Lionel Aeschlimann: «Wir sind nicht wichtig – unsere Arbeit ist es»


Monsieur Aeschlimann, was fasziniert Sie an Henri Matisse, dem im Grand Palais in Paris noch bis Ende Juli eine grosse Ausstellung gewidmet ist, die ihr Institut unterstützt?

Matisse ist für mich ein Künstler der Freiheit und der Unabhängigkeit – und das findet bei mir persönlich wie auch in den Werten von Mirabaud, ein starkes Echo. Matisse hat die Codes der Farbe gebrochen. Vor ihm musste das Gras grün sein, der Himmel blau. Plötzlich malte er einen roten Himmel, gelbe oder blaue Gesichter. Farbe stellte nicht mehr die Realität dar, sondern wurde zum Ausdruck von Emotionen.

Er hat damit die Tür zur abstrakten Welt geöffnet, zur Loslösung der Malerei von der Realität. Gleichzeitig ist da diese scheinbare Einfachheit: sehr klare Linien, einfache Formen.

Können Sie das weiter ausführen?

Hinter dieser Einfachheit verbirgt sich eine enorme Komplexität. Etwas zu schaffen, das so einfach aussieht, ist aussergewöhnlich. Mit minimalen Mitteln maximale Wirkung zu erzielen, ist für mich eine sehr schöne Idee. Viele Künstler nach ihm haben gesagt, dass sie ohne Matisse nicht existiert hätten. Er hat die Vorstellungskraft geöffnet – für Formen, für Minimalismus, für Abstraktion. Das macht ihn so faszinierend.

«Die Unterstützung von Kunst und Künstlern schlägt eine Brücke zu unseren Kunden: Sie sehen, dass wir über Werte nachdenken.»

Welche Chancen eröffnet ein Engagement wie dieses für Mirabaud im Hinblick auf die Kundenbeziehung?

Es ermöglicht uns, mit unseren Kunden über Kunst und unterschiedliche Sichtweisen zu sprechen und neue Beziehungen zu knüpfen. Gleichzeitig hilft es uns, über die Welt nachzudenken – darüber, was wichtig ist und was weniger wichtig ist.

Wir stellen uns Fragen wie: Was ist der Wert der Dinge? In unserem Geschäft müssen wir jeden Tag den Preis eines Wertpapiers einschätzen; Kunst bringt uns dazu, den Unterschied zwischen Wert und Preis zu hinterfragen und darüber nachzudenken, was im Leben wirklich wichtig ist. Die Unterstützung von Kunst und Künstlern schlägt eine Brücke zu unseren Kunden: Sie sehen, dass uns die Gesellschaft am Herzen liegt, dass wir in der Kultur verwurzelt sind und über Werte nachdenken. Und es schafft Momente geteilter Leidenschaft.

Welche Zielgruppen sprechen Sie damit besonders an? Eher ein älteres Publikum oder findet Ihr kulturelles Engagement auch bei jüngeren Generationen Zuspruch?

Bei beiden. Für die Mirabaud Kunstsammlung erwerben wir oft Werke von jungen, aufstrebenden Künstlern. Wir stehen in engem Kontakt mit ihnen, laden sie ein, in die Bank zu kommen, mit unseren Kunden zu sprechen und ihre Arbeiten zu präsentieren.

Das ist essenziell für ein Haus, das über 200 Jahre alt ist: nicht nur in die Vergangenheit zu schauen, sondern in die Gegenwart und in die Zukunft. Die jüngere Generation ist unsere Zukunft. Der Austausch mit jungen Künstlern, die uns überraschen, manchmal auch schockieren oder Fragen stellen, hilft uns, relevant zu bleiben.

Inwiefern hat sich aus Ihrer Sicht der Zugang zur Kunst zwischen den Generationen verändert?

Frühere Generationen legten grossen Wert auf Besitz: Haus, Auto, vielleicht eine Yacht. Die jüngeren Generationen sind weniger am Besitz interessiert, sondern mehr an Erfahrungen: Ausstellungen besuchen, reisen, Künstler treffen, entdecken. Künstler sprechen zudem über Themen wie Klimawandel, Konflikte, Geld, Beziehungen oder Natur. Vielleicht denkt die ältere Generation stärker in Kategorien von Wert und Preis, während die jüngere Generation mehr nach Bedeutung und Erfahrung strebt. Beides ist wichtig – und beides ist schön.

«Die jüngere Generation ist weniger am Besitz interessiert, sondern mehr an Erfahrungen.»

Was bedeutet Ihnen Kunst persönlich? Ist sie für Sie auch ein Ausgleich zum Banking Alltag?

Für mich ist Kunst zunächst durch und durch menschlich; sie spiegelt unsere Gedanken und Gefühle wider. Sie hilft uns nachzudenken, Demut zu bewahren und den Blick für die Welt offen zu halten.

Viele Menschen im Finanzwesen beginnen irgendwann zu glauben, sie seien wichtig, weil sie mit Geld und Reichtum arbeiten. Aber wir sind nicht wichtig – unsere Arbeit ist es. Unsere Aufgabe ist es, das Geld unserer Kunden zu schützen und zu investieren. Es ist nicht unser Geld, es gehört unseren Kunden. Wenn wir Pensionsgelder verwalten, geht es um die Zukunft von Rentnern. Das ist eine soziale Verantwortung. Ich glaube, wir müssen die Welt öffnen und Brücken bauen. Wir sollten Künstler in Banken bringen – und Banker mit Kunst in Berührung bringen.

Lionel Aeschlimann mit silberner kugel

Lionel Aeschlimann: «Es gab schon immer eine enge Verbindung zwischen Finanzen und Kunst.» (Bild: zVg)