Carsten K. Rath: «Dieses Hotel zeugt von Beständigkeit im ‹Sanhattan› Südamerikas»
In Santiago de Chile treffen gläserne Bürotürme auf die majestätische, schneebedeckte Kulisse der Anden. Wer die oft unterschätzte Metropole verstehen will, muss ihren Rhythmus spüren – eine Mischung aus europäischer Eleganz und dem Vorwärtsdrang eines Schwellenlandes, das seine Hausaufgaben gemacht hat. Das Land hat durch eine konsequente Fiskalpolitik und die gezielte Öffnung für globale Handelsströme eine Stabilität geschaffen, die eine urbane Dynamik befeuert. Das «InterContinental Santiago» ist meine Basis, um diese Dynamik zu beobachten.

Mitten im Puls von «Sanhattan»: Das InterContinental Santiago. (Bild: InterContinental Santiago)
Wo Rohstoffe zu Architektur werden
Die Lage Santiagos ist ein strategischer Trumpf: In nur 90 Minuten steht man am rauen Pazifik oder in den exklusiven Skigebieten der Anden. Dass die chilenische Hauptstadt heute als das «Sanhattan» Lateinamerikas gilt, ist kein Zufall. Das Land hat seinen Reichtum aus natürlichen Ressourcen – vom klassischen Kupfer bis zum «weissen Gold» Lithium, dem Treibstoff der globalen Energiewende – eindrucksvoll in urbane Modernität übersetzt.
Das zeigt sich besonders im Viertel rund um das Hotel. Nur einen Steinwurf entfernt ragt der Gran Torre Santiago in den Himmel, Teil des Costanera Centers, des grössten Shopping-Komplexes Südamerikas. Es ist ein weithin sichtbares Symbol für ein Land, das seine Rohstoffgewinne konsequent in Infrastruktur und wirtschaftliche Stabilität investiert hat. Während globale Märkte zur Volatilität neigen, strahlt dieser Distrikt eine Resilienz aus, die auch Marktforscher mit steigenden Prognosen für die Luxushotellerie quittieren.

Der erste Eindruck zählt: Die Lobby des InterContinental Santiago empfängt den Gast mit klarer Ästhetik. (Bild: InterContinental Santiago)
Ein verlässlicher Ankerpunkt
Das «InterContinental Santiago» ist ein klassisches Grand Hotel, wenngleich etwas in die Jahre gekommen. Design und Ausstattung mögen in anderen Häusern modischer sein, aber das «InterContinental» überzeugt mit einer Eigenschaft, die ich schätze: Beständigkeit. Die Architektur ist klar und zurückhaltend, in den Innenräumen dominieren Eleganz und eine räumliche Grosszügigkeit, die man in modernen Designhotels häufig vermisst.
Hochwertige Textilien, schwere Vorhänge und die Verwendung lokaler Materialien schaffen eine warme, fast private Atmosphäre. Der Blick durch die grossen Fensterfronten auf den höheren Etagen, ist herausragend.
Wenn die Abendsonne die Gipfel der Anden in ein tiefes Orange taucht, wird der Luxus des Hauses spürbar. Wären die «101 Besten»-Hotels in Chile gelistet, stünde das Haus im Ranking sicher ganz weit oben.

Warme Holztöne und klares Design: Der Frühstücksbereich des InterContinental. (Bild: InterContinental Santiago)
Auf der Fahrt Richtung Vitacura liegt das ESO-Hauptquartier. Dass nahezu alle grossen Teleskope der Welt in Chile stehen, liegt an den klarsten Himmeln der Erde. Dieser Sinn für Präzision und den ungetrübten Blick in die Ferne scheint tief in der chilenischen DNA verwurzelt zu sein.

Exklusivität für diskrete Gespräche: Die Suiten bieten Raum für Begegnungen auf höchstem Niveau. (Bild: InterContinental Santiago)
Kulinarische Präzision
Wer die Stadt erkundet, findet den Kontrast. Im Viertel Bellavista schlägt das kreative, bohemische Herz der Stadt – ein Labyrinth aus farbenfroher Streetart, kleinen Jazzclubs und den Spuren des Dichters Pablo Neruda. In der Strasse Nueva Costanera in Vitacura gibt dagegen leise Eleganz den Ton an. Dieses Viertel ist das architektonische Schaufenster des modernen Chile: Hier säumen exklusive Galerien, weitläufige Parks und die Dependancen internationaler Luxusmarken die makellos gepflegten Alleen.

Rückzugsort über den Dächern von «Sanhattan»: Die Zimmer bestechen durch räumliche Grosszügigkeit und hochwertige Materialien. (Bild: InterContinental Santiago)
Hier liegt auch mein besonderer Tipp: das Restaurant «La Calma». Chefkoch Ignacio Ovagio zelebriert hier eine Küche, die klar und fokussiert ist. Ovagio setzt auf kompromisslose Produktqualität ohne unnötiges «Window Dressing». Seine Handschrift ist tief im Pazifik verwurzelt: Muscheln mit feinem Fisch-Tatar, Oktopus oder die lokalen Felsenmollusken Locos. Seine Technik ist puristisch, die Aromen sind mineralisch und tief. Besonders beeindruckend ist sein respektvoller Umgang mit der Ressource Meer – etwa bei seinem Gericht auf Basis von Fischköpfen. Es zeigt, wie viel geschmackliches Potenzial in einem vermeintlichen Nebenprodukten steckt.

Stille über der Metropole: In den Suiten trifft modernes Design auf kompromisslosen Komfort. (Bild: InterContinental Santiago)

Lichtdurchflutetes Refugium: Die Marmorbäder der Suiten bieten ein großzügiges Ambiente zum Entspannen. (Bild: InterContinental Santiago)
Am Ende meines Aufenthalts im «InterContinental Santiago» bleibt die Erkenntnis: Santiago ist keine Stadt für das schnelle Postkartenmotiv. Es ist eine Stadt für jene, die Substanz suchen. Wer hierher kommt, braucht vielleicht ein wenig Geduld bei der Anreise, wird aber mit einem Weitblick und einer Klarheit in den Details belohnt, die man in dieser Form selten findet.
Als früherer Grandhotelier und Betreiber des Rankings «Die 101 besten Hotels» ist Carsten K. Rath Globetrotter von Berufs wegen. Sämtliche Hotels, über die er für finews schreibt, bereist er auf eigene Rechnung.
Rath ist zudem Autor diverser Bücher. Jüngst ist vom ihm erschienen: «Die 101 besten Hotels Deutschland».














