Schweizer Bankier rechnet mit den Mythen in seinem Metier ab

Im Private Banking würden sich einige Mythen scheinbar unumstösslich halten, behauptet Michel Longhini. Dazu gehöre der Glaube, dass das Offshore-Banking am Ende sei, die Kosten durch die Decke schiessen würden und die offene Architektur im Produkte-Angebot ein Allheilmittel sei. «Die Realität ist nuancierter», behauptet der CEO im Private Banking der Union Bancaire Privée.

Angesichts der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Situation in der Welt könne nicht genügend betont werden, dass die Bedeutung von Offshore-Finanzzentrum in keiner Weise abgenommen habe, sagt Michel Longhini (Bild).

Besonders traditionelle Zentren wie die Schweiz seien für viele Kunden nach wie vor höchst attraktiv, und zwar wegen dem hohen Service-Standard, der geboten werde, dem Grad an Professionalität und der grossen Erfahrung der Beschäftigten in vielen Banken.

Wachstum im Top-Segment

«Tatsächlich», sagt der Vertreter der Union Bancaire Privé (UBP), «ist die Summe der Kundengelder in der Schweiz, Luxemburg und Monaco über die vergangenen Jahre entgegen allen Erwartungen stabil geblieben, und die Zahl der Kunden, die mehr als 10 Millionen Euro in europäischen Privatbanken deponiert haben, wächst unverändert in gesundem Masse», betont der Bankier aus Genf.

Longhini räumt zwar ein, dass der Wohlstandszuwachs in Westeuropa heutzutage geringer sei als in den USA oder in Asien. Doch ungeachtet dessen sei es den wichtigsten europäischen Finanzzentren gelungen, sich gegenüber anderen Metropolen gerade auf Grund der erwähnten Vorzüge zu behaupten

«Big is beautiful»

Michel Longhini ist überzeugt, dass seit der Finanzkrise eine Feststellung mehr denn je gelte, nämlich «Big is beautiful», sowohl bezüglich der Profitabilität einer Bank als auch im Hinblick auf ihre Wachstumschancen. «Grösse wird tatsächlich immer wichtiger», sagt der UBP-Manager, da die operationellen Kosten bei kleineren Finanzhäusern um fast 40 Prozent höher seien als bei grossen Banken, die dadurch besser in der Lage seien, Skalenerträge zu erzielen.

«Vor diesem Hintergrund sind auch die durchschnittlichen Erträge, die ein einzelner Berater (Relationship Manager) mit seinen Kunden erzielt, bei grösseren Banken höher, da er zumeist eine breitere Palette an Produkten und Dienstleistungen anbieten kann», erklärt Longhini.

Zweifel an der offenen Architektur

Allerdings meldet der Fachmann auch seine Zweifel an der so genannten offenen Architektur an; gemeint ist damit, der Klientel alle nur erdenklichen Finanzprodukte auch von Dritten anzubieten. «Die offene Architektur ist aus der Absicht entstanden, einer breiten Klientel ein möglichst umfassendes Angebot zu offerieren. Insbesondere in Asien, scheint diese Strategie sogar an der Tagesordnung zu sein», stellt Longhini fest.

In Tat und Wahrheit sei die offene Architektur aber nicht zwangsläufig ein Allheilmittel, findet der Experte. Im Gegenteil. Die offene Architektur sei mittlerweile ein komplexes Unterfangen, das zumeist sehr hohe Kosten verschlinge, zumal auch seit dem Wegfall der Retrozessionen und den verschärften Regulatorien in der Finanzwelt gewisse Ertragsströme von früher gänzlich verschwunden seien, betont der UBP-Kadermann.

Online-Plattformen sind effizienter

«Die Bank als Supermarkt, gern auch als One-Stop-Shopping-Institution bezeichnet, muss heute ernsthaft in Frage gestellt werden», sagt Longhini, «einerseits auf Grund der verschärften Regulierung, andererseits auch angesichts neuer effizienter Online-Plattformen, die eine Vielzahl an Dienstleistungen und Werkzeugen zu extrem tiefen Preisen zugänglich machen.»

Diese unabwendbare Entwicklung führe zwangsläufig zur Frage, ob es für manche Banken künftig nicht besser wäre, verstärkt in die eigenen Kompetenzen zu investieren als weiter der offenen Architektur mit Drittprodukten nachzuhängen. Denn letztlich könne sich ein Institut nur mit eigener Beratungs- und Angebotskompetenz von der Konkurrenz unterscheiden, betont der Chef im Private Banking der Genfer UBP weiter.

Neu erfinden

Steigende Kosten und ein gedrosseltes Ertragswachstum würden die Banken zwingen, sich neu zu erfinden, um den Kunden auch inskünftig einen Mehrwert bieten zu können, stellt Longhini weiter fest. Vor diesem Hintergrund würden hochwertige Dienstleistungen immer wichtiger, zu Lasten von Standardleistungen, etwa im Custody-Bereich oder im Brokerage, das über spezialisierte Anbieter ohnehin wesentlich günstiger sei.

Im Gegenzug müsse sich eine Privatbank heute auf die Beratung (Advisory), auf ein personalisiertes Portfolio-Management sowie auf Nischengeschäfte wie direkte Investments oder spezielle Kreditvergaben für Kunden besinnen, argumentiert der Bankier.

Segmentierung zwischen Selektion und Notwendigkeit

Die in den vergangenen Jahren verschärften Regulatorien hätten die Banken auch dazu gebracht, ihre Märkte neu zu segmentieren, sagt Longhini weiter. Als Folge davon seien manche Finanzinstitute näher zu ihren Kunden gerückt, um sie gezielter, beispielsweise in Steuerfragen, betreuen zu können, zumal heute fast jede Jurisdiktion ihre eigenen Regeln und Gesetze kenne.

Vor diesem Hintergrund würden sich kleinere Banken nun auf weniger Märkte konzentrieren und dort eine Art Onshore-Banking anbieten, während grosse Institute mit vielgestaltigen Buchungsplattformen weiter versuchten, Kunden aus möglichsten vielen verschiedenen Ländern zu betreuen, sagt Longhini.

Anschluss an die Grossen

Die Konsequenz daraus sei die Konsolidierung, die in der Branche nun zu beobachten sei, stellt der UBP-Bankier fest, wobei davon vor allem kleinere Institute betroffen seien, die sich über ihre künftige Ausrichtung Gedanken machen oder Anschluss an ein grösseres Institut suchen müssten.

«Die laufende Konsolidierung wird vor diesem Hintergrund noch einige Zeit beanspruchen», ist Longhini überzeugt, zumal die kritische Grösse für ein Institut laufend steige. Lag sie bis vor kurzem noch bei rund 10 Milliarden Euro an Kundengeldern für ein kleines Institut, so dürfte sie nun bereits höher sein.

Bloss keine falschen Wahrheiten

«Soviel ist klar», sagt Longhini, «keine Bank kann sich auf ihren Lorbeeren ausruhen. Die Zeiten allheilsamer Strategien sind vorbei. An falschen Wahrheiten, die entstanden sind, um eine ganze Branche am Laufen zu halten, sollte niemand mehr festhalten. Besser ist es, nach neuen Wegen und Mittel zu suchen, die dem Kunden einen Mehrwert geben. Nur wer die Mythen in unserem Metier hinterfragt, fördert am Ende die Realität zutage.»

Eine französische Version dieser Überlegungen ist am 5. Oktober 2015 in der Westschweizer Tageszeitung «Le Temps» erschienen.

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