Wie Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz den Finanzplatz revolutioniert hat

Kein anderer Bankmanager hat den Schweizer Finanzplatz in den vergangenen zehn Jahren so nachhaltig geprägt wie der Bündner Pierin Vincenz. Hier sind 10 Punkte, wie er die Branche revolutioniert hat.

1. Die Bauernbank herausgeputzt

Wenn von Raiffeisen die Rede war, sprach Pierin Vincenz oft von der Bauernbank. Das war nicht herablassend gemeint, sondern brachte eher die Bodenständigkeit und die Nähe zur Schweizer Bevölkerung zum Ausdruck. Mit diesen Werten baute er auch die Raiffeisen-Genossenschaften zu einer bedeutenden Bankengruppe aus, die sich über die Jahre extrem herausputzte und dennoch immer glaubwürdig blieb. Besonders im Sog der Finanzkrise profitierten die Raiffeisen-Institute von ihrer «Street-Credibility».

2. Visionär im Outsourcing

Der frühere SBG- und UBS-Banker Vincenz hat sehr früh erkannt, dass ein Finanzinstitut nicht alle Wertschöpfungsprozesse selber machen muss. Allein schon diese Erkenntnis war zukunftsweisend, aber der Bündner setzte sie auch in der Praxis um und ging mit der Zürcher Vermögensverwaltungsbank Vontobel eine wegweisende Kooperation ein. Dabei bezog Raiffeisen die Anlagedienstleistungen im weitesten Sinne von ausserhalb und konnte sich so auf das Kerngeschäft konzentrieren – zumindest einige Jahre lang, bevor die Übernahme der St. Galler Privatbank Wegelin die Zusammenarbeit mit Vontobel zusehends zu torpedieren begann. Siehe dazu auch Punkte 6 und 7.

3. Ein Gegengewicht zu den Kantonalbanken

Pierin Vincenz hat es verstanden, den zum Teil selbstgefälligen Kantonalbanken die Stirn zu bieten – und das ohne Staatsgarantie, wie der Bündner immer wieder betonte. Denn die Kantonalbanken konnten in ihren «Königreichen» relativ gelassen agieren, bis eben die Raiffeisen-Banken auf den Plan traten und ihre Nähe zum Gewerbe und den Kleinkunden ausspielten. Vincenz ist es zuzuschreiben, dass die Schweizer Bankenlandschaft vielfältig geblieben ist und ein gesunder Wettbewerb herrscht.

4. Verfechter der Filialen

Im Zeitalter von E-Banking und der totalen Virtualität hat sich die Raiffeisen-Gruppe stets zur Filiale bekannt und dabei sogar wegweisend neue Modelle präsentiert. Auch das ist ein Verdienst von Pierin Vincenz, der damit dem Mauerblümchendasein des Kleinkundengeschäfts einen gewissen Glamourfaktor entgegensetzte und damit durchaus erfolgreich war. Ohne das Online-Banking zu vernachlässigen, hat der Raiffeisen-Chef stets die Wichtigkeit der klassischen Filiale (in zeitgemässem Design) unterstrichen und sich dafür auch eingesetzt.

5. Engagement für die Bevölkerung

Als sich viele Schweizer Banken bloss noch der Wall Street oder ihren arabisch-asiatischen Expansionsplänen widmeten, zählte Raiffeisen unter der Ägide von Pierin Vincenz zu wenigen Instituten, die auch ihre gesellschaftliche Rolle und Verantwortung zum Ausdruck brachten. Neben ihrem Kerngeschäft engagierten sich die Raiffeisen-Banken in vielen Belangen und gaben so der Bevölkerung in vielfältigster Weise die Möglichkeit, sich an sportlichen, kulturellen und historischen Events privilegiert zu beteiligen. Darüber hinaus setzte sich die Bankengruppe auch für Architektur, Nachhaltigkeit und die Jugend ein.  

6. Retter der Bank Wegelin

Als die Privatbank Wegelin Anfang 2012 in das Visier der US-Justizbehörden geriet, war Vincenz zur Stelle: Die Raiffeisen übernahm für über 500 Millionen Franken das Nicht-US-Geschäft des St. Galler Traditionshauses und überführte es in die flugs gegründete Notenstein Privatbank. Damit erfüllte sich Vincenz nicht nur den lang gehegten Wunsch, ins Private Banking einzusteigen. Er erwies dem Finanzplatz einen grossen Dienst: Der Private-Banking-Standort Schweiz hätte einen nicht unerheblichen Reputationsschaden erlitten, wenn die US-Klage Wegelin respektive die nicht-amerikanischen Wegelin-Kunden in den Abgrund gerissen hätte.

7. Anlagekompetenz aufgebaut

Als Vincenz Raiffeisen-CEO wurde, war eines seiner obersten Ziele, das Geschäftsmodell der Genossenschaftsbank zu erweitern. Das Retail- und Kreditgeschäft wollte er durch Beratungs- und das Privatkundendienstleistungen erweitern. Der Aufbau einer In-house-Anlagekompetenz stand dabei ganz oben auf der Agenda. Das hat Vincenz geschafft: Zunächst setzte er auf eine Kooperation mit der deutschen Genossenschaftsbank DG, dann ging er eine Partnerschaft mit der Zürcher Vontobel-Gruppe ein (siehe auch Punkt 2) ein. Nun, da der Kooperationsvertrag bis Mitte 2017 am Auslaufen ist, kann der Raiffeisen-CEO mit den eigenen Töchtern Notenstein Privatbank und Asset Management die Anlagkompetenz anbieten.

8. Raiffeisen städtetauglich gemacht

Für den 1999 angetretenen Raiffeisen-CEO war klar: Das Wachstum liegt im Hypothekar- und im Privatkundengeschäft. Um die nötigen Marktanteile zu holen, musste Raiffeisen in die Städte und Agglomerationen. Im Jahr 1999 wurde die erste «städtische» Raiffeisen in Winterthur gegründet. Es folgten kurz darauf Gründungen in Luzern, Basel, Zürich und Bern. Während vor 15 Jahren das Raiffeisen-Logo ausschliesslich auf dem Land präsent war, gehört es heute schon fast zum Bild jeder grösseren Schweizer Stadt.

9. Wettbewerb ins Hypo-Geschäft gebracht

Der Raiffeisen-Wachstumsmotor war unter Vincenz das Immobilien-Geschäft. Jahr für Jahr weitete Raiffeisen das Volumen an vergebenen Hypothekarkrediten aus und wuchs schneller als der Markt. Mit seiner Wachstumsstrategie gelang es Vincenz, den grossen Drei – UBS, Credit Suisse und Zürcher Kantonalbank – Marktanteile abzuknöpfen und so in ihre Phalanx einzudringen. Teils aggressive Preis- und Finanzierungsmodelle von Raiffeisen brachten die gesamte Bankenbranche in Zugzwang, was auch den Kreditnehmern zu Gute kam. Einziger Wermutstropfen für Vincenz: Die Raiffeisen gilt wegen ihres hohen Exposures mit Hypothekarkrediten inzwischen auch als systemrelevante Bank.

10. Er schob einen Sabbatical ein

Welcher Schweizer Banken-CEO hat sich dies jemals erlaubt? Vincenz machte 2013 eine zwei Monate dauernde Pause und ging auf Reisen. Der Zeitpunkt schien schlecht gewählt: Die Raiffeisen-Expansion lief auf vollen Touren, im Hypothekarmarkt zeigten sich erste Anzeichen von Blasenbildung, der Streit mit dem langjährigen Partner Vontobel eskalierte, und die kürzlich erworbene Notenstein Privatbank litt unter Ertragsschwäche; im Frühling hatte Raiffeisen eine Beteiligung am Derivate-Spezialisten Leonteq gekauft, und der Aufbau eines Asset-Management-Arm war gerade erst lanciert worden. Aber Vincenz zog seinen Sabbatical durch. Das Tagesgeschäft übernahmen vor allem sein Stellvertreter Patrik Gisel und Nachfolger ab März 2016.

Die Bank hat Vincenz' damalige Absenz gut verkraftet.

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NEWS GANZ KURZ

Swiss Life

Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

Finma

Die Eidgenössische Finanzaufsicht revidiert ihre Anforderungen an die externe und interne Auslagerung von Bankdiensten. An systemrelevante Banken werden für die Auslagerung kritischer Dienstleistungen nochmals erhöhte Anforderungen gestellt.

UBS

Die Grossbank muss nach einem Entscheid der amerikanischen Finanzbehörde Finra weitere 18,5 Millionen Dollar an Investoren in Puerto-Rico-Anleihen zahlen. Nach hohen Verlusten auf den Papieren sieht sich die Bank nicht abreissen wollenden Forderungen ausgesetzt. Laut Medienberichten ist dies die höchste Einzelzahlung, welche die UBS in dem Fall bisher leistete.

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