Warum die vertraulichsten Kundendaten auf einen Mac Mini aus Bern gehören

Von Andreas K. Janoschek *

Wer heute einen Mac Mini mit genügend Arbeitsspeicher bestellt, wartet beim Händler in Bern vier bis fünf Monate. Ich wollte nicht warten und nahm das einzige verfügbare Gerät, eine ungenutzte Retoure. Ein kleiner Rechner, um den sich gerade viele bemühen, die Künstliche Intelligenz (KI) im eigenen Haus betreiben wollen.

Die meisten behandeln den Einsatz von KI als eine einzige Entscheidung: alles zu einem grossen Cloud-Anbieter hochladen oder es bleiben lassen. Wer sensible Kundendaten verarbeitet, lässt es deshalb oft bleiben.

Kaum eine Firma arbeitet nur mit einer Art von Daten 

Diese Sicht übersieht, dass kaum eine Firma nur mit einer Art von Daten arbeitet. Öffentliche Marktdaten und vertrauliche Kundendaten haben verschiedene Schutzbedürfnisse und müssen nicht am selben Ort liegen. Welche Daten wohin gehören, das ist die eigentliche Frage. Meine Antwort: Die Sensibilität der Daten entscheidet, wo sie verarbeitet werden.

Mein Aufbau besteht daher aus zwei getrennten Teilen.

Wo Komfort unbedenklich ist 

Der eine verarbeitet ausschliesslich öffentliche Marktdaten. Er erstellt jeden Morgen ein Dashboard über alle Anlageklassen und zeigt, was für die Allokation relevant ist. Bei Bedarf gehe ich tiefer in ein Thema, etwa zum Euro-Franken Kurs. Diesen Teil steuere ich per Sprache vom Smartphone. Weil die Daten ohnehin für alle einsehbar sind, nutze ich hier das leistungsfähigste verfügbare Werkzeug, und das steht in der Cloud. Komfort ist hier unbedenklich.

Lange galt: entweder in die Cloud oder gar nicht. Das hat sich geändert.

Der zweite Teil verarbeitet das Gegenteil: Kundendaten. Lange galt auch dafür: entweder in die Cloud oder gar nicht. Das hat sich geändert. Die lokal lauffähigen Modelle sind inzwischen gut genug, um eine klar umrissene Aufgabe zuverlässig zu erledigen. Genau dafür steht der Mac Mini. Auf ihm pflegt ein Modell ein Verzeichnis der Kontakte und Beziehungen. Dieser Rechner ist allein im internen Netz erreichbar, von aussen verschlossen. Hier tritt der Komfort hinter die Abschottung zurück. Entscheidend ist, dass die Kundendaten den Rechner nie verlassen.

Beide Teile sind mehr als ein Chatfenster. Ein quelloffenes Gerüst, von Fachleuten Harness genannt, steuert das jeweilige Modell und gibt ihm Werkzeuge an die Hand. Es verleiht dem Modell ein Gedächtnis und eigene Routinen. Der Agent merkt sich meine Präferenzen und übernimmt wiederkehrende Aufgaben zunehmend eigenständig. Das Modell selbst bleibt unverändert, was wächst, ist sein Gedächtnis.

Was zuerst beantwortet werden muss

So spezifisch mein Aufbau ist, das Prinzip dahinter gilt für jedes Haus. Ein Vermögensverwalter, eine Versicherung, eine Bankabteilung verarbeiten beides nebeneinander: öffentlich zugängliche Information und streng vertrauliche Mandatsdaten. Wer beide gleich behandelt und pauschal in dieselbe Cloud gibt, verschenkt entweder Schutz oder Möglichkeiten.

In der Branche fragt man heute nach dem richtigen Anbieter, dem richtigen Werkzeug, dem richtigen Prompting. Diese Fragen kommen zu früh. Davor steht eine einfache Inventur: Welche Daten liegen vor, und wohin darf jede Art? Wer das zuerst beantwortet, bekommt Leistung und Schutz zugleich.

Wer aus dieser Inventur Konsequenzen zieht, muss die eigene Infrastruktur bestimmen. In einem grossen Haus ist das selten gegeben, dort hat die IT das Werkzeug hingestellt, oft Copilot.

An der Aufgabe ändert das nichts, nur die Mittel sind andere. Auch mit Copilot entscheidet sich, ob KI Arbeit abnimmt oder nur Lärm erzeugt. Darum geht es in der nächsten Folge: Sie haben Copilot bekommen. Und jetzt?


Andreas K. Janoschek ist Gründer von Gerevest.AI in Genf. Zuvor war er Portfoliomanager bei Allianz Global Investors und CIO eines Lebensversicherers. Er hilft Banken, Versicherern und Vermögensverwaltern, KI sicher und souverän einzusetzen. www.gerevest.ai