Was Schweizer und asiatische Vermögensverwalter voneinander lernen können


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Die Vermögensverwaltung in der Schweiz und Asien wird oft als sehr unterschiedlich wahrgenommen: Erstere steht für Diskretion und die langfristige Verwaltung von Familienvermögen über mehrere Generationen hinweg. Letztere richtet sich an Neureiche, eine eher handelsorientierte Kundschaft, die unermüdlich nach neuen Anlagemöglichkeiten sucht. Diese Vorstellungen muten zunehmend überholt an. 

Tatsächlich nähern sich die beiden Modelle nicht zuletzt aufgrund der sich wandelnden Kundenbedürfnisse einander an. Die Zukunft wird jenen Vermögensverwaltern gehören, die in der Lage sind, das Beste aus beiden Welten zu vereinen.

«Der Finanzplatz Schweiz gilt in Asien nach wie vor als Goldstandard der Vermögensverwaltung.»

Obwohl sein Niedergang schon oft prophezeit wurde, ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass der Finanzplatz Schweiz in Asien nach wie vor als Goldstandard der Vermögensverwaltung gilt. In Bezug auf die Expertise in der Vermögensallokation, die solide rechtliche Grundlage und die Kultur der Verantwortung gegenüber den Kunden sind nach wie vor starke Differenzierungsmerkmale auf internationaler Ebene.

Schweizer Modell oft nachgeahmt

Selbst die Turbulenzen während der Credit Suisse-Übernahme konnten der Glaubwürdigkeit des Schweizer Finanzplatzes nichts anhaben. In einem globalen Umfeld mit starken geopolitischen und wirtschaftlichen Spannungen wird diese Glaubwürdigkeit zu einem noch wertvolleren Gut. 

Es ist kein Zufall, dass sich die führenden Vermögensverwaltungshubs in Asien in regulatorischer Hinsicht stark von ihren Schweizer Konkurrenten inspirieren lassen. In der Finanzwelt erfolgt Nachahmung selten rein zufällig.

«Einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Privatbanken in Asien ist ihre ausgeprägte Agilität.»

Der Vergleich endet jedoch nicht hier. In den letzten zwanzig Jahren war einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für Privatbanken in Asien ihre ausgeprägte Agilität. Tatsächlich verdanken sie ihren Erfolg ihrer Fähigkeit, dank Flexibilität und Reaktionsfähigkeit gegenüber Kunden schnell zu handeln. 

Harter Wettbewerb fördert Innovation

Asiatische Kunden, von denen viele Unternehmer der ersten oder zweiten Generation sind, sind mit der Schnelllebigkeit der Märkte bestens vertraut. Noch sind sie stark in Entscheidungsprozesse eingebunden und erwarten deshalb von ihren Bankern, dass sie mit ihnen Schritt halten. In Asien basiert der Ruf eines Finanzinstituts nicht nur auf seiner Marke oder seiner Bilanz, sondern ist täglich neu zu erwerben. Die Fähigkeit, Transaktionen schnell auszuführen, ist von grösster Bedeutung, und schlechte Leistungen werden von den Kunden sofort abgestraft.

Dieses Umfeld hat eine Kultur der ständigen Innovation gefördert, sei es in Bezug auf Produktstrategie, Strukturierung, Digitalisierung, digitale Vermögenswerte oder Kundenservicemodelle. Infolgedessen ist der Wettbewerb zwischen den Banken hart, was sie dazu zwingt, sich ständig neu zu erfinden, um nicht als obsolet zu gelten. Reaktionsfähigkeit ist und bleibt das Schlagwort, und obwohl Vorsicht unerlässlich ist, darf Geduld keinesfalls zu einer Entschuldigung für Untätigkeit werden.

Konvergierende Modelle

Was können Schweizer Privatbanken also von ihren asiatischen Mitstreitern lernen? Die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre haben gezeigt, dass Innovation und Agilität nicht im Widerspruch zu einem rigorosen Risikomanagement stehen, sondern vielmehr eine Voraussetzung dafür sind, relevant zu bleiben. 

Vermögensverwalter, die ihr Geschäftsmodell erfolgreich weiterentwickelt haben, um ihre Reaktionsfähigkeit zu verbessern – und damit die Erwartungen der lokalen Kunden zu erfüllen – sind in Asien wirklich erfolgreich. Schweizer Institute sind ein gutes Beispiel dafür, da sie laut Asian Private Banker derzeit rund ein Drittel der verwalteten Vermögen der 20 führenden Privatbanken in Asien auf sich vereinen. 

«Asiatische Familien interessieren sich zunehmend für bestimmte Aktivitäten, die Markenzeichen von Schweizer Privatbanken sind.»

Mit anderen Worten: Der Erfolg der Schweizer Privatbanken in Asien beruht nicht auf dem Export eines starren Schweizer Modells, sondern auf der Fähigkeit, ihren bewährten Ansatz an lokale Gegebenheiten anzupassen.

Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass das Know-how in der Vermögensverwaltung der Schweizer Privatbanken nach wie vor ein klarer Wettbewerbsvorteil ist, der wiederum asiatische Institute inspirieren dürfte. 

Der grosse Generationen-Übertrag

Denn angesichts der schrittweisen Alterung der wohlhabenden Bevölkerung in Asien verschieben sich die Prioritäten dieser Kunden. Laut Wealth-X dürften bis 2030 in der Region voraussichtlich nicht weniger als
2,5 Billionen Dollar zwischen den Generationen übertragen werden. Asiatische Familien interessieren sich daher zunehmend für bestimmte Aktivitäten, die als Markenzeichen der Schweizer Privatbanken gelten wie Nachlassplanung sowie langfristige Vermögensstrukturierung und -allokation. In diesen Bereichen ist die Schweiz dank ihrer Expertise eindeutig im Vorteil. 

Das Beste aus beiden Welten

Dieser Vorsprung wird durch das weitreichende internationale Netzwerk von Buchungszentren verstärkt, das Schweizer Banken über Jahrzehnte hinweg aufgebaut haben. Sie sind die massgeschneiderte Antwort auf die wachsende Nachfrage nach grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungslösungen aus Asien, in einer Zeit, in der die meisten lokalen Akteure noch keine so umfassende Abdeckung anbieten können.

«Die Zukunft gehört jenen Akteuren, welche die Stärken beider Modelle nutzen können.»

Aus all diesen Gründen wird das nächste Jahrzehnt nicht von einer Rivalität zwischen der Schweiz und Asien oder einem Wettbewerb zwischen Schweizer und asiatischen Privatbanken geprägt sein. Ganz im Gegenteil: Die Zukunft gehört jenen Akteuren, welche die Stärken beider Modelle nutzen und angemessen auf die sich wandelnden Bedürfnisse Privatkunden eingehen können. 

In der Vermögensverwaltung können Tradition und Disruption nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Gewinner werden diejenigen sein, die es verstehen, das Beste aus beiden Welten zu kombinieren sowie Fachwissen mit Innovation zu kombinieren, ohne den menschlichen Aspekt zu vernachlässigen.


Michael Blake, CEO Asia, Union Bancaire Privée (UBP)