Wie sich Investoren für die nächste Ära der Medizin rüsten
Longevity – das mag nach einem elitären Wellness-Trend klingen. Effektiv adressiert Longevity eine der grössten Fragen der Menschheit: den Silver Tsunami. Bis 2030 wird jeder sechste Mensch über 60 Jahre alt sein. Die Zahl der Menschen im Alter von 80 Jahren und älter wird sich zwischen 2020 und 2050 voraussichtlich verdreifachen. Dieses demografische Ungleichgewicht droht Renten- und Gesundheitssysteme in arge Schieflage zu bringen, wenn die Gesundheitsdauer in alternden Populationen nicht verbessert wird.
Der Longevity Investors Lunch will die Arche vor diesem Tsunami sein. Die jährlich in Davos stattfindende Konferenz ist ein Knotenpunkt für Longevity-Wissenschaft und Kapital. Ziel ist es, Longevity-Innovation vom Labor in die Praxis zu bringen und gleichzeitig die neuesten Durchbrüche zu teilen. finews war bei diesem exklusiven Lunch vor Ort.
Das nächste Kapitel der Gesundheit: Ultra-Personalisierung
Der Event in Davos geht an einem geschichtsträchtigen Ort über die Bühne: Es ist jener Raum, in dem Yassir Arafat, Ehemaliger Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, und Israels ehemaliger Staatspräsident Shimon Peres 1994 die WEF-Friedensgespräche führten.
Wo damals Spitzenpolitiker verhandelten, sitzen nun zwischen feinstem Porzellan und Vitalküche Investoren mit gerunzelter Stirn und lauschen aufmerksam den führenden Longevity-Wissenschaftlern. Der Konsens der Präsentationen: Langlebigkeit liegt in der Ultra-Personalisierung. «Das Markenzeichen der Medizin der letzten 200 Jahre war ein durchschnittlicher, generalisierter Mensch, den es in der Realität gar nicht gibt», sagt Isaac Bentwich, Gründer und CEO von Corex. Die aktuelle Longevity-Forschung bewegt sich weg von Einheitslösungen für ein generisches Krankheitsbild hin zu mikroanalytischen Profilen einzelner Menschen, bei denen Probleme individuell behandelt werden.
Zum Beispiel kann die Ursache für die beschleunigte Alzheimer-Entwicklung bei einer Person völlig anders sein als bei einer anderen. Andrea Gartenbach, Gründerin des Longevity-Spezialisten Axmann Gartenbach, erklärt, dass dieser granulare, profilbasierte Ansatz inzwischen auch auf Elternschaft ausgeweitet wird. Ihre Klinik bietet genetische Kompatibilitätstests für werdende Eltern an, um die Wahrscheinlichkeit von Krankheiten bei Nachkommen vorherzusagen. Unterdessen arbeitet Neven Piculjan mit seinem Unternehmen Aion an massgeschneiderten Therapien zur Bio-Optimierung von Männern. «Seit den 1980er Jahren sinkt der Testosteronspiegel der Männer jährlich um 1 Prozent», sagt er.
Gleichzeitig wächst der Markt für Männergesundheit jährlich und liegt inzwischen bei 1,42 Billionen Dollar, was die Entstehung weiterer geschlechtsspezifischer Start-ups im Longevity-Bereich beflügelt.
Family Offices bauen eigene Gesundheitsinfrastruktur
Ultra-Personalisierung beschränkt sich jedoch nicht mehr auf einzelne Patienten. Sie wird zunehmend auch von Family Offices selbst umgesetzt. Nach Aufbau eigener Banking- und Investment-Ökosysteme gestalten sie nun ihre eigene, massgeschneiderte Gesundheitsinfrastruktur. Jordan Shlain, Gründer und Vorsitzender von Private Medical, sieht den Aufstieg der Concierge-Medizin als Eckpfeiler dieses Wandels.
Mit Sitz in den USA arbeitet Shlain mit CEOs, Prominenten und Profisportlern und bietet rund um die Uhr medizinische Versorgung, eng koordinierte Spezialistenbetreuung und langfristige Gesundheitsstrategien statt punktueller Behandlungen. Er betrachtet private medizinische Infrastruktur als natürliche Erweiterung eines Family Offices, integriert in dessen finanzielle Architektur.
«Es ist die Zeit für Medizin 3.0»
Viele Menschen kennen das Gefühl, beim Arzt nicht richtig gehört zu werden, doch in der Longevity-Forschung wird jetzt genauer zugehört als je zuvor. «KI kombiniert mit fortschrittlicher Biologie ermöglicht es Ihnen, mit ihrer Leber zu sprechen», sagt Bentwich. Man werde das Biofeedback der Organe hören und fühlen können, sagt er. Bentwich und sein Team koppeln KI mit miniaturisierter Biologie, um Bio-Avatare von Organen auf Chips zu erstellen. «Stellen Sie sich vor, Sie halten eine kleine Version ihres schlagenden Herzens in der Hand», fügt er hinzu. Derzeit steht diese Technologie kurz vor dem Einsatz in klinischen Studien. «Jetzt ist die Zeit für Medizin 3.0», sagt Bentwich.
In naher Zukunft sei ein zusätzliches Jahrzehnt gesunder Lebenszeit durchaus erreichbar. Dazu gehören digitale Patientenakten und genetische Daten, die in ethische KI eingespeist werden, um bessere Medikamente zu entwickeln.
Warnung vor Wellness-IV-Fällen
Wer nun von der Longevity-Bewegung inspiriert ist, könnte versucht sein, eigenständig Nahrungsergänzungsmittel zu nehmen. Die Sprecher beim Longevity Investors Lunch warnten jedoch, dass dies oft mehr Schaden als Nutzen bringt. Shlain erzählt von einem Kunden, der eine kommerziell erhältliche L-Carnitin-Injektion nach Empfehlung von Freunden einnahm, die angaben, sie fühle sich «grossartig». Laboruntersuchungen zeigten, dass das Supplement zwei MDMA-verwandte Verbindungen sowie das Herbizid Prosulfocarb enthielt. Shlain warnt auch vor sogenannten Wellness-IVs, da die meisten Infusionsbeutel und Schläuche mehr als 50'000 Nanoplastikpartikel pro Liter in den Blutkreislauf abgeben können.
Der lukrative Preis eines zusätzlichen Lebensjahres
Ein letztes Fazit des Lunches: Wenn Lebensspannen variabel werden, reagieren auch die Märkte. «Longevity ist keine Gesundheitsbedingung. Sie ist eine gesellschaftliche Herausforderung und die grösste wirtschaftliche Kraft unserer Generation», sagt Bentwich. Das Ausmass dieser Kraft ist bereits sichtbar: Laut MIT Technology Review würde ein Unternehmen, das das menschliche Leben um nur schon ein Jahr verlängert, mit 200 Milliarden Dollar bewertet werden. Ein Unternehmen, das GLP-1-Agonisten einsetzt, Medikamente, die Studien zufolge bereits ein zusätzliches Lebensjahr ermöglichen, verzeichnete eine Bewertung von fast einer halben Billion Dollar.
Firmen wie Eli Lilly, die orale GLP-1-Therapien entwickeln, nähern sich sogar einer Billionenbewertung. Das Wertvollste, das wir besitzen, ist das Leben selbst und Longevity tritt zunehmend als das Investmentthema auf, das genau diesen Wert widerspiegelt.













