Meerapfel: Zigarren mit 400 Jahren Geschichte

Hut, Sonnenbrille und einer Stimme voller Leidenschaft: Jeremiah Meerapfel, Chef des gleichnamigen Tabak- und Zigarrenkonglomerats Meerapfel, ist eine imposante Erscheinung, die dem Piraten-Epos, das er erzählt, durchaus zur Ehre gereicht. 

An einem Abend im Zürcher Fachgeschäft Manuel's nahm der Zigarren-Unternehmer sein Publikum mit auf eine Reise: von Wurzeln in der frühen Neuzeit bis zu einem Ultra-Premium-Produkt, das jahrzehntelang reift.

Von Anekdoten gespickte Erzählungen

Man merkt dem Mann die Begeisterung für sein Handwerk sofort an. Seine Passion überträgt sich auf die Zuhörer, die seinen von Anekdoten gespickten Erzählungen lauschen – und dabei eine aussergewöhnliche Zigarre rauchen.

Meerapfels Geschichte beginnt tatsächlich mit Piraten. Vorfahren seiner Familie sollen im 16. Jahrhundert Tabak zwischen der Neuen und der Alten Welt gehandelt haben – zu einer Zeit, als Christoph Kolumbus (1451–1506) die Pflanze gerade erst «entdeckt» hatte. Wegen der Inquisition landete die Familie schliesslich in einem kleinen Dorf nahe Coburg in Deutschland.

Ein Name wie ein Schicksal

Der Familienname selbst ist Programm: «Meer» steht im Deutschen für das Meer – ein Name, der laut Familienüberlieferung von den Seefahrern abgeleitet ist. Im Aramäischen, so Meerapfel, bedeute der Ursprungsname Arafel «Rauch» – passend für eine Familie, die ihr Handwerk dem Tabak widmete. Daraus wurde im Laufe der Jahrhunderte «Meerapfel».

1876 eröffnete die Familie ihre erste Zigarrenmanufaktur in Karlsruhe , Deutschland – ein Datum, das noch heute auf den Banderolen der Meerapfel-Zigarren erscheint. Danach führte der Weg nach Kuba. Der Grossvater wurde dort zum grössten Exporteur kubanischen Tabaks seiner Zeit. Mit der Revolution 1959 war dieser Lebensabschnitt vorbei.

Das Cameroon-Wunder

Er verliess Kuba mit einer Handelslizenz für kubanischen Tabak, gewissen Vertriebsrechten für kubanische Zigarren in Europa – und wandte sich einer anderen Weltgegend und einem ganz besonderen Rohstoff zu. Jener Rohstoff wächst im Regenwald an der Grenze zwischen Kamerun und der Zentralafrikanischen Republik, mitten im zweitdichtesten Wald der Erde. Der Cameroon-Tabak war damals der Rohstoff der französischen Schwarztabak-Zigarettenindustrie – sein Potenzial als Deckblatt für Premiumzigarren hatte noch niemand erkannt.

Als die Franzosen die Produktion in den 1990er-Jahren einstellten, drohte eine Katastrophe: 40'000 direkte Arbeitsplätze, über eine halbe Million Menschen indirekt betroffen. Jeremiahs Vater Richard fuhr spontan von Brüssel nach Paris und kaufte der Regierung das Monopol ab. Danach bauten die grossen Zigarrenmarken aus der Dominikanischen Republik und Honduras ihre Luxuslinien auf genau diesem Blatt auf.

Ein gebrochenes Herz als Gründungsmoment

2003 änderte sich alles erneut. Ein Putsch in der Zentralafrikanischen Republik führte zur Enteignung aller Betriebe. Richard Meerapfel, der im Land mehr Schulen und Kliniken gebaut hatte als manche Regierungen, verlor sein Lebenswerk – und erlitt kurz darauf einen Herzinfarkt. Er starb.

Aus diesem Verlust entstand der Antrieb für eine eigene Marke. Die Söhne Jeremiah und Joshua Meerapfel stellten sich eine Frage: Wie verändert man nach 400 Jahren Erfahrung die Mechanik des Tabaks selbst? Meerapfel vergleicht das Ziel mit dem eines Bugatti oder Pagani – kein Alltagsprodukt, sondern Ingenieurskunst auf höchstem Niveau.

27 Jahre Reife im Brüsseler Lager

Die Antwort liegt in Fermentation und Aging. Je intensiver die Fermentation, desto reiner der Tabak – aber auch desto grösser der Schwund. Die meisten Hersteller akzeptieren Ausbeuteverluste von 10 bis 50 Prozent. Der Cameroon-Tabak für die Ultra-Premium-Linie «Meerapfel Créateur Cigarier» hingegen wird so radikal fermentiert, dass am Ende gerade noch 7 Prozent übrig bleiben. Das macht ihn zum teuersten Deckblatt der Branche.

Dieser Tabak lagert dann nicht in Kühlräumen in der Karibik, sondern in Brüssel. In den Lagerhäusern der Familie reifen die Tabake natürlich, ohne Temperaturkontrolle – wie ein Bordeaux im Château-Keller. Der Tabak in den Zigarren, die Meerapfel im Manuels präsentierte, war 27 Jahre alt.

Eleganz im Rauch

An diesem Abend wurden zwei Zigarren gereicht: die La Estancia Edición Exclusiva 50 und die Ernest Churchill. Beide verkörpern das Versprechen der Familie: eine lange Metamorphose von Kraft in Aroma. Die La Estancia – eine Hommage an das kubanische Erbe des Hauses – überzeugt mit cremigen, nussigen Noten, einem Hauch Cappuccino und samtweiches Mundgefühl. Die Ernest Churchill, benannt nach dem Firmenpatriarchen Ernest Meerapfel (1885 - 1964), ist ein mittelschwerer, elegant konstruierter Longfiller, dessen langer Abgang von der aussergewöhnlichen Tabakqualität zeugt.

Beide Zigarren verbrennen dank des entgifteten Tabaks gleichmässig und ohne die typische Aufwärmphase der ersten Drittel. «Wir nehmen Kraft und verwandeln sie in Geschmack», sagt Meerapfel – und man glaubt es ihm, wenn man ihn raucht.

Schweizer Markt im Visier

Für den Schweizer Markt hat Meerapfel laut dem Fachmagazin «Cigar» mit der Compañia de Tabacos einen neuen Vertriebspartner gefunden, der ab sofort aus einem Lager in Dübendorf liefert. «Die Schweiz war für uns immer ein wichtiger Markt und liegt uns besonders am Herzen», sagt Jeremiah Meerapfel. Die Unternehmensgeschichte, erklärt er, habe enge Bezüge zur Schweiz.

Dass sie den Markt jetzt aktiver bearbeiten, überrascht nicht – überraschend sind allenfalls die Zigarren selbst: In einer Branche voller Versprechen sind sie eines der authentischsten Produkte, die halten, was sie ankündigen.