Nasdaq, Börse Stuttgart und BX Digital bauen europäische Settlement-Infrastruktur

Lidia Kurt, CEO von Seturion und der Schweizer Tochter BX Digital, gehört zu den profiliertesten Stimmen der hiesigen Digital-Asset-Szene. Die promovierte HSG-Finanzökonomin beschäftigt sich seit Jahren mit Tokenisierung und Marktinfrastruktur.

Ihr Gegenüber ist Matthias Voelkel, CEO der Börse Stuttgart Group und früherer McKinsey-Partner für Kapitalmarktinfrastruktur. Gemeinsam treiben sie ein Projekt voran, das bewusst jenseits des üblichen Fokus ansetzt: nicht beim Handel, sondern bei der Abwicklung – dem Post-Trade.

Das eigentliche Problem liegt hinter dem Handel

«Europa ist stark fragmentiert», sagt Kurt. Gemeint ist nicht der Handel selbst, sondern das, was danach passiert: Settlement, Verwahrung, Clearing. Nationale Systeme, unterschiedliche Regulierungen, zahlreiche Intermediäre – ein Geflecht, das Transaktionen verlangsamt und verteuert. Voelkel formuliert es zugespitzter: «Settlement ist in Europa schlicht zu teuer – insbesondere bei grenzüberschreitenden Transaktionen.»

Hier setzt Seturion an. Die Plattform soll als einheitliche Abwicklungsinfrastruktur dienen – über Ländergrenzen hinweg. Technologisch basiert sie auf Distributed-Ledger-Technologie (DLT) und erlaubt die Abwicklung tokenisierter Assets über öffentliche und private Blockchains.

Bewusst kein neues «Silo»

Der Ansatz unterscheidet sich von vielen bisherigen Initiativen. «Wir hätten einfach eine weitere Börse für tokenisierte Wertpapiere bauen können», sagt Kurt. «Das wäre aber wieder nur ein Silo gewesen.» Stattdessen zielt Seturion auf die Ebene darunter: «Wir adressieren den Abwicklungsteil – und bieten eine offene Lösung für alle.»

Das bedeutet konkret: Andere Börsen können sich anschliessen, ebenso Marktteilnehmer wie Banken, Broker und Emittenten. Die Plattform ist als offene Architektur konzipiert.

Nasdaq als Hebel

Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Partnerschaft mit Nasdaq. «Warum partnern wir mit der Nasdaq?», sagt Voelkel. «Weil wir mit Seturion eine paneuropäische Abwicklungsplattform gebaut haben – ein horizontales digitales Angebot. Und das hat so keine andere Börsengruppe in Europa.»

Der Kern liegt im Architekturansatz. «Die Nasdaq möchte nicht – genauso wenig wie wir – ein vertikales, digitales Silo pro Land betreiben», so Voelkel.

Skalierung über Infrastruktur

Für Nasdaq ist die Kooperation damit vor allem eine infrastrukturelle Option: Ihre europäischen Handelsplätze können an eine bestehende, länderübergreifende Abwicklungsschicht angebunden werden – ohne eigene Lösungen in jedem Markt aufbauen zu müssen.

Hinzu kommt ein zweiter Hebel: Nasdaq ist nicht nur Börsenbetreiber, sondern auch Technologieanbieter für andere Handelsplätze. «Nasdaq betreibt ja selbst Börsen – und stellt gleichzeitig IT-Systeme für Börsen zur Verfügung», sagt Voelkel. Die amerikanische Börsenbetreiberin sei aber lediglich «der erste strategische Partner». Weitere Gespräche liefen – nicht nur mit Börsen, sondern auch mit Banken, Brokern und Emittenten. «Wir wollen keine tote Infrastruktur bauen», sagt er. «Entscheidend ist, dass Abwicklungsvolumen auf unsere Plattform kommt.»

Die Schweiz im Visier

Mit Blick auf die Schweiz betont Voelkel: «Unsere Definition von Europa ist nicht die EU – die Schweiz gehört selbstverständlich dazu.»

Der Fokus liegt dabei weniger auf institutionellen Kooperationen mit bestehenden Börsen als auf direkten Verbindungen zu Marktteilnehmern. «Wir erwarten viel Interesse von Banken, die sich früh mit neuen Technologien auseinandersetzen», ergänzt Kurt.

Mit BX Digital verfügt die Gruppe bereits über ein Finma-lizenziertes DLT-Handelssystem, das sich als erster «Client» die technologische Basis von Seturion zunutze macht. Für Vermögensverwalter und Asset Manager eröffnet sich damit eine zusätzliche Option für die grenzüberschreitende Abwicklung.

Andere Philosophie als die SIX

Die Frage nach der Konkurrenz zur SIX beziehungsweise zu deren Digitalplattform SDX drängt sich auf. Kurt betont, man verstehe sich als «offenes Ökosystem», dem sich grundsätzlich auch andere Börsen anschliessen könnten.

Voelkel formuliert den Unterschied: «Wir haben eine andere Philosophie.» Während bestehende Initiativen oft vertikal organisiert seien – also Handel und Abwicklung innerhalb eines Systems bündeln –, setze Seturion auf eine horizontale Struktur für die Abwicklung.

Damit positioniert sich die Plattform weniger als Konkurrenz im klassischen Sinn, sondern als alternative Infrastrukturebene.

Tokenisierung als Infrastrukturthema

Der Seturion-Idee zugrunde liegt die Überzeugung, dass Tokenisierung ein struktureller Trend ist. «Das ist nicht einfach eine neue Asset-Klasse. Es ist der nächste Schritt in der technologischen Entwicklung des Finanzmarkts.»

Entsprechend geht es nicht um einzelne Pilotprojekte, sondern um eine mögliche Neuordnung der Marktstruktur. Erste Anwendungsfelder sieht das Team etwa bei Fonds, Anleihen oder strukturierten Produkten.

Volumen als Erfolgsfaktor

«Wir bauen keine Infrastruktur nach dem Motto: ‹Build it and they will come›», sagt Voelkel. Entscheidend sei, die Plattform von Anfang an gemeinsam mit den Marktteilnehmern zu entwickeln. Die Partnerschaft mit Nasdaq ist dabei ein erster Schritt. «Es ist ein Blueprint», sagt Kurt. «Es zeigt, dass das Konzept am Markt ankommt.»

Der Wettbewerb um die Architektur des digitalen Kapitalmarkts in Europa ist in vollem Gang.