Banken zweifeln an ihrer IT – und bleiben ihr trotzdem treu
Die grosse Ablösung der Kernbankensysteme bleibt vorerst aus. 65 Prozent der befragten Banken gehen davon aus, auch in zehn Jahren noch mit ihrem heutigen Anbieter zusammenzuarbeiten. In der Vorgängerstudie von 2023 lag dieser Anteil erst bei 32 Prozent. Nur 10 Prozent halten einen Wechsel innerhalb der nächsten fünf Jahre für wahrscheinlich.
Das zeigt die am Dienstag veröffentlichte Studie zur Zukunft der Kernbankensysteme des Instituts für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern. Die wachsende Bindung an die bestehenden Anbieter geht allerdings mit erheblichen Vorbehalten gegenüber deren Systemen einher.
Zuverlässig im Betrieb, schwach bei Neuerungen
Die Banken schätzen vor allem die Betriebssicherheit: 95 Prozent zählen Stabilität, Verfügbarkeit, Zuverlässigkeit und Ausfallsicherheit zu den drei grössten Stärken ihres Kernbankensystems. Insgesamt sind 64 Prozent mit ihrem System eher oder vollständig zufrieden.
Bei der Weiterentwicklung fällt das Urteil deutlich kritischer aus. 64 Prozent nennen die Bedienerfreundlichkeit als eine der drei grössten Schwächen, 61 Prozent die Innovationsfähigkeit und die Geschwindigkeit, mit der Neuerungen verfügbar werden. Auch die Flexibilität mit 51 Prozent und die Kosten mit 47 Prozent stehen häufig in der Kritik.
Der Schwerpunkt der Beanstandungen hat sich damit verschoben. Während 2023 die Kosten an erster Stelle standen, bemängeln die Banken inzwischen stärker die Bedienung und das Entwicklungstempo.
Modernisierung um den bestehenden Kern herum
Dass die Wechselbereitschaft trotzdem sinkt, erklären die Studienautoren mit mehreren Faktoren. Die etablierten Anbieter hätten mit der angekündigten Öffnung ihrer Plattformen Vertrauen zurückgewonnen. Gleichzeitig fehlten überzeugende Alternativen. Hohe Migrationskosten und Risiken dürften einen Wechsel zusätzlich erschweren.
Ein weiterer Grund liegt in den ergänzenden Anwendungen rund um das Kernbankensystem. Sie ermöglichen es den Banken, einzelne Bereiche zu modernisieren, ohne die zentrale Plattform vollständig ersetzen zu müssen.
Bereits heute realisieren 68 Prozent der befragten Institute Innovationen eher oder überwiegend über solche sogenannten Umsysteme. Nur 8 Prozent sehen das Kernbankensystem als primären Innovationstreiber. Bei weiteren 19 Prozent tragen beide ungefähr gleich viel bei.
Das Kernbankensystem bleibt damit das operative Fundament. Neue Funktionen für Kunden, Datenanalysen und künstliche Intelligenz entstehen dagegen häufig ausserhalb dieser zentralen Plattform.
Der Ausweg schafft neue Komplexität
Dieser Ansatz hat seinen Preis. 62 Prozent beurteilen die Anbindung einer zusätzlichen Anwendung als aufwändig oder sehr aufwändig. Nur 15 Prozent empfinden die Integration als einfach oder sehr einfach.
Auch standardisierte Schnittstellen lösen das Problem offenbar nur teilweise. Zwar nutzen 69 Prozent solche Schnittstellen für die Anbindung ergänzender Systeme. Dennoch bleiben die Abstimmung von Datenmodellen und Prozessen, Tests sowie unterschiedliche Entwicklungszyklen anspruchsvoll.
Nach Einschätzung der Autoren verschiebt sich die zentrale Herausforderung deshalb: Entscheidend ist zunehmend, wie gut eine Bank ihre verschiedenen Anwendungen, Datenflüsse und Dienstleister steuern kann. Mit der wachsenden Zahl zusätzlicher Systeme steigen auch die Anforderungen an das Management der Anbieter und ihrer Risiken.
KI weckt Erwartungen – die Kostenvorteile fehlen noch
Besonders deutlich zeigt sich die Lücke zwischen Erwartungen und wahrgenommenem Angebot bei künstlicher Intelligenz. 41 Prozent zählen deren Integration zu den drei wichtigsten Anforderungen, die Kernbankensysteme in drei bis fünf Jahren erfüllen müssen.
Die Aussage, das eigene Kernbankensystem integriere zunehmend KI-Technologien, erhält dagegen im Durchschnitt nur rund zwei von fünf möglichen Punkten. Damit schneidet sie unter den abgefragten Zukunftsmerkmalen am schlechtesten ab.
Auch finanzielle Entlastung ist bislang kaum erkennbar. Laut den Experteninterviews sind mögliche Kostenvorteile durch KI in der Softwareentwicklung noch nicht bei den Banken angekommen. Die Mehrheit der interviewten Institute erwartet, dass sich der Anstieg ihrer IT-Kosten lediglich verlangsamen, aber nicht stoppen lässt.
Stabile Kundenbeziehungen, neuer Wettbewerb
Für etablierte Anbieter wie Avaloq und Finnova bedeutet die geringe Wechselneigung zunächst stabile Kundenbeziehungen. Der Wettbewerb verlagert sich laut Studie jedoch stärker auf einzelne Module und ergänzende Anwendungen. Die Offenheit der Plattformen und die Einfachheit der Integration gewinnen dadurch an Bedeutung.
Die Untersuchung basiert auf einer Onlinebefragung von Mai bis Juni 2026. Von 123 angeschriebenen IT-Führungskräften bei Schweizer und Liechtensteiner Banken nahmen 63 teil. Hinzu kamen 14 Experteninterviews.
Regionalbanken, Sparkassen und Raiffeisenbanken machen 49 Prozent der Stichprobe aus, Kantonalbanken weitere 24 Prozent. Die Anbieteranteile innerhalb der Befragung sind ausdrücklich nicht repräsentativ für den Gesamtmarkt. Auch die Zusammensetzung der Stichprobe unterscheidet sich von jener der Studie 2023.















