Finanzmarktaufsicht: Bloss kein «Turmbau zu Basel»

Daniel Zuberbühler, der frühere Finma-Vizepräsident und heutige KPMG-Berater, plädiert für mehr Verhältnismässigkeit bei der Regulierung der Finanzbranche.

Daniel_Zuberbuhler_1

Von Daniel Zuberbühler, Director, Senior Financial Consultant bei KPMG Schweiz

1. Was haben wir erreicht?

Basel III: Der dringendste Reformbedarf nach der Finanzkrise 2008 betrifft den Bankensektor. Mit Basel 2.5 und III schafft der Basler Ausschuss die Trendumkehr zu mehr und qualitativ besserem Eigenkapital sowie erstmals einen globalen Mindeststandard zur Liquiditätsvorsorge.

Dazu gehören: Dominanz harten Kernkapitals zur vollen Verlustabsorption im laufenden Geschäftsbetrieb; erweiterte Risikoerfassung; Leverage Ratio als Ergänzung zu risikogewichteten Eigenmittelanforderungen; ein fixer und ein variabler, antizyklischer Kapitalpuffer sowie ein kurz- und ein mittelfristiger Liquiditätsstandard.

Obschon Basel III den Banken sehr grosszügige Übergangsfristen einräumt, haben die Märkte rasch die strengeren Endziele zum Massstab genommen. Über die umstritten gebliebenen Regeln zur Liquidität und zur Leverage Ratio wird erst nach längeren Beobachtungsphasen entschieden.

Kontrolle der nationalen Umsetzung

Der Basler Ausschuss belässt es aber nicht beim Erlass neuer Standards, sondern kontrolliert auch deren nationale Umsetzung (zeitlich und inhaltlich). Überprüft wird insbesondere die Konsistenz der Berechnung der risikogewichteten Aktiven, wo enorme Unterschiede zwischen Ländern, Banken und Berechnungsansätzen auffallen.

Dieses Vorhaben ist von zentraler Bedeutung, weil nach den Erfahrungen mit internen Modellen der Verdacht besteht, dass zur Eigenkapitaloptimierung die Risiken auch unter Basel III herunter gerechnet, anstatt echt eliminiert werden. Untergrenzen für interne Modelle, gemessen an den in der Regel strengeren Standardansätzen, müssten dieser Schwindsucht Einhalt gebieten.

Too big to fail – Rahmenwerk für systemrelevante Banken

Das auf Basel III aufbauende internationale Regelwerk für global systemrelevante Banken (G-SIBs), das von der schweizerischen Too big to fail (TBTF)-Gesetzgebung befruchtet wurde, ist ein beachtlicher Fortschritt. Im Vordergrund stehen zusätzliche, nach Systemrelevanz progressiv ausgestaltete Kapitalpuffer sowie Sanierungs- und Abwicklungsmassnahmen.

Die zusätzlichen Kapitalpuffer werden jedoch kaum ausreichen, um G-SIBs krisenfest zu machen, denn sie hängen wiederum von den manipulationsanfälligen risikogewichteten Aktiven ab. Das Gegengewicht einer strengeren Leverage Ratio für G-SIBs fehlt auf der internationalen Ebene; in der Schweiz ist die Leverage Ratio zwar progressiv ausgestaltet, aber leider so kalibriert, dass sie die risikogewichteten Anforderungen gar nicht übersteuern kann.

Das Massnahmenbündel zur Verbesserung der Sanierung und Abwicklung von G-SIBs ist umfassend. Indes bleibt offen, ob und wann das Ziel erreicht wird, dass komplexe, grenzüberschreitende Grossbanken ohne Belastung der Steuerzahler liquidiert werden können.

2. Was brauchen wir noch?

Prioritäten setzen und differenzieren: Nach dem schwer verdaulichen durch die Finanzkrise ausgelösten Regulierungs-Tsunami (er geht weit über Basel III und TBTF hinaus) muss die Priorität auf der Umsetzung des Beschlossenen, der Fertigstellung der offenen Baustellen und den Nachbesserungen liegen. Zudem ist dem Grundsatz der Verhältnismässigkeit und der differenzierten Regulierung wieder vermehrt Nachachtung zu verschaffen.

Skepsis ist deshalb angebracht gegenüber einer grenzenlosen Ausdehnung des Aufsichtssystems und der Jagd auf Schatten(bank)systeme. Lohnender ist die von Andrew Haldane geforderte Begrenzung des selbstzerstörerischen finanziellen Wettrüstens um Erträge, Geschwindigkeit (Hochfrequenzhandel mit Finanzwerten) und Sicherheit (zunehmende Verpfändung von Bankaktiven, sog. asset encumbrance).

Brauchen wir eine supranationale Aufsicht?

Eine supranationale Aufsicht über G-SIBs wäre an sich sinnvoll, aber auf globaler Ebene chancenlos. Die EU-Bankenunion mit einer Zentralisierung der Aufsicht über Banken der Eurozone bei der Europäischen Zentralbank bringt wegen ihrer regionalen Beschränkung und ohne Finanzplatz London für G-SIBs wenig.

Sie ist andererseits unrealistisch, wenn sie sich nicht auf systemrelevante Banken beschränkt, sondern alle Banken der Eurozone (und auf freiwilliger Basis anderer EU-Länder) umfasst. Das komplexe Aufsichtssystem der USA dient als abschreckendes Beispiel für Aufsichtspyramiden mit überlappenden Kompetenzen.

Der «Turmbau zu Basel»

Daniel_Zuberbuhler_qSchliesslich ist mit Andrew HaldaneThe dog and the frisbee») zu fragen, ob die als Reaktion auf die zunehmende Komplexität des Finanzsystems über die letzten Jahrzehnte gewachsene Komplexität des Aufsichtssytems mit einer Mischung von mehr Risikomanagement, mehr Regulierung und mehr Aufsichtsressourcen – der Turmbau zu Basel – nicht in die falsche Richtung führt. Haldane plädiert für eine radikale Kehrtwendung zu weniger, einfacheren, robusten Regeln und weniger, aber erfahrenerem Aufsichtspersonal.

Ein Übungsabbruch und back to basics liegt nach der vorher postulierten Priorität auf Umsetzung des Beschlossenen zwar momentant nicht drin, aber in der Tendenz müsste es bei der Fortsetzung der Reformen in die von Haldane aufgezeigte Richtung gehen.

Eine ausführlichere Fassung dieses Textes finden Sie unter diesem Link.

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden.

DAS BESTE IM WEB

Gute Stories und Links aus aller Welt

  • Gegen die romantische Verblödung
  • Deutsche Bank im Visier Chinas
  • Die nächste Blase platzt im Bong
  • Nackfotos für einen Kredit
  • Die Rendite ist weiblich
  • Das sind Trumps Einflüsterer
  • Diese TV-Stars verdienen am meisten
mehr

Follow us

Follow finews.ch on Twitter Follow finews.ch on Facebook Follow finews.ch on Google+ Follow finews.ch on LinkedIn Follow finews.ch on Xing Follow finews.ch on Youtube Follow finews.ch on Instagram Follow finews.ch

Newsletter

Newsletter-SymbolKostenlos abonnieren

Abonnieren Sie jetzt den finews.ch-Newsletter und Sie erhalten kostenlos 2x wöchentlich die wichtigsten News aus der Schweizer Finanzwelt per E-Mail.

Zürcher Bankenverband

News und Einschätzungen zum Zürcher Finanzplatz.

Beiträge lesen

Lohnvergleich

Lohnvergleich

Verdienen Sie genug? Vergleichen Sie doch mal Ihren Lohn.

zum Lohnvergleich

SELECTION

Wie Sie eine Kündigung richtig verarbeiten

Wie Sie eine Kündigung richtig verarbeiten

So reagiert man perfekt, wenn man plötzlich den blauen Brief kriegt.

Selection

NEWS GANZ KURZ

Allianz Suisse

Der Versicherer hat in der Romandie Wohn- und Büroimmobilien im Volumen von rund 290 Millionen Franken erworben. Dabei handelt es sich bislang um die grösste Immobilieninvestition in der Westschweiz für die Allianz Suisse. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds investiert der Versicherer verstärkt in Immobilien.

Swiss Re

Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

Swiss Life

Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

Die Zuger Immobilienfirma Varia US Properties hat am Donnerstag ihren ersten Handelstag an der Schweizer Börse SIX. Insgesamt wurden 3,5 Millionen Aktien zu einem Preis von 35 Franken ausgegeben. Varia konzentrier sich auf den US-Miethäusermarkt.

Banco Stato

Das Dotationskapital der Tessiner Kantonalbank wird massiv von 240 auf 500 Millionen Franken ausgeweitet. Dies teilte der Kanton Tessin als Eignerin des Instituts mit.

Geldwäscherei

Das vierte GAFI-Länderexamen zur Bekämpfung der Geldwäscherei und Terrorismus-Finanzierung stellt der Schweiz ein gutes Zeugnis aus. Nur Italien und Spanien schnitten bisher besser ab. Kritisiert wurde etwa, dass hierzulande der Schwellenwert für Bargeld-Transaktionen bei 25'000 Franken liegt. Das ist mehr als der vorgesehene GAFI-Schwellenwert von 15'000 Dollar.

Swiss Life

Der Immobilienfonds von Swiss Life REF Swiss Properties kauft eine Immobilie in der Innenstadt von Basel. Damit steigt der Wert des Immobilienportfolios auf 620 Millionen Franken. Zur Finanzierung weiterer Akquisitionen will Swiss Life dem Fonds weitere 100 Millionen Franken zuführen. Dies soll über eine Kapitalerhöhung geschehen. Geplant ist die Emission neuer Anteile mit einem Bezugsverhältnis von 5:1.

Temenos

Die staatliche ägyptische Housing and Development Bank, einer der grossen Hypotheken-Institute im nahöstlichen Land mit 1,5 Millionen Kunden, ist auf das Kernbanken-System von Temenos migriert. Der Genfer Bankensoftware-Hersteller wurde dabei von der ägyptischen Partnerfirma Masaref unterstützt.

weitere News