«Der Druck auf die Retailbanken steigt»

Das Niedrigzinsumfeld ist vor allem für Retailbanken eine Herausforderung. zeb/-Berater Heinz Rubin lokalisiert Gefahren und Optimierungspotential.

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Herr Rubin, seit mehreren Jahren befinden wir uns nun schon in einem Niedrigzinsumfeld. Was bedeutet das mit Blick auf die Zinsmarge für die Schweizer Banken?

Die Auswirkungen sind erheblich. Zwischen 2003 und 2007 lag die durchschnittliche Bruttomarge zur Bilanzsumme der Schweizer Retailbanken zwischen 160 und 165 Basispunkten. 2012 nur noch bei etwa 125 Basispunkten. Der Haupteinbruch der Marge erfolgte im Konditionenbeitrag der Kundeneinlagen.

Welches sind die finanziellen Auswirkungen für unsere Banken? Mit welchen Massnahmen liesse sich die Zinsmarge sichern? Gibt es andere Wege als reines Kostensparen?

Die Rentabilität der Retailbanken wird mit anhaltendem Niedrigzinsumfeld weiter unter Druck geraten. So ist seit einiger Zeit zu beobachten, dass die Eigenkapitalrenditen sinken und die Cost-Income-Ratios vieler Banken steigen.


«Etliche werden die Eigenkapitalkosten nicht mehr erwirtschaften»


Bei einem konstanten Trend und ohne entsprechende Gegenmassnahmen wird nach unseren Berechnungen die durchschnittliche Zinsmarge bis 2017 um weitere 30 Basispunkte sinken. Dann werden etliche Schweizer Retailbanken die Eigenkapitalkosten nicht mehr erwirtschaften.

Direkte Massnahmen zur Sicherung der Zinsmarge können unter anderem in der weiteren Reduktion der Einlagenzinssätze, einem strikten Sonderkonditionen-Management, Anpassungen im Produktmanagement, einer veränderten Anlagepolitik für Überschussliquidität und einer Anpassung des Asset-und Liability-Managements, das heisst des Bilanzstrukturmanagements, bestehen. Hier besteht noch einiges an Optimierungspotenzial.

Leidet die gesamt Bankbranche – also Grossbanken, Kantonalbanken, Lokalbanken, Raiffeisenbanken usw. – unter der Niedrigzinsphase, oder gibt es signifikante Unterschiede?

Alle Retailbanken sind betroffen – solange Kundengelder nicht praktikabel negativ verzinst werden können, ist es mit vielen Einlagenprodukten nicht möglich, eine auskömmliche Marge zu erzielen. Insbesondere betroffen sind natürlich jene Banken, die sehr stark vom Zinsergebnis abhängig sind und jene Banken, die sich vor allem über Einlagen refinanzieren, was eigentlich in normalen Zeiten eine positive Eigenschaft ist.


Auch eine Frage der Finanzierung


Aktuell ist für Banken mit einem sehr guten Rating – über welches die meisten Schweizer Retailbanken verfügen – eine Refinanzierung am Interbankenmarkt oder über Pfandbriefe aber preiswerter als eine Refinanzierung über Kundengelder.

Wie wirkt sich das Niedrigzinsumfeld auf die Finanzmarktstabilität aus?

Wenn die Niedrigzinsphase länger anhält, geraten die Retailbanken unter erheblichen Druck, vor allem jene Banken, die über kein vorbereitetes Massnahmenpaket verfügen und Schwächen in der Kosten-, Ertrags- oder Kapitalstruktur aufweisen. Dieser Druck erhöht erfahrungsgemäss die Risiken des Systems.

Wie lassen sich die Unterschiede in der Zinsmarge zwischen einzelnen Banken respektive Bankgruppen erklären?

Zuerst muss erwähnt werden, dass grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Banken bestehen, auch zwischen Banken mit praktisch identischer Bilanzstruktur und Geschäftsmodell. Unsere Analysen zeigen, dass die besten 10 Prozent der Banken 2012 eine Zinsmarge von über 140 Basispunkten hatten, während die schlechtesten 10 Prozent unter 110 Basispunkten lagen. Etwa 50 Prozent des Margenunterschieds zwischen den Banken lässt sich mit Marktunterschieden begründen. Zum Beispiel haben sowohl Banken aus Kantonen mit stark wachsenden Hypothekarmärkten als auch kleinere Banken höhere Margen.


«Die Zinsmarge einer Bank kann positiv beeinflusst werden»


Banken, die über dem lokalen Hypothekarmarkt wachsen, haben dagegen unterdurchschnittliche Margen. Etwa 50 Prozent der Margenunterschiede werden dagegen stark durch die spezifische Marktposition eines Instituts, dessen Bilanzstrukturmanagement respektive Asset-und Liability Management (ALM) sowie das Produktmanagement definiert. Die Zinsmarge kann also durchaus von einer Bank positiv beeinflusst werden –  auch ohne erhebliche Erhöhung der Risiken.

Hat das Niedrigzinszinsniveau auch positive Auswirkungen, beispielsweise über sinkende Ausfallraten im Hypothekarbereich und/oder Konsumkreditsektor?

Es ist ein Irrglaube, dass niedrige Zinsen notwendigerweise mit niedrigen Kreditausfällen einhergehen oder eine Immobilienblase nicht auch bei niedrigen Zinsen platzen kann. Aktuell steigen beispielsweise die Ausfälle bei Hypothekarkrediten in den Niederlanden und Dänemark bei rekordniedrigen Zinsen erheblich. Aber niedrige Zinsen können dazu führen, dass Personen Immobilien kaufen, welche dies in «normalen» Zeiten vielleicht nicht tun würden – und es besser auch nicht täten.

Auf welche Signale ist zu achten, die eine Zinswende signalisieren? Welches sind die besten Vorlaufindikatoren diesbezüglich?

Wichtig ist die Feststellung, dass die Schweizer Zinskurve eng an jene von Deutschland gekoppelt ist. Seit 2008 sehen wir bei den 10-Jahres Staatsanleihen eine Korrelation zwischen Deutschland und der Schweiz von 0,97! Entsprechend ist es wichtig zu beobachten, welche Entwicklungen im Euro-Raum und zu einem geringeren Teil in den USA stattfinden.


«Retailbanken sollten in unterschiedlichen Szenarien denken»


Zinssatzänderungen am langen Ende sind kaum prognostizierbar. Wir empfehlen der typischen Retailbank, die eigene Zinsprognose nicht zu stark zu gewichten und vor allem in unterschiedlichen Szenarien zu denken.

Was geschieht, wenn die Kapitalmarktzinsen in der Schweiz stark steigen, beispielsweise im Immobilienbereich?

Steigende Zinsen können durchaus als Katalysator zu Immobilienmarktkorrekturen führen mit allen damit verbundenen Folgen, sowohl für stark fremdfinanzierte Immobilienbesitzer als auch die finanzierenden Banken.


«Das wäre das problematischste Szenario»


Ein massvoller, schrittweiser Anstieg der Kapitalmarktzinsen wäre für Retailbanken positiv, da es eine Erholung der Passivkonditionenmarge auslösen würde. Das problematischste Szenario wäre ein anhaltender Niedrigzins in Kombination mit steigenden Kreditausfällen.

Was raten Sie einer Bank, die unsicher ist, wie sie mit dem Niedrigzinsumfeld umgehen soll? Reichen ALM-Massnahmen aus?

Massnahmen im Asset-und Liability Management, also das Bilanzstrukturmanagement, reichen in einem anhaltenden Tiefzinsumfeld ganz klar nicht aus. Viele Banken haben hier noch unausgeschöpfte Potentiale. Aber eine Kompensation der einbrechenden Margen allein über ALM-Massnahmen würde zu Zinsrisiken führen, die eine Bank weder tragen kann noch tragen soll.


«Allein auf steigende Zinsen zu hoffen wäre grobfahrlässig»


Der beste Umgang mit dem Tiefzinsumfeld ist ein Bündel aus Massnahmen in der Vertriebs- und der Produktgestaltung zur Erwirtschaftung von Zusatzerträgen, dem ALM sowie auf der Kostenseite. Allein auf steigende Zinsen zu hoffen wäre grobfahrlässig. Gefragt ist auch hier das Denken in Szenarien. Viele Massnahmen brauchen Zeit bis zur Wirksamkeit – diese müssen also frühzeitig vorbereitet werden.

Müssten das Niedrigzinsumfeld und der anhaltende Margendruck nicht auch Auswirkungen auf das Lohnniveau und die Bonuspolitik der Banken haben?

Eine sinkende Wertschöpfung schlägt in jeder Branche mit einer gewissen Verzögerung auf die Gehälter durch. Hier bildet die Bankbranche keine Ausnahme. Dieser Effekt ist auch bereits beobachtbar. Die Eigenkapitalgeber wollen die Auswirkungen des geänderten Umfelds und dessen Einfluss auf Erträge und Kosten sicher nicht alleine tragen.

Was ist mit Blick auf die Zukunft unserer Banken respektive unserer Bankenlandschaft von grösserer Tragweite: Das anhaltende Niedrigzinsumfeld oder der Steuerdeal mit den USA  – und weiteren Ländern – oder der offenbar kaum mehr zu umgehende automatische Informationsaustausch?

Die Herausforderungen des Niedrigzinsumfelds werden aktuell in der Schweiz medial völlig überdeckt von den Diskussionen zu Weissgeldstrategie, Bankgeheimnis und Informationsaustausch, welche für viele Banken zweifelsfrei wichtige Themen darstellen.


«Das Thema Niedrigzins darf nicht unterschätzt werden»


Es wäre aus meiner Sicht jedoch unklug, aus der medialen Gewichtung Rückschlüsse auf die Bedeutung eines Themas zu ziehen. Wenn Retailbanken bei einem anhaltenden Niedrigzinsumfeld in Zukunft Wert für ihre Aktionäre schaffen wollen, werden sie sich notwendigerweise mit dem Thema Niedrigzins auseinandersetzen müssen.


Heinz Rubin ist Managing Partner im Schweizer Büro der internationalen, exklusiv auf die Finanzdienstleistungsindustrie fokussierten Unternehmensberatung zeb/. Die Firma wurde vor 20 Jahren durch die beiden Professoren Schierenbeck und Rolfes gegründet und ist mitterweile eines der führenden internationalen Beratungsunternehmen für Banken und Versicherungen mit rund 900 Mitarbeitern an 17 Standorten in ganz Europa.

Neben einem abgeschlossenen Studium als Betriebsökonom, einem MBA sowie dem International Banking Program der INSEAD war Rubin während fünf Jahren im Firmenkunden- und Dokumentargeschäft/Trade Finance bei der Credit Suisse in Zürich tätig. Danach war er zuerst 16 Jahre als Unternehmensberater für KPMG und BearingPoint tätig, bevor er Anfang 2006 die Leitung von zeb/ in der Schweiz übernahm.

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Swiss Life

Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

Finma

Die Eidgenössische Finanzaufsicht revidiert ihre Anforderungen an die externe und interne Auslagerung von Bankdiensten. An systemrelevante Banken werden für die Auslagerung kritischer Dienstleistungen nochmals erhöhte Anforderungen gestellt.

UBS

Die Grossbank muss nach einem Entscheid der amerikanischen Finanzbehörde Finra weitere 18,5 Millionen Dollar an Investoren in Puerto-Rico-Anleihen zahlen. Nach hohen Verlusten auf den Papieren sieht sich die Bank nicht abreissen wollenden Forderungen ausgesetzt. Laut Medienberichten ist dies die höchste Einzelzahlung, welche die UBS in dem Fall bisher leistete.

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