Schwellenländer: Das Comeback mit Substanz
In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.
Während viele Industrieländer mit hohen Defiziten, strukturellen Wachstumsschwächen und ambitionierten Bewertungen kämpfen, präsentieren sich zahlreiche Schwellenländer makroökonomisch stabiler, günstiger bewertet und strategisch unverzichtbarer denn je. Wer selektiv vorgeht, findet in China, Indien und anderen Emerging Markets nicht nur Aufholpotenzial, sondern strukturelle Wachstumstreiber mit globaler Relevanz.
China: Wachstumswerte trotz makroökonomischer Herausforderungen
China bleibt ein attraktives Umfeld für Investoren, die auf Unternehmen mit hoher Wachstumsdynamik setzen – also auf Firmen, deren Umsatz in den kommenden drei Jahren jährlich um mehr als 20 Prozent zulegen dürfte. Im globalen Aktienindex MSCI ACWI stammt mehr als ein Drittel dieser High-Growth-Unternehmen aus China.
«Die heimische Innovation gewinnt in China zunehmend an Bedeutung.»
Gleichzeitig sieht sich das Land mit mehreren makroökonomischen Herausforderungen konfrontiert: Der angeschlagene Immobiliensektor belastet die Wirtschaft, der private Konsum bleibt verhalten und geopolitische Unsicherheiten halten an. Dennoch sprechen zwei wesentliche Faktoren für den chinesischen Markt.
Erstens verfolgt die Regierung inzwischen eine klar wachstumsorientierte Innenpolitik. Unterstützende Massnahmen für Konsum, Kapitalmärkte, Unternehmertum und den Privatsektor markieren einen deutlichen Kurswechsel gegenüber der restriktiveren Phase zwischen 2021 und 2023. Zweitens gewinnt die heimische Innovation zunehmend an Bedeutung. Lokale Innovationsdynamiken breiten sich immer stärker aus – bis hinein in fortgeschrittene Produktionstechnologien und künstliche Intelligenz.
Auch aus Bewertungssicht bleibt China interessant. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des MSCI China liegt bei 10,8, während der globale Aktienindex mit 18,2 bewertet ist. Allerdings dominieren im chinesischen Markt private Anlegerströme, was punktuell zu Überbewertungen einzelner Titel oder Sektoren führen kann. In diesem Umfeld ist eine aktive und sorgfältige Titelauswahl entscheidend.
Indien: Makroökonomisches Potenzial mit Bewertungsrisiken
Auch Indien verfügt über erhebliches Wachstumspotenzial, insbesondere auf makroökonomischer Ebene. Mit einem Pro-Kopf-BIP von unter 3’000 US-Dollar bietet das Land weiterhin strukturellen Aufholbedarf. Zudem schaffen jüngste Reformen im Arbeitsrecht eine solide Grundlage für eine Wiederbelebung des verarbeitenden Gewerbes.
«Die Herausforderung liegt in Indien in der Bewertung des Aktienmarktes.»
Trotz dieser vielversprechenden Chancen liegt die Herausforderung jedoch in der hohen Bewertung des Aktienmarktes. In den letzten Jahren sind rund 100 Millionen lokale Erstinvestoren in den Markt eingetreten, da eine verbesserte digitale Infrastruktur – von Zahlungssystemen bis hin zu kostengünstigen Datenverbindungen – den Zugang erleichtert hat. Dies hat insbesondere die Aktienkurse kleinerer und mittlerer Unternehmen stark beflügelt – oft trotz nur begrenzter fundamentaler Verbesserungen.
Trotz einer unterdurchschnittlichen Performance im Jahr 2025 bleibt der indische Markt, im Vergleich zu anderen Schwellenländern, insgesamt anspruchsvoll bewertet. Entsprechend ist auch hier eine selektive Herangehensweise angezeigt, mit Fokus auf Unternehmen mit robusten Geschäftsmodellen und angemessenen Bewertungsmultiplikatoren. Im Rahmen eines breit diversifizierten Schwellenländerportfolios können zudem andere Märkte derzeit attraktivere Opportunitäten bieten.
Drei strukturelle Pfeiler des Aufwärtstrends
Insgesamt bleiben die Aussichten für Schwellenländer konstruktiv. Drei zentrale Faktoren sprechen für eine Fortsetzung des positiven Trends.
Erstens haben sich viele Schwellenländer makroökonomisch widerstandsfähiger aufgestellt. Laut IWF weisen die Leistungsbilanzen einen soliden Überschuss auf. Die Handelsbilanzen entwickeln sich positiv, während die Abhängigkeit ausländischer Finanzierungen zurückgeht. Dies steht in starkem Kontrast zu den USA, wo sich die Defizite in den letzten Jahren ausgeweitet haben. Für exportorientierte Schwellenländer wird es daher zunehmend attraktiv, ihre Dollarüberschüsse im Inland zu reinvestieren.
«Unternehmen aus Schwellenländern sind in zentralen Zukunftsbranchen unverzichtbar.»
Zweitens bleibt die globale Investorenallokation in Schwellenländer niedrig. Rund zwei Drittel der international diversifizierten Portfolios sind in diesem Segment untergewichtet – was erhebliches Aufholpotenzial signalisiert.
Drittens spielen Schwellenländer eine immer wichtigere Rolle für die Weltwirtschaft. Unternehmen aus diesen Regionen sind in zentralen Zukunftsbranchen unverzichtbar; etwa bei Halbleitern, in der Energiewende. Man denke beispielsweise an chinesische Batteriehersteller oder Produzenten kritischer Rohstoffe in Lateinamerika, sowie in Bereichen, die unseren Alltag prägen: E-Commerce, Videospiele, soziale Netzwerke, Elektrofahrzeuge oder Industrierobotik.
Diese Unternehmen sind längst keine spekulativen Nischenakteure mehr. Die erfolgreichsten unter ihnen sind profitabel, wachsen dynamisch und operieren in Märkten mit strukturellem Potenzial über mehrere Jahrzehnte hinweg. Schwellenländer holen nicht mehr nur auf – sie stehen zunehmend an der Spitze neuer Konsummuster und innovativer Geschäftsmodelle.
Qian Zhang ist Investment Specialist bei Baillie Gifford.
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