Aus der Neuen Welt: Reise in die Dominikanische Republik
Das Wesen des kolonialen Santo Domingo, wie eigentlich einer jeden Stadt, erschliesst sich am besten zu Fuss. Ein gemächlicher Spaziergang entlang der «Calle de las Damas», der ältesten gepflasterten Strasse der Neuen Welt, ist eine durchaus anspruchsvolle Übung in historischer Verdichtung.
Die «Ciudad Colonial» der dominikanischen Hauptstadt präsentiert sich in bemerkenswert guter Verfassung: Fassaden sind sorgfältig gepflegt, die in der Karibiksonne leuchtenden Farben der Häuser vermitteln der Szenerie eine leicht unwirkliche Kulisse. Die Architektur: verspielt, selbstbewusst und unverkennbar karibisch. Niedrige Kolonialhäuser, vom Lauf der Zeit und der feuchten Hitze gezeichnet, tragen diskrete Tafeln mit Hinweisen auf frühere Bewohner und längst verblasste Autoritäten.
Gefühl imperialer Grösse
Ein unscheinbares Gebäude an Santo Domingos Flaniermeile vermerkt, dass es sich um den letzten Wohnsitz Christoph Kolumbus in Amerika handelte. Santo Domingo war das Epizentrum, von dem aus die Entdeckung und Eroberung der ganzen «Neuen Welt» organisiert und in Gang gesetzt wurde, getragen von imperialem Ehrgeiz und der Verheissung unermesslicher Gold- und Silberschätze.
Santo Domingo war kein kolonialer Aussenposten; es war der Ausgangspunkt. Von hier aus verwaltete die spanische Krone ihren Eintritt in Lateinamerika. Diego Kolumbus, Sohn von Christoph Kolumbus, residierte als vierter Gouverneur der «indischen» Kolonien in einem Palast, dessen Dimensionen bis heute ein Gefühl früher imperialer Grösse vermitteln.

In den Strassen von Santo Domingo. (Bild: zVg)
Erste Station auf dem Weg nach Westen
Von hier wurden Lizenzen für Goldexpeditionen vergeben. Santo Domingo war die erste Station in Richtung Kontinent: Mexiko, Kolumbien, Argentinien...
Unabhängig von der historischen Bewertung des Kolonialismus: In der Stadt ist dessen Geschichte allgegenwärtig. Sein ambivalentes Gewicht wird spürbar, sein Gesicht sichtbar in Steinen und Strassen sowie den zahlreichen Denkmälern.
Champagner im Billini Hotel
Die farbigen Schilderungen unseres Fremdenführers über die verwaltungstechnische Abwicklung der kolonialen Expansion, den Sklavenmarkt inmitten der Stadt, die kirchliche Machtausübung und die maritimen Ambitionen verschmelzen mit der tropischen Hitze zu einem Erlebnis, das mit jedem Glas Rum und jeder Zigarre zunehmend ins Flimmern gerät.
Am besten geht man in diesem Zustand später am Tag mit einer Flasche Champagner auf die Dachterrasse des «Billini Hotels». Zweifellos handelt es sich dabei um einen der elegantesten Aussichtspunkte der Stadt.

Koloniale Architektur in der Hauptstadt. (Bild: zVg)
Lebendiges Archiv, Rum und Zigarren
Diese Zwischenstation gleicht einem Eintritt in ein lebendiges Archiv. Das Boutiquehotel befindet sich in einem sorgfältig restaurierten Kolonialbau gegenüber der «Iglesia y Convento Regina Angelorum», einer dominikanischen Stiftung aus dem 16. Jahrhundert und einem der frühesten Frauenklöster der Neuen Welt.
Die zurückhaltende Steinfassade des Gotteshauses und seine klösterliche Strenge bilden einen ruhigen Gegenpol zur Farbenpracht und Lebendigkeit der «Ciudad Colonial». Der Geschichte entkommt man hier nicht. Man kann ihr nur auf unterschiedliche Weise beiwohnen.
Gegenmodell zu Kuba und Haiti
Und doch ist finews nicht nach Santo Domingo gereist, um sich mit der Vergangenheit und ihren kolonialen und postkolonialen Bruchlinien zu beschäftigen. Diese wären in unmittelbarer Nachbarschaft besser zu besichtigen – namentlich in den Nachbarländern Haiti und Kuba, die belastet durch politische Isolation, wirtschaftlichen Zerfall und strukturelle Armut ein Dasein am Rande der modernen Zivilisation fristen.
Im Vergleich dazu steht die Dominikanische Republik anders da: seit Jahrzehnten mit den USA verbunden, wirtschaftlich robuster, sichtbar wohlhabender.

Blick auf das Karibische Meer. (Bild: zVg)
«Grüeessech» in Santo Domingo
Aber lassen wir das. Unsere Reise gilt etwas anderem: der eigenständigen karibischen Lebensfreude der Dominikanischen Republik. Sie wird spürbar in einem Festival intensiver Geschmackserlebnisse, Rum an der Grenze zum Überfluss, vor allem aber in einer Zigarrenindustrie, die den Prototyp aus Kuba mittlerweile überholt hat. Im Jahr 2022 hat die Insel die Tabakkultur gar zum nationalen Kulturerbe erhoben.
Einer der interessantesten Kristallisationspunkte dieser dominikanischen Identität ist das «Restaurant Casarré», wo der schweizerisch-dominikanische Gastronom Olivier Bur Biodiversität und kulinarisches Erbe mit unaufgeregter Eleganz zelebriert. Die Begrüssung wirkt unerwartet vertraut – ein herzliches berndeutsches «Grüeessech» –, bevor Teller serviert werden, die karibische Fülle mit disziplinierter Kreativität umsetzen.

Autochthone Aromen am Chefs Table des «Restaurant Casarré». (Bild: zVg)
Das «Colmado»: Gesellig, lebensfroh und tief verwurzelt
Am nächsten Tag folgen wir dem Rat unseres Guides und suchen bewusst das nicht kuratierte Erlebnis. An nahezu jeder zweiten Strassenecke findet sich ein «Colmado», eine charakteristische dominikanische Mischung aus Quartiertreffpunkt, Lebensmittelladen und Bar. Hier wird gegessen, getrunken und diskutiert.
Wir bestellen die «Bandera Dominicana»: Reis, Bohnen und Schweinefleisch, gekrönt von «Chicharrón» – frittiertem Schweinefett mit gerade genug Fleisch, um die Todsünde der Völlerei zu rechtfertigen. Einfach in der Zusammensetzung und kompromisslos grosszügig im Geist, bringt dieses Gericht mühelos das Drei- bis Vierfache der Kalorien eines Zürcher Hipster-Lunchs auf den Teller. Es ist keine «Haute Cuisine», aber es ist gesellig, lebensfroh und kulturell tief verwurzelt.
Weiter nach Santiago de los Caballeros
Doch genug von Santo Domingo, von kolonialem Stein, Rooftop-Champagner und Christoph Kolumbus. Eine andere, fast noch inspirierendere Art von Reiz und Genuss entfaltet die Dominikanische Republik anderswo: Die nächste und zentrale Station unserer Reise führt uns ins Landesinnere, weg von der Küste und ihren touristischen Verlockungen, nach Santiago de los Caballeros.
Die Fahrt dauert rund vier Stunden. Sie führt weg von der feuchten Meeresluft in eine Landschaft, die stärker von Landwirtschaft als von Tourismus geprägt ist. Das Klima verändert sich spürbar. Die Morgen sind neblig, die Temperaturschwankungen im Tagesverlauf ausgeprägter. Es sind genau diese Bedingungen, die der Tabak liebt.

Pionierhaftes Werk: Hauptsitz von «Tabadom» in Villa Gonzalez bei Santiago. (Bild: zVg)
Epizentrum der Zigarrenindustrie
Santiago ist das unbestrittene Herz der dominikanischen Zigarrenindustrie. Hier wollen wir dem Wesen des Erfolgs von «Oettinger Davidoff» in der Dominikanischen Republik auf den Grund gehen.
Der Kontrast zwischen den beiden Städten ist markant. Santo Domingo ist polierte Geschichte, sorgfältig restauriert und selbstbewusst inszeniert. Santiago ist pragmatisch, industriell, landwirtschaftlich geprägt. In der Welt der Zigarren entspricht der Unterschied jenem zwischen Paris und Reims, der Champagner-Hauptstadt: kulturelle Grandezza hier, produktives Meisterhandwerk dort.
Produktives Meisterhandwerk
Noch vor fünf Jahrzehnten spielte die Dominikanische Republik kaum eine Rolle, wenn von handgerollten Premiumzigarren die Rede war. Damals definierte die kubanische «Habano» den weltweiten Massstab des Rauchgenusses. Diese Hierarchie hat sich seither merklich verschoben.
Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung war eine strategische Entscheidung der Schweizer Firma «Oettinger Davidoff» zu Beginn der 1990er-Jahre: die Verlagerung der Produktion der Davidoff-Zigarren von Kuba in die Dominikanische Republik. In Kuba war der zunehmend eiserne Zugriff des staatlichen Tabakmonopols für international ausgerichtete Produzenten untragbar geworden.

Agronomische Millimeterarbeit an der Blüte. (Bild: zVg)
Von Kuba nach Santiago: Gelungene Neuansiedlung
Massgeblich vorangetrieben wurde die Emigration von Dr. Ernst Schneider (1921–2009), damaliger Eigentümer und Verwaltungsratspräsident von «Oettinger Davidoff». Es war eine Entscheidung, welche die globale Zigarrenindustrie nachhaltig veränderte.
Heute erzielt «Oettinger Davidoff» Exportvolumen, die mit jenen des gesamten kubanischen Staatsmonopols «Habanos» vergleichbar sind. Und das operative Herz dieses Erfolgs schlägt am Ziel unserer Reise, nahe Santiago de los Caballeros: «Tabadom», die dominikanische Gruppengesellschaft von «Oettinger Davidoff», sowie die nahegelegene «Finca Dr. Ernst Schneider», der agronomische Modellbetrieb des Unternehmens.
Zu Gast auf der «Finca Dr. Schneider»
Begleitet werden wir von Hamlet Espinal, Geschäftsführer von «Tabadom» und Head of Global Production bei «Oettinger Davidoff». Der freundliche, Effizienz ausstrahlende Dominikaner ist ein Mann, der wie geschaffen scheint für die Rolle des kulturellen Botschafters zwischen der tabakbäuerlich geprägten Identität Santiagos und dem Geniesser in New York, Hongkong oder Zürich: Kompakt, energiegeladen und mit einer ruhigen Autorität, schlägt er die Brücke zwischen den kompromisslosen Qualitätsansprüchen des Hauptsitzes von «Oettinger Davidoff» in Basel und der landwirtschaftlichen Tradition Santiagos.
Unter den zahlreichen renommierten Zigarrenproduzenten der Region – klingende Namen wie «La Aurora», «Arturo Fuente» oder die Familie Reyes – nimmt Davidoff eine Sonderstellung ein. Nicht aufgrund von Folklore oder Nostalgie, sondern wegen industrieller Disziplin in Verbindung mit handwerklichem Anspruch.

Die Modellfarm von «Oettinger Davidoff» in der Dominikanischen Republik. (Bild: zVg)
Kultiviert aus winzigsten Samen
Auf der «Finca Dr. Ernst Schneider» erläutert Espinal die Wissenschaft hinter dem, was viele Zigarrenliebhaber romantisch als «Terroir» bezeichnen. Der Tabakanbau beginnt mit Samen, so klein, dass sie fast abstrakt wirken. Ein Gramm Tabaksamen, das in der Hand zerstiebt wie Asche, umfasst leicht bis zu 15’000 Samen.
Zunächst werden sie sorgsam in winzigen Humus-Ballen zum Pflänzlein gezüchtet, anschliessend in Gewächshäusern gezogen, bevor sie aufs offene Feld verpflanzt werden. «Oettinger Davidoff» unterhält ein umfangreiches genetisches Archiv von abertausenden Samensorten. Es ist eine lebendige Bibliothek, die es erlaubt, nicht nur über einzelne Anbauparzellen, sondern auch über die Zeit hinweg eine unfassbare Zahl von Geschmäckern zu kreieren.
Tabake aus den 1990er-Jahren
Die Fermentation des Tabaks, so Espinal, ist jener Prozess, in dem Charakter entstehen kann oder verloren geht. Die Blätter trocknen langsam unter streng kontrollierten Bedingungen. Temperatur, Feuchtigkeit und Timing müssen exakt aufeinander abgestimmt sein. Gelingt dies, verwandelt sich das grüne Tabakblatt. Es wird braun, geschmeidig, beinahe durchsichtig, mit jener seidigen Textur, die Premiumzigarren auszeichnet.
Das Rollen jedoch bleibt eine Domäne menschlichen Meisterhandwerks. Für seine Mischungen greift «Oettinger Davidoff» auf ein umfangreiches Lager zurück, bestehend aus Reserven gereiften Tabaks aus unterschiedlichen Jahrgängen (bis zurück in die 1990er-Jahre) und Parzellen zurück.

Seidige Textur, die Premiumzigarren auszeichnet. (Bild: zVg)
Anspruchsvolles Handwerk
Nur die erfahrensten «Torcedores», wie hier die Meister des Handwerks genannt werden, dürfen die Marke Davidoff rollen. Ihnen bei der Arbeit zuzusehen, ist eine Lektion in Demut. Unsere eigenen Versuche, aus den seidigen Tabakblättern etwas herzustellen, das optisch an eine Zigarre erinnert, verlieren sich im Ungefähren.
Der Höhepunkt des Besuchs ist der Genuss einer Zigarre, die zu einem ganz besonderen Anlass geschaffen wurde: die «Limited Edition 150 Years Oettinger Davidoff». In streng limitierter Auflage von 400 Kisten ausschliesslich für den Schweizer Markt produziert, verkörpert sie die kondensierte Philosophie des Unternehmens.
Kreiert wurde die Zigarre letztes Jahr anlässlich des 150-Jahr-Jubiläums von «Oettinger Davidoff» (finews berichtete). Das Unternehmen wurde anno 1875 – lange nach der Entdeckung der Neuen Welt – in Basel gegründet. Der heutige Weltruhm seiner Premiummarke Davidoff gründet auf dem Namen des legendären Genfer Zigarrenhändlers Zino Davidoff (1906-1994) und auf dem betriebswirtschaftlichen Weitblick von Dr. Ernst Schneider.

Auf dem Tabakfeld: «Oettinger Davidoff»-Produktionschef Hamlet Espinal (rechts) mit finews-Autor Florian Schwab. (Bild: zVg)
Die Achse Basel – Santo Domingo
Gemeinsam mit Hamlet Espinal erleben wir die sensorische und kulturelle Kraft dieser Zigarre. Mit Blick über Santiago de los Caballeros entlädt sich ihr abwechslungsreiches Aromenspiel in einer intensiv genossenen Stunde.
Jede neue Davidoff-Zigarre durchläuft einen langen Iterationsprozess. Prototypen wandern zwischen der Dominikanischen Republik und Basel hin und her, werden immer wieder verfeinert, bis Balance, Aroma und Struktur stimmen.
Erleben eines Kulturguts
Es gibt Zigarrenliebhaber, die der Meinung sind, dass sich der volle Genuss eigentlich nur in der feuchtheissen Tropenluft der Karibik erleben lässt. Und wir müssen ihnen recht geben: Erst wer mit eigenen Augen gesehen hat, wie viel agronomischer und handwerklicher Aufwand sich hinter der scheinbaren Leichtigkeit des Rauchvergnügens verbirgt, vermag das Kulturgut der Zigarre richtig zu würdigen.
Mit einem Glas Rum in der Hand, getragen von der süssen, tabakschwangeren Abendluft, lässt sich besser verstehen, warum diese Kombination so überzeugend funktioniert: Schweizer Präzision gibt Struktur, die karibische Emotion verleiht ihr die Seele.














