Besten Dank für den Rücktritt!

Patrick Raaflaub konnte zu gar keinem anderen Schluss kommen, als den Weg freizumachen – gerade jetzt. Maurice Pedergnana über den logischen Abgang des Finma-Direktors.


Maurice Pedergnana PassfMaurice Pedergnana ist Professor an der Hochschule Luzern, Studienleiter des Lehrgangs MAS Bank Management und stellvertretender Leiter des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug IFZ. Ferner ist er Geschäftsführer der Swiss Private Equity & Corporate Finance Association Seca. Von 1999 bis 2011 war er im Bankrat der Zürcher Kantonalbank.


Der Rücktritt von Finma-Direktor Patrick Raaflaub ist wenig überraschend. Auch der Zeitpunkt nicht. Im Januar muss man über das vergangene Jahr berichten. Wer das mit Weitsicht tut, blickt auf fünf Jahre zurück und auf die nächsten fünf vorwärts.

Eine Geschäftsberichterstattung beinhaltet immer auch einen (selbstkritischen) Blick auf die eigene Tätigkeit. Es handelt sich nicht um eine schön gefärbte und bebilderte Marketing-Broschüre, sondern um das wichtigste Dokument der Rechenschaftsablage über sämtliche finanziellen und personellen Mittel, die man beansprucht hat, um ein bestimmtes Ziel wirtschaftlich und wirksam zu erreichen. Das gilt auch für die Finma, bei der der Bericht nicht nur vom Verwaltungsrat, sondern letztlich auch von der Oberaufsicht, vom Parlament und vorberatend in deren Kommissionen, gewürdigt wird.

Abwanderung von Substanz, Verlust von Know-how

Und was wird darin stehen? Wie toll es sei, wenn man über einen NZZ-Artikel mit seinen beaufsichtigten Banken über die Teilnahme am US-Programm zur Bereinigung des Steuerstreits zu kommunizieren beginnt («Neue Zürcher Zeitung», 29. November 2013)? Mit ultimativer Stimme notabene und entgegen allen Usanzen einer glaubwürdigen Aufsichtsbehörde? Oder wie man sich als Totengräber des Fonds- und Finanzplatzes Schweiz sehe und gelassen die verstärkte Abwanderung von Substanz ins dienstleistungsorientierte EU-Land Luxemburg geradezu fördere? Wie sich die rekordhohe Fluktuation im Verwaltungsrat der Finma erklären liesse?

Oder steht im nächsten Finma-Geschäftsbericht auch eine Würdigung des Knowhow-Verlustes, weil mittlerweile auch das letzte GL-Mitglied, das die Finanzkrise aus der Perspektive einer Aufsichtsbehörde persönlich erlebt hat, sich in der Privatwirtschaft verselbständigt hat und eine Aufsicht zurücklässt, in der kein einziges Direktionsmitglied mehr über eine vergleichbare Krisenerfahrung verfügt?

Stetige Präsenz, keine Verantwortung

Oder steht da im Geschäftsbericht vielleicht etwas über die spannungsgeladenen Gespräche mit der Versicherungswirtschaft? Oder wie belastet die Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Nationalbank geworden sei, wo doch allen klar ist, dass sich die Reibungsflächen zwischen makro- und mikroprudenzieller Aufsicht insbesondere bei den Banken der Risikoklasse 1 (UBS, Credit Suisse) und 2 (Raiffeisen, PostFinance, Zürcher Kantonalbank) unbedingt verringern müssten?

Die Finma hat sich angemasst, in einigen Banken mit stetiger Präsenz das Tagesgeschäft zu überwachen und Informationen an sich zu reissen, bevor diese beispielsweise dem Verwaltungsrat zur Verfügung gestellt werden – notabene, ohne dann später die Verantwortung für entsprechende Handlungen der Organe zu wollen.

Allerlei Wege ohne klare Rechtsgrundlagen

Schriftlich wird von der Finma wenig festgehalten, auch wenn die Kosten der Aufsicht in den letzten Jahren geradezu explodiert sind. Zudem wird von der Finma immer stärker über rechtlich fragwürdige Quellen und Wege «reguliert». Rundschreiben und Verfügungen sind die gesetzlich vorgesehenen Mittel; heute sind es mit Diskussions- und Positionspapieren sowie «Q&A»-Links auf der Website vielfältigste Instrumente, mit denen der Weg aufgezeigt wird – ohne klare Rechtsgrundlage und ohne Rechtssicherheit.

Auch hat die Finma rekursfähige Verfügungen immer wieder zu vermeiden versucht, wohl auch deshalb, weil die Qualität der Überlegungen beispielsweise nicht mit jenen der SNB-Berichte standhalten. Letztere hat jüngst der Zürcher Kantonalbank ein hochklassiges, umfassendes Dossier aus eigener Analyse abgeliefert, um ihr klar zu machen, weshalb sie als systemrelevant gelten würde (November 2013). Ähnlich substanziell waren die SNB-Überlegungen, weshalb die Eigenmittel der Credit Suisse zu erhöhen seien (Juni 2012).

Wadenbeissermentalität

Weshalb ist die Finma, die mit weitaus mehr Informationen ausgestattet ist und eine besondere Nähe zu den grossen Banken pflegt, nicht selbst zu diesem Schluss gekommen?

Es gäbe eine Reihe von kritischen Punkten, die man hier aufführen könnte. Statt mit einer glaubwürdigen, erfahrenen und kompetenten Aufsicht hervorragende Dienstleistungen zu erzielen, hat Patrick Raaflaub eine Wadenbeissermentalität in die Finma eingebracht, die dann auch auf die zweite und dritte Führungsebene übergeschwappt ist. Die Finma insinuiert, dass nahezu kriminell veranlagt sei, wer sich als Finanzdienstleister betätige, ein Finanzprodukt emittiere oder einen Fonds managen wolle.

Raaflaub ist angetreten, um mitten in einer grossen Finanzkrise das «Opportunitätsfenster» für eine verbesserte Regulation und Aufsicht zu nutzen. De facto hat er aber nicht nur Aufsichts-, sondern in mancherlei Hinsicht Strukturpolitik betrieben.

Der Rücktritt als Chance

Mehr als fünf Jahre nach Ausbruch der Krise finden wir eine Behörde vor, die vor allem gewachsen ist und unter Führungs- und Erfahrungsproblemen auf fast allen Ebenen leidet. Besonders zeichnet sie mangelndes Gespür für das politisch Machbare aus. Die grössten Feinde hat man sich im eigenen Land gemacht, und schlimmer noch, die Fronten haben sich verhärtet, selbst mit der SNB. In einer klugen, staatspolitischen Analyse muss sich das Patrick Raaflaub realistisch vor Augen geführt haben.

Sein Rücktritt dient den Interessen des Landes und des Finanzplatzes. Es ist eine hervorragende letzte Chance, nun jemanden an dieser Schlüsselposition in einer äusserst wichtigen Branche zu etablieren, der es versteht, internationale regulatorische Standards mit einer hohen Dienstleistungsmentalität durchzusetzen – zum Nutzen der Kundinnen und Kunden, der beaufsichtigten Institute, des Finanzplatzes mit seiner Forschung und Wertschöpfung in der Schweiz.

In dieser Branche ist die Schweiz nicht mehr ein Einwanderungs-, sondern längst zu einem Auswanderungsland geworden. Das ist das wahre Ergebnis der Finma-Tätigkeit. Raaflaub macht nun den Weg frei. Dafür gebührt ihm aufrichtigen Dank.

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Bellevue

Der BB Healthcare Trust ist an der London Stock Exchange mit einem Volumen von 150 Millionen Pfund gelistet. Der erste Handelstag ist der 2. Dezember. Portfoliomanager des Trusts ist Bellevue Asset Management.

Die Ende Oktober angekündigte Lancierung der Beteiligungsgesellschaft BB Healthcare Trust plc an der London Stock Exchange wurde erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen eines Aktienplatzierungs-programms konnte in der Erstemission ein Platzierungsvolumen von GBP 150 Mio. realisiert werden. Der erste Handelstag im Premium Segment der Londoner Börse ist der 2. Dezember 2016 (ISIN: GB00BZCNLL95, Bloomberg-Ticker: BBH LN).

Acron

Die auf Immobilieninvestments spezialisierte Acron hat den Kauf des projektierten Sheraton Fisherman‘s Wharf Hotels im kalifornischen San Francisco abgeschlossen. Das gesamte Investitionsvolumen bewegt sich im mehrfachen, dreistelligen Millionenbereich und stellt damit das bisher grösste Einzelinvestment der Acron-Gruppe dar.

Raiffeisen

Die beiden Raiffeisenbanken Fulenbach-Murgenthal-Langenthal und Oberes Gäu-Aare haben sich für einen Zusammenschluss entschieden. Die neue Raiffeisenbank soll unter dem Namen «Raiffeisenbank Aare-Langete» auftreten.

Schroder

Schroder Real Estate hat drei Schweizer Geschäftsimmobilien für den kotierten Immoplus-Fonds erworben. Die Transaktion bringt das Fondsvermögen auf rund 1,5 Milliarden Franken. Das Portfolio hat Rockspring Investment Managers verkauft. Es handelt sich dabei um vollständig vom «Do it yourself»-Spezialisten Hornbach Baumarkt gemietete Liegenschaften.

Glarner Kantonalbank

Die Glarner Kantonalbank (GLKB) weitet die Laufzeiten ihrer angebotenen Hypotheken aus. In Filialen erworbene Hypotheken können neu eine Laufzeit von bis zu 15 Jahren haben, online erworbene eine solche von bis zu 20 Jahren. Käufer sollen somit länger von tiefen Zinsen profitieren können.

Zurich

Die Zurich Gruppe Deutschland hat den Altezza Bürokomplex in München erworben. Verkäufer des 2009 erbauten Bürogebäudes ist die Warburg-HIH Invest Real Estate. Über den Kaufpreis vereinbarten die Parteien Stillschweigen. Beraten wurde Zurich bei der Transaktion durch Luther Köln.

BEKB

Die BEKB Roggwil wird per 30. Juni 2017 in die Niederlassung Langenthal integriert. Die betroffenen Mitarbeitenden werden bei der BEKB weiterbeschäftigt. Die Integration erfolgt, weil sich das Kundenverhalten im Bankgeschäft stark verändert hat.

UBS

Mit Blick auf die Art Basel im amerikanischen Miami fasst die Schweizer Grossbank ihre erhebliche Kunstsammlung in einem neuen Bildband zusammen. Das Buch «UBS Art Collection: To Art its Freedom» wird an Januar 2017 erhältlich sein.

Vontobel AM

Die europäische Ratingagentur Feri EuroRating Services und die Verlagsgruppe Handelsblatt haben die Schweizer Bank Vontobel als besten Asset Manager für Rohstoffe in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgezeichnet.

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