Welche Szenarien Vermögensverwalter jetzt einpreisen müssen
Die Schlagzeilen ändern sich derzeit schon fast im Stundentakt – und mit ihnen die Einschätzungen an den Finanzmärkten. Für Ökonomen bedeutet das vor allem eines: strukturieren, einordnen, antizipieren. «Wir versuchen, Fakten nüchtern zu sammeln, einzuordnen und daraus ein möglichst neutrales Bild zu entwickeln», sagt Thomas Heller im Podcast von finews. Entscheidend sei dabei das Denken in Szenarien: vom Basisszenario über optimistische Entwicklungen bis hin zu klar definierten Risikofällen.
Ölpreis als systemischer Risikofaktor
Auch wenn kurzfristige politische Signale wie Waffenruhen für Erleichterung sorgen können, sieht Heller keine nachhaltige Entspannung. «Der Markt ist weiterhin angespannt und das wohl auch zu Recht», sagt er. Die Unsicherheit bleibe hoch, da sich die Nachrichtenlage laufend verändere und selbst vermeintlich stabile Entwicklungen rasch wieder kippen könnten.
Besonders kritisch sieht der Ökonom mögliche Eskalationen im Nahen Osten vor allem mit Blick auf den Energiemarkt. Ein Worst-Case-Szenario wäre aus seiner Sicht eine deutliche Ausweitung des Konflikts ohne diplomatische Lösung: «Dann reden wir nicht mehr von 100 oder 110 Dollar pro Barrel, sondern von ganz anderen Dimensionen.»
Ein solcher Preisschock hätte unmittelbare Folgen: steigende Inflation, zunehmender Druck auf die Zinsen und letztlich Risiken für das globale Wachstum. «Im Extremfall könnte das die Weltwirtschaft an den Rand einer Rezession bringen», warnt Heller – auch wenn dies aktuell nicht das Basisszenario sei.
Europa unter Druck – strukturelle Schwächen treten offen zutage
Für Europa kommt die aktuelle Lage zur Unzeit. Die wirtschaftliche Erholung sei ohnehin fragil gewesen, nun drohe zusätzlicher Gegenwind. «Die Wachstumspflanze war zart – und sie wird einen Dämpfer erleiden», sagt Heller.
Gerade deshalb sieht er Reformbedarf: Initiativen wie der Wettbewerbsbericht von Mario Draghi lieferten genügend Ansatzpunkte. Entscheidend sei nun die Umsetzung – insbesondere in Deutschland, wo Heller eine ernüchternde Zwischenbilanz zieht: «Der grosse Wurf ist bislang ausgeblieben.»
Als zentrale Bremsfaktoren identifiziert er Bürokratie, langwierige Prozesse und politische Kompromisszwänge. Selbst finanzpolitische Instrumente wie das Sondervermögen würden ihr Potenzial nur begrenzt entfalten, wenn Mittel nicht zielgerichtet in zusätzliche Investitionen fließen.
Schweiz als relativer Gewinner geopolitischer Unsicherheit
Inmitten dieser Unsicherheiten könnte die Schweiz einmal mehr ihre klassische Stärke ausspielen. «Stabilität und Sicherheit sind zentrale Faktoren – und genau diese werden aktuell in anderen Finanzplätzen infrage gestellt», sagt Heller.
Insbesondere aufstrebende Zentren im Nahen Osten oder in Asien könnten temporär an Attraktivität verlieren, sollte die geopolitische Lage weiter eskalieren. Die Schweiz hingegen positioniere sich als verlässlicher Anker. «Ich glaube, vorübergehend könnte sie klar profitieren.»
Langfristig relativiert Heller jedoch: Der Wettbewerb zwischen Finanzplätzen bleibe intakt, und Wachstumsunterschiede seien auch strukturell bedingt. Reife Märkte wie die Schweiz wüchsen naturgemäß langsamer als aufstrebende Regionen.
Mehr dazu im Podcast von finews.
finews-TV auf Youtube
finews.ch bietet im eigenen Youtube Web-TV-Kanal regelmässig Beiträge und Interviews mit Persönlichkeiten aus der Schweizer Finanzbranche.
Abonnieren Sie jetzt finews-TV, damit Sie automatisch über neue Beiträge informiert werden.

















