufrieden sei, wollte Weber nicht beantworten. «Er will jetzt wohl erst einmal abwarten, wie der Film aufgenommen wird.»
Das Mass der (Mit-)Verantwortung
Auch für die UBS hatte der Fall Adoboli Folgen. CEO Oswald Grübel zog ebenfalls Konsequenzen und trat zehn Tage nach dem Bekanntwerden des Skandals zurück. Auf ihn folgte Sergio Ermotti als (zunächst) Interims-CEO.
Die Verantwortung der UBS hatte dann auch kurz nach der Adoboli-Verurteilung entsprechende Folgen. Im Finma-Verfahren zu dem Handelsverlust wurden der UBS «schwerwiegende Mängel» attestiert, und die Bank wurde mit einem umfangreichen Massnahmen-Katalog belegt. Die britische Financial Services Authority (FSA) verhängte zudem in einem Enforcementverfahren eine Busse in Höhe von 29,7 Millionen Pfund.
Weder investigativ noch konfrontativ
Laut den Machern habe man es bewusst vermieden, den Film investigativ und konfrontativ anzulegen. Mit Grübel habe man gesprochen. Er kommt aber nur mit einem «Soundbite» aus einer Rede vor. «Wir hatten das Gefühl, dass seine Geschichte schon zu Genüge erzählt ist», sagte Schilt.
Auch bei der UBS habe man gefragt, welche Erkenntnisse die Bank aus dem Fall gezogen habe. «Die Bank hat einen Kommentar zu dem Film abgelehnt.»
Der Dokumentarfilm «The Narrative - As long as i made Profit» läuft ab dem 12. März in den Schweizer Kinos.














