Die nächste Kreditkrise in der Schweiz?

Die inländischen Kredite steigen stärker als das Wirtschaftswachstum. Das nährt eine Blase. Welche Verantwortung tragen dabei die Banken? Eine Einschätzung von Finanzprofessor Martin Spillmann.

Von Martin Spillmann (Bild), Dozent an der Hochschule Luzern/Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ

Martin Spillmann 185Der Schweizer Wirtschaft sagt das SECO für 2014 ein Wachstum von 2 Prozent voraus. Interessant: Während das Bruttoinlandprodukt (BIP) 2 Prozent zulegt, wachsen die inländischen Kredite 4 Prozent. Wenn Kredite schneller wachsen als das BIP, und sich die Kreditvergabe vom BIP abkoppelt, ist das ein Zeichen eines Kredit-Booms und der Gefahr, dass Ungleichgewichte und Blasen entstehen.

Zwar erreicht die Schweizer Privatverschuldung nicht ein Ausmass wie beispielsweise in Island vor der Krise. Zu denken geben sollte aber Folgendes: Während sich Island wieder normalisierte, geschah in der Schweiz das Gegenteil: Das Kreditvolumen wächst seit 2009 absolut und relativ zum BIP stark an.

Seit einiger Zeit warnt auch die Schweizerische Nationalbank (SNB) vor dieser Entwicklung. «Credit – Is the sky the limit?», fragte Direktionsmitglied Jean-Pierre Danthine unlängst rhetorisch, und unterlegte die Frage mit folgenden Grafiken:

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Abbildung 1: «Credit – Is the sky the limit?», Vortrag in Genf von J.-P. Danthine (2013)

Gemäss der linken Grafik wachsen die inländischen Kredite seit 2007 jährlich – mit Schwankungen – im Durchschnitt um die 4 Prozent. Die rechte Grafik zeigt: Lag das Verhältnis der Kredite zum BIP früher traditionell bei 150 Prozent, so stieg es in kurzer Zeit auf 170 Prozent.

Übrigens sind 145 Prozent dieser 170Prozent Hypotheken. Damit stehen Retail-Banking-Aktivitäten im Zentrum des Geschehens.

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Abbildung 2: Liborsatz für 3-Monatsdepots (Quelle: SNB)

Natürlich wissen wir: Die Kreditnachfrage in der Schweiz ist eine Folge der seit 2008 (zu) tiefen Zinsen. Es waren auch die tiefen Zinsen, die den inlandorientierten Banken viel Kundengeld bescherten, womit sich das Kreditwachstum problemlos refinanzieren liess. Was aber, wenn die Zinsen steigen?

Das Problem wird verschärft, indem heute auch die grossen inlandorientierten Banken systemrelevant sind. Damit ist nahezu das gesamte inländische Kreditgeschäft staatlich garantiert. Damit sind die Behörden herausgefordert.

Was können die Behörden tun?

Nach der Finanzkrise 2008 sahen wir vier Arten behördlicher Massnahmen:

  • Umverteilen: Der Staat übernimmt Schulden des Finanzsektors
  • Zinsen senken: Banken sollen sich günstiger refinanzieren und die Wirtschaft mit neuen Krediten versorgen
  • Einnahmen erhöhen: Wenn auch neue Steuern das Wachstum behindern
  • Gläubiger mussten abschreiben: Das ging in Island und in Zypern gut, in kleinen Ländern und zulasten ausländischer Schuldner. In der Schweiz funktioniert das nur auf Grundlage von Vereinbarungen wie etwa bei Coco Bonds. Ökonomen sind sich einig: Abschreiben ist die beste Medizin, wenn auch politisch die schwierigste.

Mögliche Massnahmen vor einer Finanzkrise wären:

  • Den Überschwang dämpfen: Kreditvergabe erschweren (den Vorbezug von Vorsorgegeldern einschränken); Zinsen erhöhen (sofern es die Währung zulässt)
  • Kapital im System erhöhen: Mehr Kapital und antizyklische Puffer bei den Banken; mehr Eigenkapital bei den Privatschuldnern
  • Planspiele: Notfallpläne für systemrelevante Banken vorbereiten
  • Strukturmassnahmen: Z.B. Banken trennen und verkleinern, und die Konkursdrohung des Marktes aktivieren. Aus marktwirtschaftlicher Optik wäre dies die beste Massnahme, wenngleich politisch wohl unrealistisch.

Die Schweizer Behörden bremsen den Kredit-Boom dort, wo sie können, also mittels 1. bis 3. Während der letzten Rezession hiess es einmal: «Der Aufschwung beginnt im Kopf». Nun wird auch für die Stabilisierung an den Kopf appelliert. Neu ist das nicht, denn Mythologie und Religion sind reich an Mahnungen zur Mässigung.

Was machen die Schweizer Retailbanken?

Natürlich tragen auch die Banken Verantwortung. Ihre Kreditstrategie sollte sich nicht an der Konjunktur, sondern am Kreditzyklus orientieren. Mögliche Leitsätze könnten sein:

  • Zurückhaltung: Mit den Eigentümern und anderen Anspruchsgruppen eine langfristige Kreditstrategie – allenfalls auch auf Kosten kurzfristiger Erträge – vereinbaren und umsetzen.
  • Modellskepsis: Mathematischen und konjunkturorientierten Risikomodellen, die den Kreditzyklus vernachlässigen (z.B. Value-at-Risk) ist zu misstrauen.
  • Kapital: Auch die Kapitalplanung sollte sich nicht am Konjunkturzyklus, sondern am Kreditzyklus orientieren. Ein gutes Polster schadet nie.
  • Refinanzierung: Eine langfristige Bilanz ergänzt Kundengeld mit Anleihen und Pfandbriefdarlehen.

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Swiss Re

Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

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Swiss Life Asset Managers erweitert ihr Immobilienportfolio in Deutschland um das Wohn- und Geschäftshaus Bernsteincarré in Leipzig. Auf 6'500 qm Mietfläche werden Geschäfte, Gastronomie und Büros entwickelt. Hinzu kommen 18 Wohnungen. Das Projekt befindet sich aktuell im Bau, die Fertigstellung ist für 2017 vorgesehen.

Syz Asset Management

Am 1. Dezember hat der internationale Vermögensverwaltungs-Arm der Genfer Bank Syz eine Niederlassung in München eröffnet. Wie finews.ch exklusiv berichtete, wird die Niederlassung von Michael Schlieper, Region Head Deutschland und Österreich, geleitet.

Varia US Properties

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