Warum tokenisierte Anleihen mehr sind als ein Trend


In dieser Rubrik nehmen Autorinnen und Autoren Stellung zu Wirtschafts- und Finanzthemen.


Wer über tokenisierte Anleihen spricht, landet schnell bei Blockchain, Krypto oder digitaler Disruption. Das greift zu kurz. Im Kern geht es nicht um Technologiebegeisterung, sondern um Marktinfrastruktur – und um die Frage, ob Kapitalmärkte organisatorisch noch zeitgemäss aufgestellt sind.

Eine Anleihe bleibt eine Anleihe. Rückzahlungsansprüche, Rangordnung und rechtliche Durchsetzbarkeit sind klar definiert. Die Tokenisierung verändert nicht das Rechtsinstrument, sondern die Art und Weise, wie Emission, Eigentumsverhältnisse und Zahlungsströme dokumentiert und abgewickelt werden. Der Unterschied liegt im Hintergrund. Statt fragmentierter Systeme, manueller Abstimmungen und zeitverzögerter Bestätigungen entsteht eine konsistente digitale Erfassung. Das klingt unspektakulär, ist für professionelle Investoren jedoch hochrelevant.

«Tokenisierung reduziert operative Reibung – und operative Reibung ist ein Kostenfaktor.»

Institutionelle Anleger interessieren sich nicht für technologische Schlagworte, sondern für Verlässlichkeit. Wer hält welche Position? Wann sind Zahlungen erfolgt? Wie lassen sich Ansprüche eindeutig nachvollziehen? In klassischen Strukturen sind diese Informationen vorhanden, aber oft über Verwahrstellen, Zahlstellen und interne Systeme verteilt. Tokenisierte Anleihen bündeln diese Abläufe in einer einheitlichen Infrastruktur. Transaktionen werden fortlaufend dokumentiert, Eigentumsverhältnisse klar abgebildet und Zahlungsströme transparent erfasst. Das reduziert operative Reibung – und operative Reibung ist im professionellen Kapitalmarkt ein Kostenfaktor.

Zusätzliche Refinanzierung statt Ersatz

Für Direktkreditgeber eröffnet die Tokenisierung eine zusätzliche Refinanzierungsmöglichkeit, die bestehende Bankfazilitäten oder Fondsstrukturen ergänzt, jedoch nicht ersetzt. Kreditportfolios oder Forderungen lassen sich über ein für Investoren vertrautes Anleiheinstrument strukturieren, während Abwicklung und Transparenz effizienter werden. Besonders relevant ist das in Schwellen- und Grenzmärkten, in denen der Zugang zu institutionellem Kapital weniger an der Bonität scheitert als an geografischen, währungsbezogenen oder infrastrukturellen Hürden.

«Der Einwand, neue Technologien würden Regulierung unterlaufen, greift zu kurz.»

Für Betreiber und Finanzintermediäre liegen die Vorteile häufig im operativen Bereich. Automatisierte Abwicklungs- und Zahlungsprozesse reduzieren Abstimmungsrisiken, und eine gemeinsame digitale Infrastruktur schafft eine konsistente Grundlage für Eigentumsverhältnisse und Cashflows. Interne Kontrollen bleiben zentral. Doch administrative Reibungsverluste, die Kosten verursachen, ohne zusätzlichen Mehrwert zu schaffen, lassen sich deutlich verringern.

Auch für impact-orientierte Investoren entsteht ein zusätzlicher Nutzen. Die Tokenisierung ersetzt nicht die Solidität etablierter Anleihestrukturen mit klaren Emissions- und Offenlegungsanforderungen. Sie kann jedoch die laufende Transparenz über Eigentumsverhältnisse und Zahlungsströme erhöhen, indem diese Informationen strukturell in der Infrastruktur verankert werden. Rechenschaft entsteht damit nicht durch zusätzliche Reportingpflichten, sondern durch die Ausgestaltung der Prozesse selbst.

Regulierung und Marktstruktur

Noch bewegen sich tokenisierte Emissionen meist in überschaubaren Grössenordnungen. Wer darin einen Makel sieht, verkennt die Dynamik von Marktstrukturen. Kapitalmärkte entstehen nicht allein durch Volumen, sondern durch funktionierende Prozesse und Vertrauen. Gerade kleinere Transaktionen zeigen, ob rechtliche Einbettung, regulatorische Abstimmung und operative Abwicklung sauber ineinandergreifen.

Der Einwand, neue Technologien würden Regulierung unterlaufen, greift zu kurz. Wo Transaktionen digital und lückenlos dokumentiert werden, entstehen kontinuierliche Prüfpfade statt punktueller Kontrollen. Voraussetzung ist eine saubere rechtliche Struktur. Tokenisierung ist kein rechtsfreier Raum. Sie entfaltet ihren Mehrwert nur innerhalb bestehender Rahmenbedingungen. Technologie ersetzt keine Regulierung, sie kann regulatorische Anforderungen jedoch effizienter und nachvollziehbarer abbilden.

«Der spekulative Überschwang rund um Blockchain ist weitgehend verflogen. Das ist kein Verlust.»

Tokenisierte Anleihen werden traditionelle Kapitalmärkte nicht verdrängen. Dafür gibt es keinen Anlass. Aber sie erweitern den Instrumentenkasten – insbesondere für Investoren, die Wert auf transparente Prozesse, klare Eigentumsverhältnisse und effiziente Abwicklung legen.

Der spekulative Überschwang rund um Blockchain ist weitgehend verflogen. Das ist kein Verlust. Denn jenseits der Schlagzeilen bleibt eine nüchterne Erkenntnis: Wenn bewährte rechtliche Strukturen mit zeitgemässer Infrastruktur kombiniert werden, entsteht Mehrwert.

Nicht spektakulär. Aber strukturell relevant.


Louiza Savchenko ist Chief Legal Officer bei MK Global Kapital.