Burgunder statt Bitcoin?

812’500 Dollar: So viel zahlte Ende März ein unbekannter Käufer für eine einzelne Flasche Romanée-Conti aus dem speziellen Jahr 1945. Das war der letzte Jahrgang, der aus Reben hergestellt wurde, die noch nicht von der Reblaus befallen waren, danach wurden sie ersetzt.

Laut dem amerikanischen Weinhändler Acker Wines ist dies der höchste Preis, der je für eine Flasche bezahlt wurde. Der gleiche Luxus-Burgunder wechselte vor acht Jahren bei Sotheby's für 558'000 Dollar den Besitzer –, damals schon ein absoluter Rekordpreis. 

Die teuerste Flasche Wein der Welt. (Bild zVg)

Pure Spekulation

Für Weinexperte René Gabriel ist dies «reine Spekulation»: «Wohl von einem Superreichen, der sich Prestige in den Keller holen will und vielleicht hofft, die raren Stücke später nochmals jemandem teurer zu verkaufen», sagt er. 

Als Auktionator bei der Schweizer Weinbörse bietet er lieber «trinkbare reife Weine», da sei die Nachfrage «immer noch gut». Das zeigt sich laut Gabriel auch im Vorfeld der nächsten grossen Online-Versteigerung vom 16. Mai mit insgesamt über 1'300 Lots von einer bis 24 Flaschen auf der langen Verkaufsliste. 

80 bis 12'000 Franken

Mit einem Schätzpreis von 12'000 Franken ist eine Flasche Romanée-Conti aus dem Jahr 1997 das wertvollste Einzelstück, das günstigste Angebot ist ein Laurent-Perrier Grand Siècle, der für 80 Franken ausgerufen wird. Der Champagner und rund 1'000 weitere Flaschen stammen aus dem (riesigen) Keller des kürzlich verkauften Luzerner Traditionsrestaurants Old Swiss House. Im Restaurant selber sind noch immer alle Jahrgänge des legendären Château Mouton Rothschild seit 1867 (!) ausgestellt. 

«Die haben wohl zu viel Licht gesehen und sind wohl nicht mehr sehr fein zum Trinken», sagt Philipp Buholzer, der die grosse Weinsammlung von seinem Vater übernehmen konnte und nach dem Verkauf des Restaurants nun nach und nach auf den Markt bringt.

Insgesamt lagern gut 6'000 Flaschen im grossen Keller. «Mit dieser ersten grossen Auktion möchte ich sehen, wie der Markt reagiert», sagt Buholzer gegenüber finews. Angesichts der vielen schlechten Nachrichten von Kriegen bis zum weltweit sinkenden Weinkonsum ist auch für ihn der jüngste Weltrekord-Preis ein «krasser Ausreisser» und habe wenig mit dem normalen Markt zu tun. 

Spezielle Interessen

Allerdings beobachtet er im Vorfeld der grossen Auktion von Mitte Mai auch einige spezielle Konstellationen: Für zwei Flaschen «Echézeaux Grand Cru» von Joseph Drouhin aus dem Jahr 1969 gibt es bereits Gebote von 1'300 Franken, dies bei einem oberen Schätzpreis von 280 Franken. Früh gefragt sind aber auch etwa 12 Flaschen Château Leoville las Cases mit Jahrgang 2009. 

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Für diese beiden Flaschen «Echézeaux Grand Cru» gibt es schon 29 Angebote vor der Auktion. (Bild zVg)

Bei rund drei Vierteln aller Lots liege bereits vor der offiziellen Auktion ein Minimum-Gebot vor, auch das sei ein «erfreuliches Zeichen», erläutert Buholzer, der vor allem auf gefragte Jahrgänge zwischen 1961 und den 80er Jahren setzt. «Die sind weiterhin von Sammlern und Geniessern gesucht. Viele sind in Original 6-er oder 12-Holzkisten, bei uns wurden sie viele Jahre lang perfekt gelagert und so erwarte ich schon ein internationales Interesse an den besten Adressen aus dem Bordeaux und dem Burgund.»

Amerikaner mit Grossauktion

Genau eine Woche früher startet Acker Wines mit ihrem zweiten grossen Auftrifft in der Schweiz. Nach einer erfolgreichen Premiere im vergangenen Juni kommen im Zürcher Carlton Restaurant (und online) am 9. Mai insgesamt 928 einzelne Positionen von «Fine Wine» oder Raritäten unter den Auktionshammer. Die Organisatoren versprechen Top-Kollektionen aus der Schweiz, Burgund und ganz Europa.

Dazu kommen Direktangebote von Domaine Denis Mortet, Champagne Pierre Péters und Maison Grafé Lecocq. Insgesamt sollen rund 3 Millionen Franken gelöst werden. 

Burgunder klar vor Bordeaux

Der eindrücklich Katalog umfasst fast 300 Seiten. Am teuersten dürften auch hier die raren Weine aus dem Burgund werden. Im Lot 83 werden drei Flaschen Romanée-Conti 2012 auf 35'000 bis 45’000 Franken geschätzt, gleich danach folgen jeweils drei Flaschen Romanée Conti - Vintage 2015 und 2016, die zwischen 42'000 und 55'000 Franken einbringen sollen.

Das ist deutlich mehr als bei den grossen Namen aus dem Bordeaux. Im Lot 68 sind sechs Flaschen Château Pétrus - Vintage 2009 im Angebot. Hier liegen die Schätzungen bei 14'000 bis 18'000 Franken für die edle Holzkiste samt Inhalt.

Laut Zahlen des amerikanischen Auktionshauses Ackers lag der Umsatzanteil bei Burgundern 2025 bei hohen 57,1 Prozent und damit noch etwas höher als im Vorjahr. «Nur» etwa jeder fünfte Dollar bei den Versteigerungen wurde dagegen in einen der vielen Bordeaux-Weine investiert. 

Rechnet man simpel in Flaschen sieht das Bild ganz anders aus: Hier kommen die Burgunder auf gut 34 Prozent, gegenüber 24 Prozent im viel grösseren Bordeaux-Gebiet. Lustiges Detail: 2024 lagen beide «Klassiker» noch gleich auf mit jeweils 27 Prozent «Flaschenanteil» bei den Auktionen. 

Ein deutscher Vermögensverwalter schriebe kürzlich von «Bordeaux statt Bitcoin», genauer betrachtet müsste es heissen: «Burgunder statt Bitcoin.» Beide Preise schwanken stark. Der Burgundy 150-Index der International Vintners Exchange in London stieg bis Ende 2023 rasant auf über 900 Punkte, inzwischen ist er auf 600 Punkte wieder sehr deutlich gesunken.

Kleiner Trost im Vergleich über fünf Jahre resultierte bei den besten Burgundern ein Plus von 5,2 Prozent. Beim Benchmark «Bordeaux Legends 40» gab es laut den Experten über fünf Jahre ein Minus von gut 9 Prozent.

Nicht liquide

Klarer Vorteil gegenüber Bitcoin: Den Wein kann man auch trinken. Klarer Nachteil: Der Weinmarkt ist fragmentiert – grössere Verkäufe können Wochen bis Monate dauern, ohne zentrale Preisbildung wie bei börsengehandelten Gütern.

Preise bilden sich oft erst im Moment der Transaktion über Auktionen oder spezialisierte Plattformen.Hinzu kommt die Herausforderung der Lagerung: Nur bei optimalen klimatischen Bedingungen, professioneller Überwachung und klarer Provenienz bleibt der Wert erhalten.