Finanzplatz Liechtenstein fühlt den Puls der Weltwirtschaft

Die Stimmung war noch etwas besser als im Vorjahr: Als Moderator und SRF-Anchor Reto Lipp das Publikum des Finance Forum Liechtenstein 2026 zur Einstimmung befragte, beurteilten 78 Prozent der rund 400 Teilnehmenden im Vaduzer Saal den Zustand des heimischen Finanzplatzes als «gut», weitere 19 Prozent sogar als «sehr gut». Lediglich 3 Prozent sahen dunklere Wolken, 1 Prozent bewertete die Lage als «miserabel».

Eine Ausgangslage, die das Folgende rahmte: Draussen tobt die Welt, in Vaduz ist man gelassen.


«Gold Nugget»: Dialog zwischen Angelika Moosleithner und Roman Pfranger. (Bild: Daniel Schwendener)

Vertrauen als härteste Währung

Den Ton setzte Regierungschefin und Finanzministerin Brigitte Haas. Sie definierte «Vertrauen und Zuversicht» als entscheidende Währung für den Liechtensteiner Finanzplatz. In einem sympathischen und nahbaren Auftritt erinnerte sie daran, wie teuer diese erkauft worden war. «Der Finanzplatz musste sich das Vertrauen nach den schweren Erschütterungen der 2000er Jahre neu erarbeiten», sagte sie. Es habe Zeiten gegeben, als Liechtenstein «in jedem zweiten ‹Tatort› am Sonntagabend» eine unrühmliche Rolle gespielt habe.

Heute präsentiere sich der Finanzplatz als «Bijou mit fester Statik und klarer Ausrichtung». Die Rahmenbedingungen seien «nahe am Ideal». Von Lipp auf die weltweite Regulierungsdivergenz – mehr Regeln in Europa, weniger in den USA – angesprochen, antwortete Haas: Liechtenstein tue «das, was wir gut können: pragmatisch sein».

Finance Forum Liechtenstein 2026, Bild aufgenommen im Vaduzersaal in Vaduz am 29.04.2026 - Reto Lipp Moderator und Jens Korte, Börsenspezialist und Wirtschaftsexperte (v.l.) FOTO & COPYRIGHT: DANIEL SCHWENDENER
Staunen über die Märkte: Jens Korte (rechts) mit Moderator Reto Lipp. (Bild: Daniel Schwendener)

Am Puls und auf der Hut

Ein «Gold Nugget» des Forums war das Podiumsgespräch mit Angelika Moosleithner (Partnerin, First Advisory) und Roman Pfranger (CEO, Neue Bank). Moosleithner stellte fest, dass die geopolitischen Turbulenzen die Nachfrage nach Liechtensteiner Treuhanddienstleistungen, namentlich im Bereich Strukturierung, ankurbeln. «Jurisdiktionale Diversifikation» sei ein bedeutender Faktor geworden, pflichtete Pfranger bei.

Der Private Banker blieb dabei realistisch: Viele Kunden legten ihr Vermögen derzeit sehr vorsichtig an, was auf der Allokationsseite Grenzen setze. Zur Entwicklung des Bankensektors hielt Pfranger fest, eine Konsolidierung bei kleineren Instituten habe gleichzeitig die Spezialisierung gefördert. Dies bringe den angenehmen Nebeneffekt mit sich, dass die heute elf Banken recht komplementär aufgestellt seien, was Kooperationen untereinander begünstige.

Das Faszinierende am Bankberuf bestehe darin, «am Puls der Weltwirtschaft» zu sein – eine stilbildende Aussage für den thematischen Fokus des ganzen Tages.

Finance Forum Liechtenstein 2026, Bild aufgenommen im Vaduzersaal in Vaduz am 29.04.2026 - Georgine Roesle, Beraterin Egon Zehnder und Reto Lipp Moderator (v.l.) FOTO & COPYRIGHT: DANIEL SCHWENDENER
Herausforderung Talentakquisition: Georgine Roesle, Beraterin bei Egon Zehnder. (Bild: Daniel Schwendener)

Regulierung: «Wir ächzen»

Einig waren sich beide in einem weniger erbaulichen Punkt: Die Regulierungspakete, die Liechtenstein als EWR-Mitglied übernehmen müsse, belasteten die Branche erheblich. «Ja, wir ächzen unter den ganzen Paketen», sagte Moosleithner.

Pfranger ergänzte, dass eine allfällige Überregulierung der UBS in der Schweiz im Zuge der Kontroversen mit Finanzministerin Karin Keller-Sutter indirekt auch Liechtenstein treffen könnte, da der Finanzplatz zahlreiche Leistungen von Schweizer Banken beziehe.

Wandel und Überzeugung

Patrick Odier, Präsident von Lombard Odier & Co. und früherer Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung, beleuchtete im Talk «Swiss Banking im Wandel» die Lage aus einer breiteren Perspektive. Ob die Turbulenzen im Mittleren Osten den Schweizer und Liechtensteiner Bankenplätzen zugutekommen, lasse sich noch nicht einschätzen: Es sei «viel zu früh zu sagen, was es bedeutet für die Vermögensflüsse». Eine wichtige Kompetenz sei es, «die Situation zu verstehen und daraus Conviction abzuleiten» – auch auf der Investmentseite.

Im Talk «Der Wettbewerb um die besten Talente» zeigte Georgine Roesle, Beraterin bei Egon Zehnder, auf, wie stark der Kampf um qualifizierte Fachkräfte auch in der Finanzbranche des Fürstentums angekommen ist.

Finance Forum Liechtenstein 2026, Bild aufgenommen im Vaduzersaal in Vaduz am 29.04.2026 - Patrick Odier, Aufsichtsratspräsident Lombard Odier & Co. und Reto Lipp Moderator (v.l.) FOTO & COPYRIGHT: DANIEL SCHWENDENER
Orientierung in stürmischen Zeiten: Patrick Odier. (Bild: Daniel Schwendener)

Das Staunen des Wall-Street-Manns

Für pointierte Einblicke sorgte Jens Korte, Börsenspezialist und langjähriger Korrespondent an der Wall Street, unter Anderen für ARD und SRF. Er stellte die «Widersprüchlichkeit» der aktuellen Zeit ins Zentrum. Dabei betonte er seine eigene Verblüffung über die weitgehend unbeeindruckte Reaktion der Märkte auf die massiven geopolitischen Verwerfungen «Die Welt wird nicht mehr sein wie vor dem 28.2.», dem Tag, an dem die USA und Israel den Iran angriffen.

Ausserdem zeigte Korte auf, dass Wirtschaftswachstum und Kursentwicklung in den USA massgeblich an die KI geknüpft seien, was  teilweise irrationale Züge annehme.

General mit strategischer Auslegeordnung

Thomas Süssli, ehemaliger Chef der Schweizer Armee, lieferte die geopolitisch schärfste Analyse des Tages. Gestützt auf seine internationalen Kontakte aus der Militärzeit zeichnete er ein multipolar zerklüftetes Bild der Welt. Die Wahrscheinlichkeiten, wie sich die Lage entwickelt: 50 Prozent für eine multipolare Welt mit den stark konkurrierenden Grossmächten USA, China und Russland; 35 Prozent für eine neue Multilateralität – «aber China wird nicht in die zweite Reihe gehen»; 15 Prozent für eine militärische Eskalation Russlands im Baltikum.

Finance Forum Liechtenstein 2026, Bild aufgenommen im Vaduzersaal in Vaduz am 29.04.2026 - Thomas Süssli, ehemaliger Chef der Schweizer Armee FOTO & COPYRIGHT: DANIEL SCHWENDENER
Strategische Einordnungen durch einen Korpskommandanten. (Bild: Daniel Schwendener)

Einen Grossangriff Russlands auf Europa schloss Süssli – anders als die Philosophin Katja Gentinetta an gleicher Stelle im Vorjahr (finews berichtete) – explizit aus. Und zum transatlantischen Verhältnis war er unmissverständlich: Amerika werde nicht zum Multilateralismus der 1990er-Jahre zurückkehren. «MAGA ist gekommen um zu bleiben.»

Lindner: Neues Abenteuer Automobilhandel

Den unterhaltsamsten und persönlichsten Auftritt des Tages lieferte Christian Lindner. Vaduz war für den ehemaligen deutschen Bundesfinanzminister und FDP-Vorsitzenden Hometurf. Er wurde ausgesprochen herzlich empfangen. In entspannter Manier sprach er über seine Zeit als Minister und seinen Neustart als Manager: Er leitet heute eine über ganz Deutschland verzweigte Automobilhandelsgruppe mit 1,2 Milliarden Franken Umsatz. Er will diese in vier Jahren auf 2 Milliarden verdoppeln, bei gleichbleibender Umsatzrendite von rund 10 Prozent, wie er in Vaduz sagte.

Über die EU und die öffentlichen Finanzen ihrer Mitglieder äusserte er sich weit weniger optimistisch. Das zentrale Problem sei die ständige Präsenz politischer Vetospieler, die eine echte Abkehr von Überbürokratisierung erschwere. «Die Gefahr einer fiskalischen Dominanz ist real», mit entsprechenden Folgen für die Inflation. Seine Entscheidung, über die Schuldenfrage die Ampel-Koalition platzen zu lassen, verteidigte er ruhig.

Und der Automobilhandel? «Eines der letzten Abenteuer», dem man sich stellen könne.

Finance Forum Liechtenstein 2026, Bild aufgenommen im Vaduzersaal in Vaduz am 29.04.2026 - Christian Lindner, ehemaliger deutscher Bundesfinanzminister und Reto Lipp Moderator (v.l.) FOTO & COPYRIGHT: DANIEL SCHWENDENER
Vom Finanzministerium ins Automobilgewerbe: Stargast Christian Lindner. (Bild: Daniel Schwendener)

Telefonhörer und Mittagstisch

Beim abschliessenden Networking-Apéro – meisterhaft bereitgestellt von der heimischen Ospelt-Gruppe – kehrte die heitere Grundstimmung zurück. Moosleithner hatte im Podiumsgespräch erwähnt, in Liechtenstein greife man gerne noch zum Telefonhörer, um ein Problem zu lösen. Ein Teilnehmer beim Apéro meinte lächelnd, das sei leicht untertrieben: Man gehe doch lieber persönlich vorbei oder treffe sich zum Lunch.

Es ist diese Kleinheit und Nähe des Fürstentums, die sich an einem Anlass wie dem Finance Forum als besondere Stärke erweist und die gerade im Kontrast zu den grossen Fragen der Welt besonders verführerisch wirkt.