EZB-Präsidentin Lagarde will weitere Daten abwarten
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges im Iran haben noch nicht das Ausmass erreicht, das dem Negativszenario der Europäischen Zentralbank entspricht, sagte Christine Lagarde an einer Rede am Montag in Berlin. Die EZB benötige weitere Informationen, bevor sie konkrete geldpolitische Schlussfolgerungen ziehen könne, erklärte sie.
«Wir müssen bereit sein, zu handeln, sobald wir über die notwendigen Informationen verfügen», sagte sie. Die EZB sei ihrem Mandat der Preisstabilität verpflichtet: Man werde sicherstellen, dass die Inflation auf mittlere Sicht auf zwei Prozent zurückgeführt werde. «Und wir werden so handeln, wie es die Situation erfordert», fügte sie hinzu.
Die wirtschaftliche Lage lasse keinen Zweifel: Je länger der Nahost-Konflikt anhalte, desto mehr verschlechterten sich die Aussichten – und das nicht linear. «Daher ist die zeitliche Dauer der Schlüssel, um zu beurteilen, auf welches Szenario wir uns einstellen müssen.»
Dauer d-es Konflikts wird Folgen bestimmen
Sollte der Konflikt rasch beigelegt werden können, werde der direkte Energiepreisschock unter Umständen «am unteren Ende der Erwartungen» liegen – und die wirtschaftlichen Auswirkungen würden in Grenzen gehalten.
«Die Aussichten bleiben jedoch unsicher – und es sind noch schlimmere Entwicklungen möglich», warnte Lagarde.
Mit jedem Tag, an dem der Konflikt andauert, vergrössere sich die Kluft zwischen Energieangebot und -nachfrage und die Normalisierung verzögere sich. «Und je länger die Störung andauert, desto weiter reichen ihre Auswirkungen – nicht nur durch höhere Energiekosten, sondern auch durch den Verlust kritischer Vorleistungen.»
Engpässe wirken negativ auf Wachstum
Lagarde verwies darauf dass rund ein Drittel des weltweit produzierten Heliums aus der Golfregion stammt. Ein Ausfall würde sich in der Halbleiterfertigung und der Hightech-Produktion bemerkbar machen. Ähnlich gross sei der Anteil des Seehandels mit Düngemitteln der durch die Meerenge transportiert wird. Das wirke sich auf die weltweiten Lebensmittelpreise aus. Zudem sei fast ein Fünftel der weltweiten Methanolproduktion gefährdet, was Folgen für die Chemie- und Kunststoffindustrie habe, so die Zentralbankchefin weiter.
«Wenn die Störung lange genug anhält, verlagert sich die Anpassung von den Preisen hin zur Rationierung – mit ganz anderen wirtschaftlichen Folgen. Höhere Preise wirken sich in erster Linie inflationär aus. Engpässe beeinträchtigen die Produktion direkt und wirken sich negativer auf das Wachstum aus.»
Bislang habe es insgesamt nur wenige Anzeichen für Störungen der Lieferketten gegeben – sowohl weltweit als auch im Euroraum. «Lokale Spannungen sind jedoch sichtbar: Die Preise für Flugbenzin haben sich seit Ausbruch des Konflikts etwa verdoppelt, und an einigen einzelnen Flughäfen wurde seit Anfang April eine Rationierung verhängt.»
Noch keine Zinserhöhung erwartet
Im März war die Inflationsrate in der Euro-Zone auf 2,6 Prozent gestiegen, von 1,9 Prozent im Februar. Derzeit liegt der Leitzins der EZB bei 2,0 Prozent. An den Märkten wird eine Zinsanhebung erst an der Rats-Sitzung im Juni für möglich gehalten.















