Anlagen aller Art in Gold stehen hoch im Kurs. Gilt das Bonmot «The sky is the limit» noch immer? finews.ch sprach mit Peter Sigg von LGT Capital Management.

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Peter Sigg ist Leiter des Bereichs Commodity Products von LGT Capital Management, Pfäffikon.

Herr Sigg, Gold bietet dem Investor Null Rendite. Was also macht Gold gleichwohl so reizvoll?

Im jetzigen Umfeld herrscht eine grosse Verunsicherung über die Zukunft der Eurozone und die Entwicklung des Wirtschaftswachstums in diversen Regionen rund um den Globus. Zudem sind alle grossen Zentralbanken der Welt in einem expansiven Modus und weiten die Geldmenge enorm aus. Dies führt zu einer Abwertung von Papiergeld gegenüber realen, fassbaren Werten.


«Schutz gegen systemische Krisen und Geldentwertung»


Diese Umstände veranlassen Investoren dazu, in Realwerte zu investieren, die kein Ausfall- oder Gegenparteirisiko haben, und dessen Preisentwicklung relativ unabhängig von der globalen Konjunktur ist. Gold kann diese Eigenschaften erfüllen und bringt dem Investor einen gewissen Schutz gegen systemische Krisen und Geldentwertung. Für diesen einzigartigen Nutzen sind Investoren bereit, auf einen fixen Coupon zu verzichten.

Der Goldpreis unterliegt Schwankungen ebenso wie Aktien. Doch viele Dividendenpapiere bieten eine attraktive Rendite, die weit über den Obligationenzinsen liegen. Wieso also renditeloses Gold statt beispielsweise Schweizer Qualitätsaktien?

Jeder Investor sollte in ein global breit diversifiziertes Portfolio investieren. Hier machen Qualitätsaktien mit stabilen Cashflows und gesunden Bilanzen sicher Sinn, vor allem im jetzigen Umfeld. Diese Aktien bringen eine stetige und attraktive Dividende. Und das Ausfallrisiko, wegen eines Konkurses des Unternehmens beispielsweise, ist marginal.


«Physischer Goldanteil fünf bis zehn Prozent»


Denn diese Firmen sind sehr gesund und weisen nicht die hohen Verschuldungsniveaus wie einige Emittenten von Staatsanleihen auf. Wir sind jedoch auch überzeugt, dass ein physischer Goldanteil von fünf bis zehn Prozent des Portfolios eine gute Diversifikation bietet und im Portfoliokontext eine sinnvolle Position ist.

Je höher der Goldpreis steigt, desto grösser ist der Anreiz zu einer Produktionssteigerung. Allein schon dieser Umstand müsste auf eine gebremste Preisentwicklung hinweisen, Trifft diese Überlegung zu?

Korrekt ist natürlich, dass höhere Preise einen Anreiz setzen, um Gold in Regionen abzubauen, wo es möglicherweise vor einigen Jahren auf Grund der tieferen Preise noch unprofitabel war. Gold ist jedoch ein knappes Gut, und die Gebiete mit hohem Erzgehalt sind bereits grösstenteils erschöpft.


«Das Angebot wird sich nicht so schnell ausweiten»


Um weitere Vorkommen zu erschliessen, müssen viel grössere Mengen Gestein abgebaut werden. Auch Ressourcen wie Technologie, Know-how, Energie sowie ausgebildete Fachkräfte sind knapp. Diese Knappheit und die gestiegene Komplexität im Abbau erhöht die Kosten massiv und liess die Produktionskosten in den vergangenen Jahren um rund zehn Prozent pro Jahr steigen.

Zudem sind Minenprojekte eine sehr langfristige Angelegenheit. Die durch höhere Preise hervorgerufene Mehrproduktion trifft erst nach ungefähr sieben bis zehn Jahren auf den Markt, da die Minen erst dann vollständig erschlossen sind und «on stream» kommen. Das Angebot wird sich also nicht so schnell ausweiten, was für Gold preisunterstützend wirkt.

Es gibt Stimmen, wonach die Banken im Stillen Short-Positionen auf Gold eingehen und damit auf einen Preiseinbruch setzen.

Wir teilen diese Ansicht nicht. Einerseits müssen die Banken durch die erhöhten Eigenmittelvorschriften ihre Risikopositionen zurückfahren und andererseits wurden viele Eigenhandelsaktivitäten bei Banken eingestellt.


«Die Investoren sind netto-long»


Wie sich die Investoren, so genannte «speculators», positionieren, wird von der Commodity Futures Trading Commission, der US-Aufsichtsbehörde für Rohstoff-futuresbörsen, sehr transparent rapportiert. Aus diesen Zahlen können wir zurzeit erkennen, dass die Investoren netto-long sind.

Welche Rolle spielen Länder wie China und Indien im Goldmarkt? Wer sind dort die treibenden Kräfte: Die Konsumenten, die Notenbanken oder die Industrie?

China und Indien sind zwei sehr wichtige Teilnehmer im globalen Goldmarkt. Auf globalem Niveau betrug die Verwendung von Gold rund 55 Prozent für die Schmucknachfrage, 32 Prozent für Investitionszwecke und rund 13 Prozent für industrielle und technologische Einsatzgebiete.

Rund 50 Prozent der globalen Nachfrage für die Schmuckproduktion kommen aus Indien und China, was die enorme Attraktivität des glänzenden Metalls für die Juwelierindustrie in diesen zwei Ländern unterstreicht.


«Manche Zentralbanken stocken ihre Bestände auf»


Ein ebenfalls wichtiger Sektor sind die Zentralbanken von China, Indien und weiterer Schwellenländer, die ihre Goldbestände vermehrt aufstocken, um ihre Währungsreserven breiter zu diversifizieren. Auf Grund von steuerlichen Effekten ist die Goldnachfrage in Indien dieses Jahre etwas unter Druck geraten, was jedoch durch verstärkte Kaufaktivitäten von anderen Schwellenländern kompensiert werden konnte.

Für einen weiteren Kursanstieg ist jedoch eine stabile Konjunktur, eine attraktives steuerliches Umfeld und eine stärkere Währung in diesen zwei Ländern notwendig, um die wichtige Schmucknachfrage nachhaltig zu stimulieren.

Wer in Gold investieren will, steht vor der Qual der Wahl: Physisches Gold, zum Beispiel Barren und zu Hause oder im Safe aufbewahren, Aktien von Goldminen erwerben, Goldstücke wie Gold-Vreneli, Krügerrand oder kanadische Maple-Leaf, ETF auf Gold. Was ist für den Privatinvestor empfehlenswert?

Bei allen Münzarten und -sorten ist zu erwähnen, dass bei dieser Art der Investition ein Aufpreis für die spezielle Prägung und ein Sammler- oder Raritätswert bezahlt werden muss. Diese Form der Anlagemöglichkeit eignet sich sehr gut für ein werthaltiges Geschenk auf Grund des relativ niedrigen Stückpreises und der einfachen Handhabung.


«ETF und Goldfonds eignen sich als Anlageinstrument sehr gut»


Als wirkliches Anlageinstrument eignen sich jedoch physisch hinterlegte ETF oder Goldfonds sehr gut. Sie sind sehr liquide, gut handelbar und die Aufbewahrung sowie Versicherung des Goldes wird von der Fondsgesellschaft übernommen.

Zur weiteren Portfoliodiversifikation können Goldminenaktien beigefügt werden, um ein Dividendeneinkommen zu generieren und bei konjunkturellen Aufhellungen vom Aktienmarktpotential profitieren zu können.

Die Michigan State University fand ein bemerkenswertes Bakterium. Dieses kann angeblich aus chemischen Giftstoffen Gold herstellen, wie auch finews.ch berichtet hatte. Utopie, ein Wunschtraum oder ist Wahres dran?

Physikalisch ist es durchaus möglich, mit einem solchen Prozess Gold zu gewinnen, da dafür Goldchlorid verwendet wird. Da die Ausgangsstoffe für diesen Prozess meist aus Abfallprodukten von industriellen Prozessen bestehen, kommen diese nur in geringen Mengen vor und haben keinen signifikanten Einfluss auf die global aggregierte Goldproduktion.

Viele Schweizer halten historisch Goldvreneli oder andere Goldmünzen. Was raten Sie: Verkaufen und den Gewinn realisieren oder weiter auf die hohe Kante legen mit dem Risiko eines künftigen Preiseinbruchs?

Wer bereits hohe Gewinne auf seinen Goldanlagen hat, kann sicherlich Profite realisieren und einen Teil der Bestände verkaufen. Wir sind jedoch davon überzeugt, dass die Schuldenkrise noch nicht gelöst ist und weitere geld- und fiskalpolitische Massnahmen anstehen, die den Goldpreis weiter nach oben bringen könnten. Deshalb macht es durchaus Sinn, einen Grossteil der Bestände weiterhin zu halten.

Welches sind Ihrer Ansicht nach die Vor- und auch die Nachteile eines Investments in Gold?

Ein grosser Vorteil von Gold ist bestimmt, dass es kein Wertpapier wie eine Anleihe oder Papiergeld darstellt, sondern ein Realwert ohne Ausfall- und Gegenparteirisiko ist. Gold hat sich über Jahrtausende als Wertaufbewahrungsmittel bewährt und konnte seine Kaufkraft behalten.

Zudem ist Gold ein knappes und begrenztes Gut, dass nicht unendlich «gedruckt» werden kann und durch seine Knappheit den werterhaltenden und stabilen Charakter als Wertanlage erhält.


«Gold korreliert stärker als bisher mit dem Aktienmarkt»


Nachteile sind, dass auch Gold grösseren Kursschwankungen unterworfen ist und Preis- sowie Wertverluste eintreten können. Zudem korreliert Gold seit rund zwei Jahren stärker als bisher mit dem Aktienmarkt und wirkt weniger diversifizierend im Portfoliokontext als vor noch vor der Schuldenkrise.

Des Weiteren besteht auch immer ein regulatorisches Risiko. Es ist möglich, dass Privatpersonen das Halten von Gold verboten wird. Um Gold als Währungsalternative auszuschliessen, und um die Währungsreserven (Goldreserve) zu erhöhen, war der Goldbesitz in den USA zeitweise verboten. Von 1933 bis 1973 war Goldbesitz nur in Form von Schmuck und Münzsammlungen erlaubt.

Noch befindet sich die Weltwirtschaft in einem Tiefstzinsumfeld. Die Prognosen lauten jedoch auf steigende Inflatione und höhere Zinsen ab dem Jahr 2015. Was macht dann der Goldpreis in diesem neuen Umfeld? Bietet Gold Inflationsschutz?

Steigende Zinsen und steigende Inflationsraten können gegenläufige Effekte auf den Goldpreis haben. Bei steigenden Zinsen erhöhen sich die Opportunitätskosten der Goldhaltung für den Anleger. Das heisst, dass er bei festverzinslichen Anlagen wieder eine attraktive Rendite erhält und nicht in volatiles Gold ohne fixen Coupon zu investieren braucht, um eine vernünftige Anlagerendite zu erzielen.

Steigt andererseits die Inflation, kann dies zu einer realen Abwertung des Geldes führen. Insbesondere dann sind Realwerte wie Gold sehr gefragt und bewähren sich als Inflationsschutz.


«Ende 2013 notiert Gold bei 1'950 Dollar»


Es gibt unterschiedliche Szenarien und Kombinationen der Entwicklung der makroökonomischen Variabeln, die sehr komplex zu modellieren sind. Wir gehen jedoch davon aus, dass sich die enorme Geldmengenausweitung langfristig inflationär auswirken wird und sehen Gold weiterhin als attraktives Investment zur Wertanlage und Inflationsabsicherung.

Ihre Prognose: Wo steht der Goldpreis Ende 2013?

Basierend auf den Angebots- und Nachfrageschätzungen unseres Analysten Bayram Dincer sehen wir den Goldpreis Ende 2013 bei 1'950 US-Dollar. Das bedeutet ein weiteres Kurspotential von rund zehn Prozent vom aktuellen Niveau. Diese Voraussage entspricht einem kleineren Kursanstieg als in den vergangenen Jahren.

Dabei gilt es in Betracht zu ziehen, dass das Aufkeimen von deflationären oder rezessiven Tendenzen zu grösseren Kursschwächen von 200 bis 300 Dollar führen kann. Zentrale und stabile Treiber werden Zentralbankkäufe und die steigenden Produktionskosten sein, die den Goldpreis weiter hoch halten werden.

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Peter Sigg stiess 2007 zu LGT Capital Management und leitet dort den Bereich Commodity Products. Er stellte das Commodity Investment Team zusammen und entwarf den Investment-Prozess. Vor dem Wechsel zu LGT war Peter Sigg für die Credit Suisse und AXA Winterthur Asset Management in der Funktion eines Quantitative Portfolio Managers tätig.

Er studierte an der Universität St. Gallen und beendete das Studium mit einem Master Degree in Business Administration. Peter Sigg ist Gründer und Präsident des in Zürich domizilierten Commodity Club.

Im April 2012 erschien das LGT Magazin als Spezialausgabe zu Gold.