Erst den Armen dienen, dann Geld verdienen

Das Kirchenoberhaupt von England will jungen Bankern erst Ethik und Beten beibringen, bevor sie ihrem Metier in der «City» nachgehen. Ist das bloss der weltfremde Traum eines Moralapostels oder die Rettung der Finanzindustrie?

Junge Banker müssen erst Gott erfahren, Ethik und Philosophie studieren und den Armen dienen. Dann sind sie auf die Welt der Banken und Finanzen vorbereitet. Das ist nicht der fromme Wunsch irgendeines Kirchenmannes. Es ist der Erzbischof von Canterbury, Justin Welby (Bild), der eine solche Initiative in Vorbereitung hat, wie die britische Zeitung «The Telegraph» berichtete.

Englands Kirchenoberhaupt möchte «ehrgeizige» junge Banker überzeugen, ihren Job in der «City» für ein Jahr aufzugeben, um in eine klösterliche Gemeinschaft einzutreten, wo sie beten und den Armen dienen könnten. Welby selber wäre der Abt dieser Gemeinschaft, die St. Anselm heissen würde. Seine Idee wurde von der Bank of England angestossen, die in ihrem Bestreben, den Finanzplatz zu reformieren, bei Welby Rat holte.

Aus natürlichem Ehrgeiz ins Kloster

Würde sich die Führungskultur innert der nächsten fünf Jahre nicht ändern, führe dies zu «sehr schweren Konsequenzen in der Finanzindustrie, nämlich Überregulierung und weitere Jahrzehnte des Mangels an Vertrauen», so Welby, selber ein früherer Öl-Manager. Er glaube, dass die Banker allein aufgrund ihres «natürlichen Ehrgeizes» seinem Aufruf folgen würden.

Wenn er sich da nicht mal täuscht. Nächstenliebe und Ethik sind bislang nicht als Antrieb und Motivation für junge Berufseinsteiger bekannt gewesen, in der Finanzindustrie Karriere zu machen. Eine nüchterne Leidenschaft für die Rationalität der Märkte, ein Flair für Zahlen und einen ausgeprägten Wettbewerbssinn sind wohl eher die Veranlagungen, die auf Banker zutreffen. Und der Antrieb, Geld zu verdienen.

Manche Banker vollbringen Gottes Werk

Von Lloyd Blankfein weiss man, dass er bloss «Gottes Werk» verrichtet. Jedenfalls sagte dies der Goldman-Sachs-Chef 2009 in einem Interview. Goldman Sachs ist aber wohl jene Bank, welche das «making money» soweit zur Unternehmenskultur erhoben hat, dass Moral, Fairness und Rücksicht weit zurückbleiben.

In den führenden globalen Finanzinstituten hat sich die Unternehmenskultur teilweise so pervertiert, dass Übervorteilung, Betrug und Manipulationen zum «courant normal» gehören. Als Reaktion haben Institute wie die Deutsche Bank oder die UBS einen internen Kulturwandel verordnet. Andere Institute verlangen von ihren Angestellten, einen Ehrenkodex zu unterschreiben.

Regulatoren drohen mit engeren Fesseln

Ob diese Reaktionen nun aus Einsicht, aus Imagegründen, aus reinem Selbstschutz und Furcht vor weiteren Milliardenklagen oder auf Druck von Regulatoren erfolgten, sei dahin gestellt.

Dem Erzbischof geht es nicht jedenfalls einfach darum, «Lämmchen» um sich zu scharen. Seine Initiative fusst auf eigenen Erfahrungen und Beobachtungen und wohl auch einer Ernüchterung über die Entwicklungen in der Finanzindustrie seit ihres selbstverschuldeten «Beinahe»-Untergangs im Jahr 2008.

Er möchte die Finanzindustrie ermächtigen, sich sozusagen von ihren eigenen Fesseln zu befreien. Denn sonst würden die Regulatoren die Fesseln so eng schnüren, dass sie ersticken könnte.

Karriereaufschub um zu beten

Doch wäre einer dieser angesprochenen «jungen, ehrgeizigen» Banker, die gerade von der Elite-Universität kommen und sich einen Job ergattert haben, tatsächlich bereit, ein Jahr lang auf Gehalt zu verzichten und die Karriere auf die lange Bank zu schieben, um «näher bei Gott» zu sein?

Was würde der Arbeitgeber dazu sagen, wenn einer seiner zukünftigen Hoffnungsträger die Absicht hat, den Anzug für ein Jahr lang mit der Mönchskutte zu tauschen, um sich der Selbstreflexion zu widmen? Wie Erzbischof Welby diese Problematik angehen möchte, um seine Initiative umzusetzen, hat er bislang nicht dargelegt.

Aber sein «Kloster für Banker» ist mehr als ein Versuchsballon. Er stellte dieses Projekt am vergangenen Wochenende an einem Meeting des Internationalen Währungsfonds vor, wo er als Vertreter der Bank of England gesprochen hatte.

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Der Versicherer hat in der Romandie Wohn- und Büroimmobilien im Volumen von rund 290 Millionen Franken erworben. Dabei handelt es sich bislang um die grösste Immobilieninvestition in der Westschweiz für die Allianz Suisse. Angesichts des anhaltenden Tiefzinsumfelds investiert der Versicherer verstärkt in Immobilien.

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Die Ratingagentur Fitch hat das Rating für Finanzstärke für den Rückversicherer Swiss Re mit AA– und den Ausblick mit «stabil» bestätigt. Auch das Langfristrating bleibt mit stabilem Ausblick unverändert bei A+.

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