Claudia Calich: «Was sind die Folgen der Hurrikan-Saison für Karibik-Anleihen?»
Von Claudia Calich, Fondsmanagerin Emerging Markets Bond Fund
Ganz abgesehen von der menschlichen Tragödie und den wirtschaftlichen Kosten handelt es sich bei Wirbelstürmen üblicherweise um Ereignisse, die wenig wahrscheinlich sind. Wenn eine Insel aber betroffen ist, kann das enorme Auswirkungen haben und sich letztlich auf die Fähigkeit eines Emittenten auswirken, den Schuldendienstverpflichtungen nachzukommen.
Anleihen-Investoren wollen die verschiedenen Risikofaktoren in Verbindung mit den Unternehmen beurteilen, in die sie investieren und letzten Endes auch entscheiden, ob sie für das Eingehen dieser Risiken gut genug kompensiert werden.
Analysiert man eine bestimmte Auswahl von in Dollar ausgestellten Anleihen von Karibik-Staaten wird Grenada zu einer interessanten Fallstudie: Die kleine und grösstenteils tourismusabhängige Volkswirtschaft wurde 2004 von Hurrikan Ivan getroffen. Dies nur zwei Jahre nach ihrem internationalen Debut am Anleihenmarkt mit einer Emission von Staatspapieren mit Fälligkeit 2012.
Südlich der üblichen Route
Der weit verbreitete Schaden wurde auf beinahe 150 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) geschätzt. Betroffen waren die physische Infrastruktur, Wohnimmobilien – nur ein geringer Anteil der Gebäude war versichert –, die Landwirtschaft und der Tourismus. Am Ende kamen der Zahlungsausfall und eine Restrukturierung der Anleihen des Landes mit einem Abschlag von circa 40 Prozent.
Im Verkaufsprospekt für die entsprechende Anleihe Grenadas war zu lesen, dass Grenada südlich der üblichen Route für Hurrikane liegt, wo, wenn Stürme auftreten, wie es 1955, 1979 und 1980 der Fall war, diese häufig beträchtliche Schäden anrichten: «Ein starker Hurrikan oder ein anderes klimatisches oder geologisches Ereignis könnte einen überaus negativen Effekt auf Grenada und, in der Folge, auf die finanzielle Situation der Regierung und ihre Fähigkeit haben, ihrem Schuldendienst und anderen Verpflichtungen nachzukommen, dieser Schuldtitel eingeschlossen.»
Schäden werden unterschätzt
Für einen Prospekt von 94 Seiten mit einer umfassenden Beurteilung von Grenadas wirtschaftlicher, geografischer und umweltbezogener Lage könnte man überrascht sein, dass das Wort «Hurrikan» lediglich zwei Mal auftaucht und das weitergefasste Wort «Katastrophe» nur 15 Mal erwähnt wird.
Der IWF hat kürzlich eine umfassende Studie über die Kosten in Verbindung mit den Auswirkungen von Hurrikanen in der Karibik-Region veröffentlicht. Überraschenderweise gibt diese an, dass die wirtschaftlichen Schäden um beträchtliche Beträge unterschätzt werden könnten und dass der durchschnittliche Schaden pro Insel möglicherweise bis zu 82 Prozent des BIP entspricht.
Möge der Käufer sich in Acht nehmen
Hurrikane können tatsächlich die meisten Karibik-Staaten treffen. Nur wenige Staaten (Aruba oder Belize) liegen ausserhalb des zentralen Hurrikan-Gürtels.
Vor diesem Hintergrund würde ich behaupten, dass die aktuellen Staatsanleihen-Renditen für viele dieser Volkswirtschaften derzeit kein Worst-Case-Szenario wie eine schwere Wetterkatastrophe einpreisen. Wie für jedes Fat-Tail-Ereignis gilt auch hier: Caveat emptor («Möge der Käufer sich in Acht nehmen»).
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